EU: Was machen die Kommissionen?

publiziert am 10.06.20140 Kommentare

Nach dem ersten EU-Beitrag auf meinem Blog (wer wählt den EU-Kommissionspräsidenten und was sind seine Aufgaben) schauen wir uns an, was eigentlich EU-Kommissionen sind, welche es gibt und für was sie zuständig sind.

Fangen wir auf der ersten Ebene an: Die Kommissionsmitglieder
Die EU-Kommission besteht aus 28 Mitgliedern. Einer ist der Kommissionspräsident, der Richtlinienkompetenz für seine 27 Kollegen besitzt, obgleich er dem Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik weniger in die Arbeit hereinpfuschen kann.

Die EU Kommissare tagen wöchentlich und haben die alleinige Befugnis, dem EU-Rat und dem EU-Parlament Gesetzesvorschläge zu unterbreiten (“alleiniges Initiativrecht im EU-Gesetzgebungsverfahren“). Obgleich das EU-Parlament der Kommission Vorschläge unterbreiten darf, neue Gesetzesvorschläge zu erarbeiten, verbleibt das faktische Recht bei der Kommission.

Heißt? Die Kommission ist die Exekutive der EU. Sie kümmert sich um die Ausarbeitung aber auch Einhaltung der Gesetze. Wenn man so will, stellt die EU-Kommission den Kanzler und die Minister. Also das Kabinett? Ja, kann man so sagen. Kein Kabinett ohne Ministerien und kein Minister ohne direkte Mitarbeiter: Hierzu gibt es die Generaldirektionen und dessen eigenes Mini-Kabinett. Erstmal das Kabinett.

Die zweite Ebene: Das Kabinett eines EU-Kommissars
Als Beispiel picken wir uns EU Kommissar Tonio Borg und seinen Zuständigkeitsbereich “Gesundheit und Verbaucherschutz” heraus.

Zitat Wikipedia

Die Generaldirektion ist eingerichtet worden, um die Gesundheit und Sicherheit der europäischen Bürger zu verbessern und das Verbrauchervertrauen zu stärken. Die Europäische Union hat im Laufe der Jahre zahlreiche Vorschriften über die Sicherheit von Lebensmitteln und anderen Produkten, über die Rechte der Verbraucher und den Schutz der menschlichen Gesundheit erlassen. Die Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz ist damit beauftragt, diese Rechtsvorschriften auf dem neuesten Stand zu halten.

Angewendet werden die Vorschriften zum Gesundheits- und Verbraucherschutz von den nationalen, regionalen oder kommunalen Regierungsstellen in den EU-Mitgliedstaaten. Deren Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Lebensmittelerzeuger, Hersteller und Händler im jeweiligen Land die Rechtsvorschriften einhalten. Gleichwohl gehört es auch zu unseren Aufgaben, zu überprüfen, dass dies wirklich geschieht und dass die Vorschriften in allen EU-Mitgliedstaaten ordnungsgemäß angewendet werden.

Tonios Kabinett besteht aus 21 Personen, die ihm direkt zuarbeiten. Die Übersicht der Personen und deren Aufgabenbereiche findet Ihr auf seiner eigenen EU-Seite. Wenn man so will, ist das quasi sein Stab.

Die dritte Ebene: Die Generaldirektionen der EU
Die 27 EU Kommissare verantworten die Generaldirektionen. Die wiederum selbst in folgende Bereiche und Abteilungen unterteilt sind, am Beispiel der Generaldirektion “Gesundheit und Verbraucher“:
Direktion A: Allgemeine Angelegenheiten (6 Abteilungen)
Direktion B: Verbraucherangelegenheiten (6 Abteilungen)
Direktion C: Öffentliche Gesundheit (4 Abteilungen)
Direktion D: Gesundheitssystem und Produkte (5 Abteilungen)
Direktion E: Sicherheit der Nahrungsmittelproduktion (6 Abteilungen)
Direktion F: Lebensmittel- und Veterinärbüro (7 Abteilungen)
Direktion G: Veterinäre und Internationale Angelegenheiten (8 Abteilungen)

Die Liste der Zuständigkeitsbereiche der EU-Kommisssare

  • Präsident – José Manuel Barroso
  • Vizepräsidentin, Außen- und Sicherheitspolitik – Catherine Ashton
  • Vizepräsidentin, Digitale Agenda – Neelie Kroes
  • Vizepräsident, Institutionelle Beziehungen und Verwaltung – Maroš Šefčovič
  • Vizepräsidentin, Justiz und Grundrechte – Viviane Reding
  • Vizepräsident, Unternehmen und Industrie – Antonio Tajani
  • Vizepräsident, Verkehr – Siim Kallas
  • Vizepräsident, Wettbewerb – Joaquín Almunia
  • Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit – László Andor
  • Bildung, Kultur und Jugend, Mehrsprachigkeit – Androulla Vassiliou
  • Binnenmarkt und Dienstleistungen – Michel Barnier
  • Energie – Günther Oettinger
  • Entwicklung – Andris Piebalgs
  • Erweiterung und europäische Nachbarschaftspolitik – Štefan Füle
  • Finanzplanung und Haushalt – Janusz Lewandowski
  • Fischerei und maritime Angelegenheiten – Maria Damanaki
  • Forschung und Innovation – Máire Geoghegan-Quinn
  • Gesundheit – Tonio Borg
  • Handel – Karel De Gucht
  • Humanitäre Hilfe und Krisenschutz – Kristalina Georgiewa
  • Inneres – Cecilia Malmström
  • Klimaschutz – Connie Hedegaard
  • Landwirtschaft und ländliche Entwicklung – Dacian Cioloș
  • Regionalpolitik – Johannes Hahn
  • Steuern, Zollunion und Betrugsbekämpfung – Algirdas Šemeta
  • Umwelt – Janez Potočnik
  • Verbraucherschutz – Neven Mimica
  • Vizepräsident, Wirtschaft und Währung – Olli Rehn

Die Leiter der o.g. Generaldirektionen (siehe Liste der Generaldirektoren unten) sind den EU Kommissaren unterstellt und haben die verwaltungstechnische Oberheit über ihre Generaldirektion. Staatssekretäre der Ministerien also? Ja, in etwa. Sie werden für fünf Jahre auf ihren Posten berufen.

Das grobe Unterteilungsschema sieht wie folgt aus:
P: Politikfelder (Policies)
E: Außenbeziehungen (External relations)
G: Allgemeine Dienste (General services)
I: Interne Dienste (Internal services)

Daraus ergeben sich zur Zeit 43 Generaldirektionen, Ämter und Dienste mit rund 24.000 Angestellten.

