Die Nuklearkatastrophe von Fukushima zog nicht nur Auswirkungen in Japan nach sich, sondern führte weltweit zu Diskussionen ob dem Heil und Segen von Atomkraftwerken. Das Grundvertrauen der Befürworter dürfte – wenn es denn je eins gab – grundsätzlich erschüttert sein, die Skepsis hat bei den Skeptikern zugenommen. Niemand wird wohl glauben, dass diese Katastrophe keine dauherhaften Auswirkungen auf die künftige Atompolitik der einzelnen AKW-Nationen habe, ganz besonders nicht in Deutschland. Der Mensch ist recht einfach gestrickt: Was er nicht sehen und nicht wirklich verstehen kann und ihn dennoch wärmt, das muss irgendwie ok und gut sein. Und es bedarf viel, um ihn davon abzubringen.

Was wäre, wenn wir dieses Vertrauens-Szenario – denn es geht letztlich um Vertrauen in gesamtheitlich positive Nutzeffekte – auf das Internet übertragen? Irgendwie wärmt es uns, wir können die Technik nicht wirklich sehen und nicht wirklich verstehen. Bereits in einem anderen Artikel hatte ich versucht zu erklären, was passieren würde, wenn die Kommunikationstechnik des Internets dauerhaft und über Nacht ausfällt.

Es hätte Auswirkungen auf sämtliche Bereiche der Menschheit. Wirtschaft, ganz besonders Finanzwirtschaft, Militär, Gesundheit, Ernährung und Wissenschaft. Bereits der Kollaps der Finanzwirtschaft alleine würde sämtliche Staaten in erhebliche Not bringen.

Ist der Ausfall wichtig? Nicht wirklich, aber etwas anderes, aus dem sich der Ausfall-Gedanke speist. Wir werden in Zukunft eine noch weitaus stärkere Durchdringung unserer gesamten Lebensgestaltung beobachten können. Die Vernetzung wird in Haushaltssysteme vordringen, in jedes Fahrzeug, in jede Straße, an nahezu jedem Ort der Erde wird jederzeit mindestens ein Gerät mit dem Netz kommunikativ verbunden sein. An dieser Zukunft bauen Firmen wie IBM, Microsoft, Google, Apple, Mercedes, Toyota, Intel, AMD, ARM, Siemens und General Electrics.

Die Abhängigkeit von der Technik, aber auch der technische Fortschritt wird nur oberflächlich betrachtet von wirtschaftlichen Interessen getrieben. Wesentlich ist, dass der Mensch gesamtheitlich gesehen der alles verbindenden Kommunikationsmaschine Internet ein Grundvertrauen in deren Nutzvorteile entgegenbringt.

Erschüttert man dieses Grundvertrauen in die Technik, wird es größere Auswirkung denn Fukushima nach sich ziehen. Nicht nur, dass vorstellbare „Fallout“-Effekte eine unzählige Menge von Menschenleben nach sich ziehen. Mit zunehmender Abhängigkeit wird der drastische Abfall des Vertrauens noch stärker ausfallen. Das Schreckensszenario eines nuklearen Winters wird in Zukunft durch das Szenario eines digitalen Winters abgelöst bzw. ergänzt. Es wird womöglich nie dazu kommen, muss es auch nicht. Im Grunde ist es nur wichtig zu verstehen, dass das Bewusstsein von Risiken und zugleich positiven Nutzeffekten zunimmt. Angst gegen Vertrauen.

Was bedeutet dies für die agierenden Wirtschaftsbetriebe? Ich deute nicht nur Aussagen leitender Intel-Angestellter in diese Richtung („was würde passieren, wenn das Vertrauen erschüttert wird“), sondern auch von anderen Akteuren aus der bestimmenden Internetwirtschaft, dass man sich des wachsenden Risikos immer bewusster wird. Je größer die Wirtschaftseffekte, umso stärker das Bewusstsein. Und wir wissen nicht erst seit gestern, dass sich die US-Regierung ebenso wie andere Regierungen zunehmend den Kopf zerbricht, wie man das System Internet weitaus besser schützen kann. Politik und Wirtschaft gehen stets einher. Sie sind diejenigen, die mit am meisten Einfluss auf unsere Zukunft haben.

Kontrollieren und Schützen sind jedoch nicht weit voneinander entfernt. Wenn ich etwas besser schützen kann, kann ich es auch besser kontrollieren. Wenn ich etwas besser kontrollieren kann, wie wird sich der Mensch in diesem System dann verhalten, wenn sein Leben davon betroffen ist? Wird er sich freiheitlich eingeschränkt fühlen? Wird es einen ersten Freiheitskrieg geben, der nur und wegen dem Netz ausgetragen wird? Je enger sich der Mensch an dieses System bindet, umso wichtiger wird ihm dieses Systems, umso eher wird er es als ein Teil seines Lebens empfinden und schützen wollen.

Wer schützt nun in diesem Zukunftsszenario wen? Die Angst der einen oder die Angst der anderen? Was wir heute sehen, dass Netzpolitik der Bürger immer wichtiger wird und die Politlandschaft durchdringt, wird morgen auf einer Augenhöhe mit militärischen, energiepoitischen, gesundheitlichen und sozialen Themen behandelt. Was das auch heißt? Dass die Piratenpartei eine rosige Zukunft vor sich hat, womöglich, aber ist das wirklich wichtig in diesem Denkspiel?

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