Das Militär ist durch was gekennzeichnet? Auch und vor allen Dingen durch eine zielgerichtete Kommunikation, die sich in aufklärende, organisierende und propagandaartige Zwecke aufteilt. Ohne zielgerichtete Kommunikation könnten Militärs ihr volles Potential nicht einmal ansatzweise entfalten und das wesentliche Zusammenspiel einzelner Einheiten wäre unmöglich. Seitdem es militärische Strukturen gibt, justieren und feilen die Planer an den Kommunikationssystemen. Wir haben es erst jüngst erfahren, was das heute bedeutet: Der amerikanische Präsident kann seinen Soldaten über tausende Kilometer hinweg bei der Liquidierung eines Topterroristen über die Schulter schauen.

Das Prinzip dahinter ist eigentlich sehr simpel, und dazu diente das militärische Beispiel: Wer in der Lage ist, Individuen als gemeinsame, zielgerichtete Einheit zu organisieren und zu steuern, entfaltet eine ungeahnte Macht in allen Belangen. Die Summe ist weitaus größer als voneinander unabhängig agierende Individuen.

Der Bürger hat erst seit dem letzten Jahrhundert vergleichbare Kommunikationspotentiale wie das Militär zur Verfügung gestellt bekommen, die den Bürger in die Lage versetzen, gemeinsam zielgerichtet, fokussiert und organisiert vorzugehen. Natürlich sprechen wir vom Internet. Zu welchen Zwecken und von welchen Potentiale sprechen wir?

1. Sie – die Bürger – können durch die kommunikative und propagandaartige Organisation zu einer erheblichen Gefahr für die etablierte, politische Macht werden. Wir sprechen nicht von einer theoretischen Gefahr, sondern von faktischen Potentialen. Die auf globaler Ebene Wirkung gezeigt haben. Regierungen haben das Bedrohungsszenario schon lange erkannt und haben Gegenmaßnahmen zur Eindämpfung dieser Potentiale geschaffen. Bekannt ist sicher in Teilen das Vorgehen der chinesischen Regierung. Worte werden zensiert, die Kommunikation wird überwacht, der Einzelne ist identifizierbar. Der einzige Zweck der Überwachung und Kontrolle ist, dass sich Individuen nicht zu einer gemeinsam agierenden, zweckgerichteten kritischen Masse organisieren können. Hier – am Beispiel von China – können wir weder von egoistischen noch zu dummen Usern sprechen. Es wird ihnen erheblich erschwert.

2. Abbgesehen von politischen Umbruchpotentialen, die eine gemeinsame Bürger-Kommunikation nach sich zieht, können wir Nutzungspotentiale bis hinein in den Alltag des gesellschaftlichen Zusammenlebens erkennen. Wenn die mindestens 50 Millionen Internetnutzer Deutschlands nur wollten und könnten, würden sie sich täglich eines gesellschaftlichen Problems annehmen. Ein geballtes Zusammenwirken würde gesellschaftliche Probleme, die das Einzelindividuum nicht lösen kann, schneller lösen. Doch jeder Tag vergeht ungenutzt. Es finden keine zweckgerichtet spürbaren und kommunikativen Maßnahmen statt. Weder zum Einkreisen bewältigbarer Probleme durch die „Masse“, noch zum Organisieren und Aufbauen notwendiger Strukturen, die erst die Idee schaffen, dass man faktisch gemeinsam agieren kann. Ohne Idee keine Vorstellung, keine Projektion gemeinsamer Wirkmöglichkeiten.

Hürden
Woran liegt das? Zum einen an der gesellschaftlichen Struktur, die an zahlreichen Stellen die potentiell zweckgerichtete Kommunikation der Bürger untereinander außerhalb des Internets sozusagen ersetzen bzw. kompensieren. Auf politischer Ebene finden wir demokratische Kanäle vor, die politische Willensbildung strukturieren. Auch auf anderer Ebene finden wir andere Strukturen vor, auf Vereinsebene, auf wirtschaftlicher Ebene, auf sozialer Ebene, natürlich auch auf exekutiver und judikativer Ebene. Überall existieren Strukturen, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln, Kommunikationsflüsse kanalisieren. Die Ideen sind ausformuliert und in die Tat umgesetzt.