Im Rang den Generaldirektionen gleichgestellt sind auch einige Europäische Ämter (etwa das Statistische Amt) und Dienste der Europäischen Kommission (wie Übersetzungs-, Dolmetsch-, Pressedienst). Auch die zeitlich begrenzt eingerichteten Exekutivagenturen der Europäischen Union haben den Rang einer Generaldirektion. Insgesamt umfasst die Verwaltung der Kommission rund 24.000 Mitarbeiter (zum Vergleich: die deutsche Bundesverwaltung beschäftigt etwa 316.500, die Schweizer Bundesverwaltung etwa 33.000 Mitarbeiter). (Quelle)

  • P – Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit – Koos Richelle – Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit
  • P – Bildung und Kultur – Jan Truszczynski – Bildung und Kultur
  • P – Binnenmarkt und Dienstleistungen – Jonathan Faull – Binnenmarkt und Dienstleistungen
  • P – Energie – Dominique Ristori – Energie
  • P – Mobilität und Verkehr – Joao Aguiar Machado – Verkehr
  • P – Maritime Angelegenheiten und Fischerei – Lowri Evans – Fischerei und maritime Angelegenheiten
  • P – Forschung und Innovation – Robert-Jan Smits – Forschung und Innovation
  • P – Gemeinsame Forschungsstelle – Vladimír ŠUCHA – Forschung und Innovation
  • P – Gesundheit und Verbraucher – Paola Testori Coggi – Gesundheit und Verbraucherpolitik
  • P – Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien – Paul Robert Madelin – Digitale Agenda
  • P – Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft – Françoise Le Bail – Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft
  • P – Inneres – Matthias Ruete – Inneres
  • P – Landwirtschaft und ländliche Entwicklung – Jerzy Bogdan Plewa – Landwirtschaft und ländliche Entwicklung
  • P – Regionalpolitik – Walter Deffaa – Regionalpolitik
  • P – Steuern und Zollunion – Heinz Zourek – Steuern und Zollunion
  • P – Umwelt – Karl Falkenberg – Umwelt
  • – Klimapolitik – Jos Delbeke – Klimaschutz
  • P – Unternehmen und Industrie – Daniel Calleja Crespo – Unternehmen und Industrie
  • P – Wettbewerb – Alexander Italianer – Wettbewerb
  • P – Wirtschaft und Finanzen – Marco Buti – Wirtschaft und Finanzen
  • E – Humanitäre Hilfe – Claus Sørensen – Humanitäre Hilfe und Krisenschutz
  • E – Europäischer Auswärtiger Dienst (1) – Catherine Ashton – Hoher Vertreter
  • E – Erweiterung – Stefano Sannino – Erweiterung
  • E – Entwicklung und Zusammenarbeit – Fokion Fotiadis – Entwicklung
  • E – Handel – Jean-Luc Demarty – Handel
  • G – Amt für Veröffentlichungen – Martine Reicherts – Kommissionspräsident
  • G – Betrugsbekämpfung – Giovanni Kessler – Steuern und Zollunion
  • G – Statistisches Amt – Walter Radermacher – Verwaltung
  • G – Generalsekretariat – Catherine Day – Kommissionspräsident
  • G – Kommunikation – Gregory Paulger – Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft
  • I – Amt für die Feststellung und Abwicklung individueller Ansprüche – Stephen Quest – Verwaltung
  • I – Beratergremium für europäische Politik – Jean-Claude Thébault – Kommissionspräsident
  • I – Datenverarbeitung – Francisco García Morán – Verwaltung
  • I – Datenschutzbeauftragter – Peter Johan Hustinx – Kommissionspräsident
  • I – Gemeinsamer Dolmetscher- und Konferenzdienst – Marco Benedetti – Mehrsprachigkeit
  • I – Amt für Gebäude, Anlagen und Logistik – Brüssel – Gábor Zúpko – Verwaltung
  • I – Amt für Gebäude, Anlagen und Logistik – Luxemburg – Marian O’Leary – Verwaltung
  • I – Finanzplanung und Haushalt – Hervé Jouanjean – Finanzplanung und Haushalt
  • I – Interner Auditdienst – Brian Gray – Steuern und Zollunion
  • I – Juristischer Dienst – Luís Romero Requena – Kommissionspräsident
  • I – Personal und Verwaltung – Nicholas David Bearfield – Verwaltung
  • I – Übersetzung – Rytis Martikonis – Mehrsprachigkeit
  • I – Humanressourcen und Sicherheit – Irène Souka – Verwaltung

Budgetierung
Zum Abschluss kommen wir zu den Kosten des gesamten Apparates. Fangen wir beim typischen Medien-Buzzing an. Was verdient ein EU-Kommissar?

Das ist recht einfach geregelt:

Für ihre Tätigkeit erhalten die Kommissionsmitglieder aus dem EU-Haushalt ein Brutto-Grundgehalt von 20.278,23 Euro, die Vizepräsidenten der Kommission 22.531,36 Euro, der Kommissionspräsident 24.874,62 Euro im Monat (Stand: Juli 2009). Dieses Gehalt wird versteuert, die Steuern fließen in den EU-Haushalt zurück. Zudem erhalten die Kommissare eine Residenzzulage von 15 % des Grundgehalts sowie eine Aufwandsentschädigung von 607 Euro (Vizepräsidenten 911,38 Euro, Präsident 1418,07 Euro). Das Einkommen der Kommissionsmitglieder liegt damit im oberen Bereich dessen, was Regierungsmitglieder in den großen EU-Mitgliedstaaten üblicherweise verdienen; allerdings erhalten nationale Regierungsmitglieder teils noch weitere Formen von Zusatzvergütungen. Nach ihrer Amtszeit erhalten die Kommissionsmitglieder ab ihrem 65. Lebensjahr ein Ruhegehalt, das sich an der Dauer der Amtszeit berechnet. Es beträgt für jedes Amtsjahr 4,275 %, maximal aber 70 % des letzten Grundgehalts.

Klingt nach viel, ist aber herzlich wenig. Denn lediglich 5,9% des Gesamtbudgets i.H.v. 142 Mrd EUR (anno 2014) fließen in die Verwaltungskosten. Macht in etwa knapp über 8,4 Mrd Euro.
EU Haushalt 2014

Weiß jemand, wieviel Prozent der Ausgaben in die deutsche Bundesverwaltung fließen?

Eine Quelle spricht von Personalkosten:
255.000 Beschäftige waren in der Bundesverwaltung anno 2012 unterwegs.
Personalkosten: 8,7 Mrd Euro.
Personalkostenquote 2012: 8,9%.
Wir reden demnach nur von den Personalkosten, nicht von den gesamten Verwaltungskosten (Grundstücke, Energie, Honorare an Dritte, Reisekosten, etcpp.), die für die Verwaltung des Staatsgebietes BRD in Bundesangelegenheiten aufgebracht werden müssen.

Geiler Blog-Content: Das ist so deppert einfach

publiziert am 05.06.201418 Kommentare

Mirko Lange fragt

Denn ohne geilen Content liest und sieht uns niemand mehr. Und dann ranken wir auch nicht in Suchmaschinen. Und das gilt für jeden: Für den kleinen Blogger wie für den großen Konzern. Die Frage ist nur: Wie geht das? Wie entwickelt man “geilen Content”? Was macht denn Content “geil”? Okay, da gibt es einige allgemeine abstrakte Hinweise. Man muss “das richtige Thema” haben. Hm, okay. Aber wie bekommt man die richtigen Themen raus? Oder man muss sich an der Customer Journey orientieren. Und an den Personas?

Ich glaube, ich habe dazu schon tausendfach verkopfte Antworten gegeben. Wie man dies und das machen kann. Aber letztlich ist der Ursprung von Allem: Herz!

Mir sind schon unzählige Blogger – in Unternehmen und im Privatbereich- begegnet, die es mit Excel-Sheets probierten, exzessive Redaktionspläne machten, sich das Quäntchen Inhalt aus dem Kopf förmlich herauspressten, damit es irgendwie gut klingt, die eigenen Ziele bloß erfüllt. Ist das seelenlos? Ja! Ein Quäntchen Trost drauf!

Wo bleibt der Spaß? Die Freude, über das zu schreiben, was einen selbst beschäftigt? Was man geil, schwierig, faszinierend, kritisch, blöd, toll findet? Nur weil man im Unternehmen oder als PR-Agentur bezahlt wird, darf man für sein Ding nicht herzbluten? Nur weil man ein Privatblogger ist und SEOs an den Lippen hängt, muss man wegen dem beknackten Knien vor dem omniösen Google-Bot sein Herz ausschalten? Ich würde selbst ein Versicherungsblog lesen, wenn der Schreiberling für seine Sache blutet, voll dahintersteht. Bloß, es gibt keins, auf dem man nicht vor lauter Schleimspuren ausrutscht. Einen auf seriös machen, das ist aber total wichtig. Ja keine Ecken und Kanten. Bloß nicht Face zeigen. Könnt ja sein, dass das Geschäft keinen Spaß machen darf. Um Gottes Willen dem Kunden nicht zuviel Spaß beim Arbeiten vermitteln. Arbeit muss schwer sein. Seriös. Schön glätten, bis der letzte Bedenkenträger im eigenen Haus abnickt. Kann man einer Leiche noch Seele einhauchen? Oder etwas Lebendiges beseelen?

Aber Mami, mein Blog liest trotzdem kaum jemand! Na und? Dann war das Blog eben nicht in der Lage, das Herz des Lesers anzusprechen, so what. Schreibst Du Dir die Seele aus dem Leib oder hechelst den Zahlenstatistiken nach? Was schafft mehr Befriedigung und Motivation? Zahlen? Geh und lies aus Mathematikbüchern vor, ist bestimmt auch geil. Aber mein Chef will doch Erfolge! Ja klar, er bekommt ja auch die Provisionen am Ende des Jahres. Du nur auf den Deckel? Dann vermittel ihm doch lieber, dass gute Dinge nicht auf Provisionen basieren, sondern auf Seele und Herz. Alles andere ist Verwaltung dröger Manager, die lieber ihr Haus finanzieren. Mit denen kannst Du nichts reißen. Pack ein und mach Dein dröges Firmenblog einfach dicht!

Herz macht 90% aus, der Rest ist Kopfsache.

eIDEE Wettbewerb: Stimmenerkennung

publiziert am 04.06.20143 Kommentare

Anläßlich des eIDEE-Wettbewerbs einige Beispiel, welche Ideen das sein könnten:

1. Stimmerkennung bei Voicechat
Barcamp Hamburg 13Warum soll es Microsoft nicht möglich sein, Stimmen zu analysieren und daraus zu erkennen, ob ein Erwachsener bei einer XBOX Voice-Chat Session mit einem Kind spricht? Wenn die Eltern voreingestellt haben, dass die Kinder das eben nicht können sollen (was so im Moment nicht einstellbar ist). Klar, kann man seine Stimme verstellen. Oder gar einen Stimmverzerrer benutzen, aber was machts, ein Voice-Analyzer könnte auch dies leisten. Egal, ob es unzuverlässig verlässlich ist. Immerhin wäre es ein dennoch hilfreicher Indikator.

2. Chat-Textanalyse
Wir können die gleiche Situation auf textlichen Chat übertragen. Wer sagt denn, dass man Texte auf Alter des Chat-Teilnehmers hin nicht analysieren kann?

3. Vernetzter Haushalt: Fernzugriffe
Warum soll es nicht möglich sein, steuernde Zugriffe von außen zu erkennen und bei entsprechenden Gerätschaften einen doppelten Check einzubauen, der den Eigentümer am Handy auffordert, das Kommando zu bestätigen? Die Klimaanlage soll auf 30 Grad? Wenn der Eigentümer die Klimaanlage als sicherheitsrelevantes Gerät deklariert hat, bekommt er eben diese Meldung, dass jemand die Temperatur einstellen will. Steuert der Eigentümer erkennbar im Haushalt vor Ort die Geräte an, erfolgt keine derartige Warnung. Je nach Grundaufbau der Steuerungseinheit und ob Fernzugriffe erlaubt sind. Warum gibt es hierzu keine allgemeingültigen Sicherheitsstandards, an die sich alle Hersteller einheitlich halten, damit kein Kuddelmuddel bei der Bedienbarkeit entsteht?

Das sind nur einige, freie Ideenbeispiele, die ich so beim Wettbewerb einreichen würde. Kann ich nicht, da ich das als Jury nicht darf. Nehmen, kopieren, umdenken, einreichen. Andere Ideen denken.

eIDEE Wettbewerb: Mehr Sicherheit, nur wie?

publiziert am 04.06.20140 Kommentare

Durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft entstehen natürlich Einfallstore, die Angreifer ausnutzen können. Wir sehen es heute fast schon an wöchentlichen Meldungen, dass regelmäßig bekannte Anbieter wie eBay oder Adobe davor warnen, doch bitte die Passwörter zu ändern. Mittlerweile bietet sogar das BSI (Bundesamt für Sicherheit) einen Selbsttest an, ob man Betroffener sei. Heartbleed wird ebenso nur die Spitze des Eisbergs sein. Nicht nur, was die Vergangenheit angeht, sondern auch zukünftige Fälle, die noch auf uns zukommen. Bisher hat es uns meistens nur genervt, dass unsere Login-Daten oder Kredidkartendaten gestohlen wurden.

Nur Tablets, Smartphones und PCs?
eIDEE Preisverleihung 2012
Dabei bleibt es nicht: Die Vernetzung und Digitalisierung schreitet in allen Bereichen voran, die das klassische Umfeld der bisher betroffenen Computer – vom Desktop-PC bis hin zum Smartphone – auf den Heimbereich ebenso wie den Automobilbereich ausdehnt. Je granularer wir uns von der Technik abhängig machen, umso umfassender werden die Sicherheitsfragen. Niemand will mit einem ferngelenkten Auto in die Mauer knallen, noch braucht jemand einen Wasserschaden zu Hause, nur weil ein blöder Hacker Spaß dran hatte, den digitalen gesteuerten Wasserhahn aufzudrehen. Selbstvertsändlich wirkt sich das auf das Vertrauen der Kunden gegenüber der Technik aus, umso größer die potentiellen Risiken aber auch Schäden werden. Sowohl die Wirtschaft und Staat, aber auch wir selbst sind gefragt, sich Gedanken zu machen und Vorschläge zu unterbreiten. Wir können uns nicht mehr alleine auf das Good-Will der Unternehmen oder der Open Source Gemeinde verlassen, die es regelmäßig nicht schaffen, die einfachsten Sicherheitsstandards einzuhalten. Welche Sicherheitsstandards? Spricht man mit den Erbauern der neuen Welt – unseren Entwicklern – zieht es einem die Schuhe aus. Wenige verstehen etwas von Sicherheit, viele verlassen sich auf Wenige und setzen das um, was sie vorgesetzt bekommen. Wer will es ihnen verübeln, stehen sie doch unter Zeitdruck und sind froh, wenn die Software das macht, was es erstmal soll: Funktionieren. Wir benutzen dann das Zeug und hoffen, dass schon nichts passiert.