Und die Idee im Netz? Die wesentlichen, technischen Kommunikationsstrukturen im Netz sind vorhanden. Interessanterweise hat der Bürger noch keine etablierten Strukturen im Netz geschaffen, um sich auf ähnliche Art und Weise gemeinsam auf nationaler Ebene zweckgerichtet auszutauschen und zu organisieren. Es fehlt an Ideen und Vorstellungen. Ich spreche hierbei weder von den abertausenden Foren, Millionen von Mail- und Chat-Accounts noch von den Social Networking Profilen. Überall finden wir diese technische Strukturen vor, die einzelne Individuen in kleinsten Gruppen organisiert kommunizieren lassen. Ein Twitter-User erreicht womöglich 10.000 User, ein Forum 100.000 User, ein Facebook-Nutzer 1.000 User.

Die beispielhaften Zahlen sind mitnichten ein Argument, dass die Technik ein Limit kennen würde, die allen Individuen und Teilnehmern des Netzes als gesamte Gruppe am Austausch hindern würde. Faktisch finden wir selten Fälle vor, dass sich mehr als 100.000 User einer Sache annehmen. Wir kennen diese Beispiele anhand von Petitionen und einem interessanten Facebook-Einzelfall namens Guttenberg.

Hürdenbewältigung
Was könnte demnach die Idee projizieren, dass wir gemeinsam agieren können? Wie immer kann man auf Bestehendes zurückgreifen, wenn wir hier analogisch statt vom „nation building“ vom „internet nation building“ sprechen. Eine der simpelsten Maßnahmen ist das Personfizieren und das Schaffen von symbolhaften Plätzen, die als gemeinsame Identifikationsklammer dienen.

Das Personifizieren ist – ich weiß, es hört sich sehr merkwürdig an jetzt – das Schaffen eines Internet-Präsidenten inkl. Internet-Bundestag. Der/die weder über Macht noch Befugnisse verfügen. Es ist aber eine personifizierte Projektionsfläche des gemeinsam agierenden Individuums, Ansprechpartner für Medien und Sprachrohr der zweckgerichteten Kommunikation. Es bzw. Er/Sie ist der Grundstein für die Idee. Ohne Idee keine Vorstellung, ohne Vorstellung keine Umsetzung.

Das Schaffen symbolhafter Plätze ist ebenso eine Grundbasis für das Kristallisieren der Idee. Wie auch immer die URL lautet, wie auch immer der Webspace aussieht, es spielt letztlich keine Rolle. Hier kann der Bürger seine Wünsche und Ideen kanalisieren und sich gemeinsam an identifizierten Problemen entlanghangeln.

Könnte man dies als Schattenparlament im Netz bezeichnen? Schattenkanzler via Bürgerpower?

Quatsch
Ich weiß, es hört sich außerhalb der üblichen Denkweisen an. Die nur sehr grobe Idee des gemeinsamen Agierens mutet sehr befremdlich an. Die Umsetzung hört sich nicht bewältigbar an. Wie will man Millionen von Interessen kanalisieren, um zu zur Probelmbewältigung abseits bisher bekannter Strukturen zu fokussieren?

Was wir historisch beobachten können, deutet dennoch auf neue Lösungen in der Zukunft hin, wie sich Gesellschaften in Zukunft organiseren werden. Dezentraler, dynamischer, individueller und in Teilen auch geballter. Das Dezentralisieren gesellschaftlicher Strukturen hat nicht erst seit gestern begonnen, sondern seitdem wir Gesellschaften bilden. Unternehmen werden zunehmend weniger militärisch-hierarchisch geführt. Das Wissen fließt schneller, dezentraler und führt zu neuen Lösungen, die nicht mehr von Wenigen abhängig sind. Es befähigt Individuen zu neuen Ideen. Gilden wurden durch Vereine und Verbände ersetzt. Vereine werden durch lose Interesensgemeinschaften über Verbindungen via Netz ersetzt. Es bilden sich neue Parteien, die über das Internet neuartig und andersartig agieren, die Kontrolle und Macht sehr viel näher an den Bürger übergeben. Politische Gebilde, die einst rein zentralistisch geprägt waren, werden zunehmend demokratischer. Die Entscheidungs- und Verfügungsgewalten werden immer dezentraler.

Ohne Technik wären wir nich in der Lage, den Widerspruch aus individuellen Interessen und gemeinsamen Organisationen aufzulösen. Den wir bisher entweder hierarchisch-zentral oder demokratisch-repräsentativ gelöst haben. Imperfekte Lösungen letztlich.

Sind wir demnach zu dumm und zu egoistisch? Im Grunde ja, da wir neuartige Möglichkeiten jeden Tag verstreichen lassen, die sich uns aber schon seit Jahren bieten.

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