Was wäre, wenn:
Das ist kein Zustand! Wir sind selbst gefordert, nicht nur zu jammern und zu meckern, wenn es wieder mal heißt “Oh, Mist, wie konnte das passieren?“. Es liegt an uns selbst, Druck zu erzeugen, mehr Sicherheit einzufordern, aber auch uns selbst mit Ideen einzubringen, um die Macher in den Firmen womöglich zu inspirieren. Wir müssen dazu keine Sicherheitsexperten sein, um Lösungsvorschläge und Ideen zu unterbreiten. Das Smartphone soll sicherer werden? Reichen die bisherigen Maßnahmen der Anbieter aus? Macht Google, Apple oder Vodafone genug? Wie sieht es mit den Apps aus? Müssen die Apps alle Informationen bekommen, die eine App einfach so verlangt? Wie kontrollieren die App-Store Anbieter (Google, Apple, Microsoft) die Vertrauenswürdigkeit der App-Anbieter? Warum können unsere Kinder einfach so mit fremden Erwachsenen chatten? Wieso erkennt ein unbedarfter User eine Phishing-Mail immer noch nicht? Bieten uns Unternehmen Sicherheitsgarantien an, wenn unser Router oder unser Auto gehackt wird und daraus ein Schaden entsteht?

Nicht labern, machen:
Die Bundesdruckerei veranstaltet genau aus diesem Grund den dritten “eIDEE – Wettbewerb für den digitalen Handschlag“. Ihr könnt auf der Seite Eure Vorschläge und Ideen bis 17. August einreichen. Ihr findet drei Kategorien vor, so dass für jeden etwas Passendes dabei sein sollte. Die Ideen müssen nicht jetzt realisierbar oder umsetzbar sein, eben Ideen halt (einige eigene Beispiele, wie so etwas ganz grob aussehen könnte):
Sichere-Identitäts-Preis für Unternehmen und Institutionen
für Startups
für Privatpersonen
– und zwei Sonderbereiche Design und Schüler, die aus Berlin-Brandenburg kommen.

Wer ist die Bundesdruckerei?
Die Bundesdruckerei firmiert als GmbH, deren alleiniger Anteilseigner der Bund ist. Die Bundesdruckerei produziert bspw. Personalausweise, Reisepässe, Patentschriften, KfZ-Briefe oder Geldnoten, bietet aber auch immer mehr IT-Produkte wie E-Mailverschlüsselung, SSL-Zertifikate etc. für Unternehmen an und verdient ihr Geld in der freien Wirtschaft.

Warum macht das die Bundesdruckerei?
Zitat aus der Pressemeldung der Bundesdruckerei:

“Heute gehen die notwendigen Maßnahmen zum Schutz sicherer Identitäten von Personen, Objekten und Prozessen weit über das Verschlüsseln von E-Mails oder die Sicherung der IT-Infrastruktur hinaus. Mit eIDEE rufen wir dazu auf, sich über Einsatzmöglichkeiten von sicheren Identitäten in Prozessen des Identitätsmanagements Gedanken zu machen. Die besten Einreichungen von Unternehmen und Start-ups wollen wir bei der Umsetzung unterstützen“, begründet Ulrich Hamann, Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO) der Bundesdruckerei GmbH und Jurymitglied, das Wettbewerbs-Engagement.

Warum unterstütze ich als Blogger diesen Wettbewerb?
Ihr habt es oben schon mitbekommen, wo ich Schwachpunkte sehe und ich bin nicht erst seit gestern teils schockiert, wie krass die Schwachstellen sind und wie die Unternehmen dabei agieren. Obwohl wir uns zunehmend von der Technik abhängig machen. Natürlich unterstütze ich das Vorhaben der Bundesdruckerei, für eine Ideensammlung zu sorgen. Ja, der Staat liest mit! Was meistens negativ daherkommt, können wir hier als positiv betrachten: Die Bundesdruckerei redet und arbeitet natürlich mit Staatssekretären und Politikern zusammen. Es ist anzunehmen, dass wir hier auf offene Ohren treffen! Zumal noch eins dazukommt: Ich wurde gefragt, ob wir Blogger beim Publikumspreis aka dem Preis für Privatpersonen als Jury fungieren möchten? Klar! Die Blogger-Jury besteht aus Cornelia Diedrichs, Falk Hedemann, Kai Thrun und Sascha Pallenberg.

Was werden wir als Blogger-Jury tun?
Wir werden aus unserer Kategorie – Privatpersonen – die besten 50 Einreichungen auswählen und unseren Lesern vorstellen, 10 je Blog. Um letztlich daraus je zwei Ideen pro Blog ins Finale wählen zu lassen (der Gewinner wird in einem erneuten Publikums-Voting bestimmt). Ideen formulieren, Einreichen und Dritte Inspirieren! Das ist meine Hoffnung dabei. Denn bei den letzten beiden Wettbewerben wurden die Gewinner bekannt gegegeben, nicht aber die Ideeneinreichungen publik. Das fand ich schade und diesmal machen wir es mit Hilfe des Blogger-Teams etwas anders. Auch kein unwichtiger Hinweis: Wir haben mit der Bundesdruckerei vereinbart, für die Aufwendungen als Jury ein Honorar zu bekommen, da wir nicht einfach mal so nebenbei über 200 Einreichungen (letztes Jahr waren es in der Kategorie +200) in fünf Minuten durchackern können.

Was gibt es zu gewinnen?
Der Winner aus unserer Kategorie wird zusammen mit einer Begleitperson nach Berlin eingeladen. Zusätzlich spendiert blau Mobilfunk dem Gewinner ein Samsung Tablet plus blau Internet-Startpaket im Wert von rund 540 Euro.

Mitmachen
Genug geredet: Ihr braucht Inspiration? Da entlang. Und hier geht es zur Einreichung.

EU-Kommisionspräsidenten wählen oder wählen lassen?

publiziert am 02.06.20142 Kommentare

Die korrekte Antwort lautet: Wählen lassen!

Es geht um den aktuellen Merkel-Buzz, wie undemokratisch unsere Bundeskanzlerin doch sei, Juncker nicht stante pede zum Kommissionspräsidenten der EU zu bestimmen. Mit ein Auslöser war ein Kommentator in der Tagesschau, der Merkel ein gerüttelt Maß an Dummheit bescheinigte. Sie würde die EU Demokratie kaputtzögern. Jetzt kommen auch noch die Briten hinzu, die sich ob Juncker super bockig stellen.

Wie dem auch sei, auf die Pauke hauen kann jeder, am Stammtisch bei einem oder drei Weizen, oder aber im Netz. Politiker können das am besten. Jetzt ist die Rede von den doofen Briten, die doch gar kein Vetorecht besitzen, sie hätten nichts zu melden. Und so weiter. Nervig das.

Juckt mich also jetzt nicht, das Stammtischparlieren. Ich mag auch hin und wieder Fakten zur Abwechslung, damit es nicht immer ganz so aufregend ist. Was soll also der Salat eigentlich? Was hat der zu melden, dieser Kommissar? Fakten? Ich war und bin sicher der Einzige, der sich beim Mitaufregen fragte, was eigentlich überhaupt so ein Kommissionspräsident bei der EU macht und wie der gewählt wird.

EU Gesetzesgebungsprozess

Ich notiere daher, was ich gefunden habe, damit Ihr mich korrigieren könnt, denn Ihr wisst das eh schon alles super.

1. Aufbau der politischen Entscheidungsstrukturen der EU ist dreigeteilt:

1.1 Die EU Kommission stellt quasi eine Art Regierung dar, die über das ausschließliche Gesetzgebungsinitiativrecht verfügt. Das EU Parlament darf jedoch die EU Kommission bitten, dem EU Rat Legislativvorschläge zu unterbreiten. Wir kommen gleich näher auf die Kommission zu sprechen.

1.2 Der EU Rat besteht aus allen EU Mitgliederstaaten:
Im politischen System der EU übt er zusammen mit dem Europäischen Parlament die Rechtsetzung der Europäischen Union aus. Da er die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten repräsentiert, kann er als die Staatenkammer der EU bezeichnet werden (neben dem Europäischen Parlament als Bürgerkammer)… (Wikipedia, siehe auch EU Vertrag §16 und AEU-Vertrag §237 ff.)”

1.3 Das EU-Parlament? Das wählen wir EU-Bürger:
Seit 1979 wird es alle fünf Jahre in allgemeinen, unmittelbaren, freien, geheimen Europawahlen von den Bürgern der EU gewählt. Damit ist das Europäische Parlament nicht nur das einzige direkt gewählte Organ der Europäischen Union, sondern die einzige direkt gewählte supranationale Institution weltweit. Da es unmittelbar die europäische Bevölkerung repräsentiert, kann es als die Bürgerkammer der EU bezeichnet werden” (Wikipedia)
Das EU-Parlament kann man sich wie unser Bundesparlament vorstellen, das sich in Fraktionen politischer Lager gebündelt hat. Im Moment sind sieben Fraktionen bekannt, wovon die EVP (sowas wie CDU) mit 214 Stimmen (28%) und die S&D (sowas wie die SPD) mit 191 Stimmen (25%) die größten Fraktionsblöcke darstellen.

Interessant erscheint mir dieser Passus, der vor der EU-Wahl verfasst wurde und die vertrackte Problematik mit dem EU Kommissionspräsidenten erklärt:

Zu den Europawahlen in den 28 Mitgliedsstaaten treten jeweils nationale Parteien an. Diese haben sich jedoch teilweise zu politischen Parteien auf europäischer Ebene oder Europaparteien zusammengeschlossen. Der am 1. Dezember 2009 in Kraft getretene Vertrag von Lissabon schreibt vor, dass das Europaparlament den (vom europäischen Rat) vorgeschlagenen Präsidenten der Europäischen Kommission wählt. Der europäische Rat muss bei dem Vorschlag das Ergebnis der Europawahl berücksichtigen (vgl. Art. 17 Abs. 7 EUV). Die großen Europaparteien haben daher angekündigt, vor der Wahl Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten aufzustellen. Realistische Chancen werden nur Jean-Claude Juncker und Martin Schulz eingeräumt.

2. Die EU Kommission im Detail
Wir finden dazu das Wesentliche im EU Vertrag “EU-Vertrag Titel III – Bestimmungen über die Organe (Art. 13 – 19), Artikel 17

(1)Die Kommission fördert die allgemeinen Interessen der Union und ergreift geeignete Initiativen zu diesem Zweck. Sie sorgt für die Anwendung der Verträge sowie der von den Organen kraft der Verträge erlassenen Maßnahmen. Sie überwacht die Anwendung des Unionsrechts unter der Kontrolle des Gerichtshofs der Europäischen Union. Sie führt den Haushaltsplan aus und verwaltet die Programme. Sie übt nach Maßgabe der Verträge Koordinierungs-, Exekutiv- und Verwaltungsfunktionen aus. Außer in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und den übrigen in den Verträgen vorgesehenen Fällen nimmt sie die Vertretung der Union nach außen wahr. Sie leitet die jährliche und die mehrjährige Programmplanung der Union mit dem Ziel ein, interinstitutionelle Vereinbarungen zu erreichen.

(2) Soweit in den Verträgen nichts anderes festgelegt ist, darf ein Gesetzgebungsakt der Union nur auf Vorschlag der Kommission erlassen werden. Andere Rechtsakte werden auf der Grundlage eines Kommissionsvorschlags erlassen, wenn dies in den Verträgen vorgesehen ist.

(3) Die Amtszeit der Kommission beträgt fünf Jahre.

Aha… und der Kommissionspräsident? Was macht der? Wie wird der also gewählt? Und wer wählt die Kommissionsmitglieder?
Das wiederum finden wir ab $17.4 ff.

Umfang der Kommission

(4) Die Kommission, die zwischen dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Vertrags von Lissabon und dem 31. Oktober 2014 ernannt wird, besteht einschließlich ihres Präsidenten und des Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, der einer der Vizepräsidenten der Kommission ist, aus je einem Staatsangehörigen jedes Mitgliedstaats.

(5) Ab dem 1. November 2014 besteht die Kommission, einschließlich ihres Präsidenten und des Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, aus einer Anzahl von Mitgliedern, die zwei Dritteln der Zahl der Mitgliedstaaten entspricht,

Zur Wahl der Kommission und des Kommissionspräsidenten, da haben wir es doch endlich:

(7) Der Europäische Rat schlägt dem Europäischen Parlament nach entsprechenden Konsultationen mit qualifizierter Mehrheit einen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Kommission vor; dabei berücksichtigt er das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen Parlament. Das Europäische Parlament wählt diesen Kandidaten mit der Mehrheit seiner Mitglieder. Erhält dieser Kandidat nicht die Mehrheit, so schlägt der Europäische Rat dem Europäischen Parlament innerhalb eines Monats mit qualifizierter Mehrheit einen neuen Kandidaten vor, für dessen Wahl das Europäische Parlament dasselbe Verfahren anwendet.

Der Rat nimmt, im Einvernehmen mit dem gewählten Präsidenten, die Liste der anderen Persönlichkeiten an, die er als Mitglieder der Kommission vorschlägt. Diese werden auf der Grundlage der Vorschläge der Mitgliedstaaten entsprechend den Kriterien nach Absatz 3 Unterabsatz 2 und Absatz 5 Unterabsatz 2 ausgewählt.

Der Präsident, der Hohe Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik und die übrigen Mitglieder der Kommission stellen sich als Kollegium einem Zustimmungsvotum des Europäischen Parlaments. Auf der Grundlage dieser Zustimmung wird die Kommission vom Europäischen Rat mit qualifizierter Mehrheit ernannt.

Heißt also?
Erst spricht sich der EU-Rat ab und stimmt mittels einer sog. qualifizierten Mehrheit – laut dem hierzu noch bis November 2014 gültigen Vertrag von Nizza – für einen Kommissionspräsidenten. Unter Berücksichtigung der EU-Wahlen. Übrigens, Deutschland hat 29 Stimmen, ebenso wie Frankreich und England. Was heißt qualifizierte Mehrheit?

EU-Glossar dazu

Seit dem 1. Januar 2007 und nach der Erweiterung der Union wird die qualifizierte Mehrheit mit 255 von 345 Stimmen und der Zustimmung der Mehrheit der Mitgliedstaaten erreicht. Außerdem kann ein Mitgliedstaat überprüfen lassen, ob die qualifizierte Mehrheit mindestens 62 % der Gesamtbevölkerung der Union repräsentiert. Ansonsten kommt der Beschluss nicht zustande.

Mit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon wird ein neues System, das der „doppelten Mehrheit“ eingeführt. Es tritt erst am 1. November 2014 in Kraft und das System von Nizza gilt weiterhin für eine Übergangszeit bis 31. Oktober 2014. Gemäß dem Vertrag von Lissabon entspricht die neue qualifizierte Mehrheit mindestens 55 % der Mitglieder des Rates, gebildet aus mindestens 15 Mitgliedern, sofern die von diesen vertretenen Mitgliedstaaten mindestens 65 % der EU-Bevölkerung ausmachen. Für eine Sperrminorität sind mindestens vier Mitglieder des Rates erforderlich.

Nachdem sich der EU-Rat auf einen Kandidaten geeinigt hat – mittels Wahl – wird der Kommissionspräsident dem EU Parlament vorgestellt und per Wahl abgenickt. Fertig? Nö! Der EU Rat benennt nun zusammen mit dem vorläufigen Kommissionspräsidenten die einzelnen Kommissionsmitglieder, die dann én bloc dem EU Parlament zur abnickenden Wahl vorgeschlagen werden. Wenn das EU Parlament jetzt dem gesamten Kommissionsteam nicht zustimmt, ist der Kommissionpräsident ebenso fällig wie auch die Mitglieder der Kommission. Also etwas anders zur Kanzlerin, die Minister alleine zusammen mit dem Bundespräsidenten quasi bestimmt und faktisch entläßt? Exakt.

Was hat eigentlich der Kommissionspräsident zu melden und warum also das heckmeck, wo doch alle irgendwie etwas mitzubestimmen haben? Na, das ist einfach und damit extrem wichtig, steht im EU-Vertrag §17.6:

(6) Der Präsident der Kommission
a) legt die Leitlinien fest, nach denen die Kommission ihre Aufgaben ausübt,
b) beschließt über die interne Organisation der Kommission, um die Kohärenz, die Effizienz und das Kollegialitätsprinzip im Rahmen ihrer Tätigkeit sicherzustellen,
c) ernennt, mit Ausnahme des Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, die Vizepräsidenten aus dem Kreis der Mitglieder der Kommission.

Erinnern wir uns an oben? Die Kommission hat die alleinige Gesetzesinitiative, nebst dem Vorschlagsrecht des EU-Parlaments, dass die EU-Kommission doch mal bitte einen Gesetzestext ausarbeiten und dem EU-Rat vorlegen möge. Wer sich generell für den komplexen Hergang der Gesetzgebung interessiert: Ihr findet eine super tolle Übersicht auf “Die Legislativbefugnis / Das Ordentliche Gesetzgebungsverfahren” mit schönen Schaubildchen. Danke Insa, für den tollen Linktipp!

Die bloggenden Jubelperser

publiziert am 01.06.20143 Kommentare

Die Welt wurde einfacher zu versorgen
Es war einmal vor langer Zeit, da bekamen wir unsere News von Radiosendern, Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern zugeschustert. Das hatte sich jedoch recht schnell gewandelt, nachdem die stark sinkenden Produktionskosten für Content Management Systeme und Datenbankspeicher aber auch die Hosting-Kosten und Telekommunikationskosten wie eine Art von Subventionsförderung für eine steil zunehmende User-Kommunikation untereinander sorgten.

Natürlich beruhte ein Teil der Produktionskostensenkungen auf “Open Source”-Innovationen, die zum Nullkostenpreis verteilt wurden (allen voran der Apache Webserver und die MySQL-Datenbanktechnik, nebst zahlreichen Kommunikationsprotokollen die ohne Lizenzgebühr genutzt werden dürfen).

Das summarische Ergebnis: Foren, Blogs, Webseiten i.A., Usenet bis hin zu Chat-Systemen dienen uns als technische Standbeine der User-zu-User getriebenen Kommunikation.

Auf dieser geballten Entwicklung setzten kommerzielle Anbieter auf, die von dem Trend einer engmaschigeren aber auch wesentlich breiteren Kommunikation profitieren konnten. Google und Baidu finden die Nadeln im biggest Heuhaufen ever. Facebook, RenRen und QZone bündeln Kommunikationsstränge zu sozialen Beziehungen jeglicher Bindungsnähe. Youtube und Instagram befriedigen unsere visuellen Sehgewohnheiten. WhatsApp, Snapchat, Twitter, WeChat und QQ tragen zum spontanen Kommunikationsdrang bei. Ob im Westen oder Osten, das Angebotsmuster ähnelt sich, nur sind es eben andere Anbieter, die Märkte in den einzelnen Hemisphären dominieren.

Was haben wir daraus gemacht und wer macht nicht mit?
The Grove by night
Die Frage ist eher, was wir nicht daraus gemacht haben? Mir fällt kein thematischer Bereich ein, worüber wir uns nicht austauschen. Naturgemäß kamen zwei wesentliche gesellschaftliche Institutionen diesem Trend der Nutzer getriebenen Kommunikation nur mit großer Zeitverzögerung nach, um einerseits selbst Anteil an dieser Kommunikation zu nehmen, um andererseits aber auch die Belieferungsströme eigener Informationen anzupassen (sprich: User, Bürger, Konsumenten direkt mit Informationen versorgen anstelle der Medien): Politik und Wirtschaft.

Warum die naturgemäße Verzögerung?
Politik und Wirtschaft sind im Einzelnen betrachtet zielgerichtete Strukturorganisationen, die kommunikativ gesehen kontrollierte, einheitliche, einstimmige Kommunikation bevorzugen. Daran ist zunächst nichts Böses noch Gutes.

Es erfüllt schlichtweg einen effizienten Zweck: Anders lassen sich größere Organisationseinheiten nach heutigen Erkenntnissen kaum in der Öffentlichkeit darstellen noch transportieren. Weder sprechen noch senden 100.000 Mitglieder für eine Organisation nach individuellen Belieben.

Was wäre wenn jeder Einzelne senden darf
Es wäre anzunehmen, dass ein Verständnischaos beim Empfänger der Information auftreten würde. Ein exzellentes Beispiel lieferte die Piraten-Partei in Deutschland ab: Das Individuum beugte sich nicht der Organisation. Status Quo ist weltweit genauso wie in Deutschland auch: Die Summe der Individuen und derer Einzelhaltungen in einer Partei oder als Angestellte eines Unternehmens ist eben nicht die Partei noch das Unternehmen. Das Individuum beugt sich den Interessen, der Kultur und den Zielen der Organisation.

Das Bestreben nach Kontrolle
Daraus erklärt sich im Kern die zögerliche Öffnung der beiden gesellschaftlichen Institutionen Politik und Wirtschaft gegenüber einer User getriebenen Kommunikation. Eine Organisation trifft auf eine Vielzahl von Individuen, die kaum nach Haltungen, Meinungen und Vorlieben zu gruppieren sind. Eine individuelle Ansprache übersteigt die Fähigkeiten jeglicher Organisation bei Weitem. Noch werden sich die Individuen den Interessen der Organisation freiwillig beugen, da sie nicht deren Mitglieder sind (ein Zustand, der entweder unfreiwillig auftritt oder aber nach einem Abgleich des Werte- und Bedürfnissystems, say Marke baby, aber stets einen kommunikativen Austausch im Vorfeld voraussetzt).

Ein kontrolliertes Vorgehen ist daher gefragt: Wo finde ich als Organisation Gruppierungen – als Bündel womöglich gemeinsamer Interessen und Gebräuche -, auf die ich zusätzlich direkt neben der bisherigen PR-Arbeit zugehen kann oder denen ich mich gegenüber öffne, um meine Ressourcen gegenüber eine 1:1 Kommunikation zu schonen? [Übrigens: Die Frage nach einem weiterem, kommunikativen Muster soll hier nicht behandelt werden. Die da wäre? Warum kommunizieren Unternehmen in Produkt- und Markensprache, gründen eigene Orte im Netz (sowohl in eigenen Gefilden aber auch in fremden Gewässern wie Facebook)?]

Eine Antwort: Blogger
Es wurde genügend medial auch außerhalb der Netze getan, um die Aufmerksamkeit auf die Gruppe von Millionen an Einzelbloggern zu lenken. Ein üblicher Prozess folgte: Auf Irritationen folgten Auseinandersetzungen, sachliche und unsachliche. Mit der Zeit schälte sich die Erkenntnis heraus, dass Blogger durchaus zu einem Teil der bisher zu versorgenden Kommunikationskanäle gehören können. Diese Erkenntnis haben Politik und Wirtschaft selbstverständlich nicht alle gemeinsam im gleichen Maße gewonnen, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Es gibt daher nach wie vor zahlreiche Organisationen, die entweder überhaupt nicht mit Blogger reden wollen oder aber nur in begrenzten Maße bis hin zu seltener anzutreffenden Organisationen, die Blogger auf gleiche Stufe wie kommerzielle und staatliche Medien gestellt haben. Die anfänglichen Verständigungsprobleme – “was sind sie, Blogger?” – sind jedoch weitestgehend überwunden.

Blogger dienen im o.g. Sinne als gruppierende Kanäle, die mit Informationen versorgt werden, um die Problematik einer 1:1 Kommunikation zu umgehen. Manche reden daher nicht zu Unrecht von Multiplikatoren.

Fassen wir kurz zusammen: Organisationen wie Politk und Unternehmen kommunizieren zielgerichtet. Sie haben ein starkes Interesse, positive Signale zu senden, nicht bloß zu informieren. Was sie in Nichts von uns Individuen unterscheidet, die eine positive Darstellung der eigenen Person bevorzugen. Obgleich es User gibt, die diesen Drang zur positiven Darstellung kritisieren. Dabei wird gerne vergessen, dass Organisationen das gleiche Recht wie Individuen zusteht, in jeglicher Hinsicht.

Was haben wir Blogger daraus gemacht?
Unternehmen wie auch Politik treffen auf Blogger aka Individuen, die eigene Meinungen und Haltungen pflegen und hegen. Sie haben eigene Arbeitsweisen, ihre Blogs zu befüllen, eigene Publikationsfrequenzen und Stile, aber auch Wege, auf ihre Blogs aufmerksam zu machen. Obgleich Organisationen ein gruppierende Kommunikation bevorzugen, damit auch Blogger inkludieren, treffen sie erneut auf ein Individualproblem: Eine Normierung im Vergleich zur Pressearbeit mit Medien fällt schon alleine aufgrund der Unterschiedlichkeit an Bloggertypisierungen schwerer.

Stück für Stück nähert man sich mit jedem Kontaktkilometer diesem Problem der Vereinheitlichung an, indem man dazu übergeht, verschiedene Bloggertypen einzuladen und/oder zu informieren. Die man meistens nach Themen unterscheidet, aber auch nach Erfolgsklasse (ohne darauf jetzt näher einzugehen): Lifestyler, Modeblogger, Autoblogger, IT Blogger, Beautyblogger, Foodblogger, Promiblogger, Szeneblogger, und, und, und. Je nach Bedarf und Ausrichtung des Unternehmens, das Blogger in die PR-Arbeit inkludiert.

Unsere Problemzonen
Und die Blogger? Es handelt sich durchweg um gestandene Medienprofis, die verstehen, wie man eine PR-Nachricht zu lesen hat, die verstehen, auf das zu achten, was nicht enthalten ist, um auch hinter die Kulissen zu schauen, langjährige, vertrauensvolle Kontakte in wichtige Abteilungen aufzubauen? Die sich von Vertrieb und Marketing über Forschung, Produktion und Aftersales einen immer besseren Überblick verschaffen, um immer mehr zu verstehen und einzuordnen? Um damit auch mit einer notwendigen, kritischen Distanz nicht nur über Produkte zu jubeln, wenn sie denn gut gelungen sind, sondern auch generelle Fragen aufwerfen können?

Können Modeblogger das? Autoblogger? IT Blogger? Leisten das Beautybloggerinnen, die einen Lippenstift nach dem anderen testen? Erzählen uns Modebloggerinnen über die Hintergründe des Wettbewerbs und des Lohnkostendrucks, warum zarte Kinderhände billig Klamotten für Primark produzieren dürfen? Verstehen sie etwas von Produktion? Von Warenströmen? Verstehen Autoblogger etwas von Material- und Rohstoffverbräuchen? Wo wird das abgebaut? Wer achtet darauf, dass Autos fair produziert werden? Wo sollen die Unmengen an Batterien herkommen, wenn die ach so öko-treuen Leser allesamt nach Ökoautos schreien? Welcher IT Blogger weist darauf hin, dass die Inhaberfamilie von Samsung der heimliche Präsident von Südkorea ist, und mit jedem Kauf eines Produktes diese Machtstellung zementiert wird? Oder gibt es Tendenzen, dass die innländische Macht von Samsung politisch limitiert wurde?

Gründe für Jubelperserei
Wir können uns darüber lustig machen, wie stümperhaft die jubelpersenden Blogger sind. Oder wir betrachten wie bei den Unternehmen und Parteien die Sachzwänge? Bin dafür, es so zu halten, statt dumpfbackend einfach draufzukloppen:

1. Wer kritisiert, verkleinert die Zielgruppe der Leser. Es ist nichts Neues, dass Leser kaum Interesse an Background-Berichten haben, sondern eher die Produktnews bevorzugen. Platt gesagt das Abschreiben der Spezifikationen. Lieber möchten sie wissen, ob ein Snapdragon 810 im Handy verbaut ist, denn warum ein Billigarbeiter in Taiwan für knapp-über-umme das Zeug zusammenschraubt.

2. Wer kritisiert wird ausgeladen, besonders Background-Berichte sind wahre PR-Bomben im Hause der Organisation. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Sorge existiert, ob rational oder irrational. Und es ist nicht einfach so dahingesagt, dass der Blogger eben auf die Firma X verzichten soll. Wenn denn das Blog von den Informationen und der kommunikativen Nähe zu dieser Firma profitiert, die womöglich ein Marktführer ist? Oder willst Du denn als White House Kontakt wieder ausgeladen werden, um keine an Obama nahen Berichte mehr zu bringen?

3. Wer kritisiert und meckert, der wird weniger Werbepartnerschaften abschließen. Auch das ist wahr, denn wer sich auf dem ökonomischen Spielfeld als Blogger bewegt, der kann nicht einfach so mal in die Hände beißen, die einen ernähren. Vom Leser kannst Du von Null bis Null erwarten. Der zieht einfach weiter, wenn nicht klar kommst.

4. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Blogger über keine Hausmacht verfügen. Abgesehen von extrem wenigen Ausnahmen, wird eine Organisation lieber 1.000 Blogger über die Klinge springen lassen denn eine ARD oder eine BILD. Das ist allerdings ein Hauptverschulden der Blogger selbst, die bis heute nicht verstanden haben, wie man Macht erringt, indem man gemeinsam am Strang zieht und Organisationen bei Ausschluss eines Mitglieds faktisch drohen und wehtun kann. Wir haben uns immer erzählen lassen, wie individuell wir doch seien. Es gäbe nicht den Blogger. Selbst schuld, wenn man auf diese wahrlich “intelligenten” Stimmen hört.

5. Es ist weitaus anstrengender, hinter die Kulissen zu schauen, denn einen reinen Produkttest herunterzuschreiben. Das ist eine Sache des Charakters letztlich. Bequemlichkeit und Faulheit, Desinteresse an Generellem. Dann doch lieber ein tolles Verhältnis zum netten PR Agenten, um das nächste Produkt als erster zu erstehen. Denn, die bereits etwas erfolgreicheren Blogger merken schnell wie der Hase läuft: Wettbewerb gibt es auch unter Bloggern, nicht nur in der Wirtschaft. Das nette, kleine, rücksichtsvolle Hascherl bleibt auf der Strecke der Hobbyblogs, die nichts wollen, noch erreichen möchten, außer Dritte an ihrem Interesse teilhaben zu lassen (was super ist, aber eben ein anderes Blogspiel).

6. Zeit ist uns nicht immer gegeben. Die allerwenigsten Blogger haben weder ein blogging-full-time Job, noch schaffen wir es über Jahre und Jahrzehnte bloggend am Ball zu bleiben. Wie soll man da die notwendige Erfahrung gewinnen, um sich kritisch mit der Materie auseinanderzusetzen, überhaupt den gesamten Blick zu bekommen? Selbst Medienprofis schaffen das nicht mehr heute, angesichts der extrem knappen Produktionsvorgaben.

Das mögen die Gründe sein. Komplett? Weiß ich nicht, mir auch egal, denn das alleine ist schon ausreichend. Übrigens ein wichtiger Hinweis: Es sind nicht alle Blogger Jubelperser, noch sind alle Beiträge nur so. Das muss man heutzutage in einem merkwürdig extremistisch argumentativen Zeitalter leider eigens betonen. Ich sehe viele Jubelperserbeiträge. So what? Das heißt eben nicht, dass alles so ist.

Was haben wir nun: Jubelperser als Blogger?
Zunächst ein Blick zurück: Wir haben extrem viel erreicht! So oder so. Mit allen Nachteilen verbunden. Es sind nicht mehr so wenige Institutionen, die mit Bloggern können und wollen. Wir haben die einmalige Chance zu berichten, was in Unternehmen passiert. Was sie herstellen. Wie sie es tun. Was sie denken. Was sie planen. Was wir darüber denken. Es ist nicht mehr alleine eine Sache der Radiosender, TV Stationen, Zeitungen und Werbeplakate. Wir hatten diese Nähe zwischen Wirtschaft/Politik und uns als Bürgern noch nie gehabt. Die Chance haben wir bekommen. Es ist uns auch nicht in den Schoß gefallen. Wir haben es uns trotz aller Blödmänner und Kritiken (die auch zurecht aufkommen) erarbeitet.

Die nächsten Schritte zu einer kompletteren Berichterstattung liegen an uns. Alle o.g. Punkte sind nicht in Stein gemeiselt. Unternehmen und Politik werden sich nicht so schnell ändern können wie wir. Warum auch? Wir müssen nicht gleich zu den Kritikerbuden wie Netzpolitik.org mutieren, die nur kritisieren können und damit unendlich langweilig geworden sind. Doch wir müssen aufpassen, uns nicht zu sehr unipolar im Sinne der o.g. Institutionen zu verhalten. Die wesentlichen Punkte, die mir eingefallen sind, habe ich aufzuzählen versucht. Unsere wunden Punkte. Ebenso die Punkte, die Verhaltensweisen von Unternehmen und der Politik bestimmen.

Ich stelle mich jetzt nicht hin und sage, dass wir Jubelperser sind. Ich kann auch niemanden sagen, was es bedeutet, den inneren Schweinehund zu überwinden. Noch kann ich jemanden einen Rat geben, wie man sich mit Unternehmen vermeintlich anlegt, um womöglich ausgeladen zu werden. Ich kann nur von meiner Einstellung berichten.

Ich sehe es für mich so: Als Blogger trage ich Verantwortung, nicht nur mich zu informieren, sondern auch eine kritische Distanz zu meinen Kontakten zu wahren. Das ermöglicht mir erst den Blick aufs Ganze. Etwas, worüber auch profunde Medienkollegen zu berichten wissen. Natürlich lerne ich auch von denen und lehne nicht ab, was an Erfahrungswissen bereits existiert. So nett, produktiv und freundlich meine Kontakte zu Institutionen jeglicher Branche auch sein mögen. Echte Beziehungen und sogar Freundschaften entstehen nicht daraus, indem ich anderen hinterherschleime und nur auf supernett mache. Das ist keine Beziehung, das erscheint mir falsch. Offenheit und Kritik gehören zu einer guten Beziehung. Nur dadurch habe ich die Möglichkeit, das offene Fenster in die Institutionen hinein nicht nur kommunikativ zu nutzen, sondern auch positiv zu verändern. Das geht aber nur, wenn ich nicht nur das Negative oder nur das Positive suche, entdecke und berichte. Es wäre im höchsten Maße unfair gegenüber meinen Lesern, aber siehe da, auch gegenüber meinen Kontakten in die Institutionen hinein. Robbie kann also einen Milliardenkonzern grün anstreichen? Ach geh, Größenwahnargumente sind mir fern und das Suchen in Extrema ist mir nicht gerade zu eigen, da ich das Alter eines Weltenveränderers längst überschritten habe, der einst glaubte, dass nur große Dinge die Welt verändern.

Wenn ich eine Romanfigur suchen müsste, die meine Einstellung am besten wiedergibt, dann wäre es die Szene zwischen Galadriel und Gandalf in Hobbit:

Galadriel: “Wieso der Halbling?
Gandalf: “Ich weiß es nicht. Saruman ist der Meinung, dass nur große Macht das Böse fernhalten kann. Aber ich habe anderes erfahren. Ich finde, es sind die kleinen Dinge, alltägliche Taten von gewöhnlichen Leuten, die die Dunkelheit auf Abstand halten. Einfache Taten aus Güte und Liebe. Warum Bilbo Beutlin? Vielleicht, weil ich mich fürchte. Und er mir Mut verleiht.

*Zum “Jubelperser hat Sandra Schink den einen oder anderen Hinweis, warum der Begriff unpassend ist

Simyo: Der Krampf ums Restguthaben

publiziert am 22.05.20147 Kommentare

2010:
Simyo weist mich darauf hin, mein Handy doch bitte häufiger zu nutzen. Ich hätte seit 12 Monaten mein Guthaben nicht mehr aufgeladen. Wenn ich nicht aufladen will, wird mein Konto gesperrt und meine Nummer deaktiviert. Ich hatte mir den Spaß gemacht, darüber zu bloggen: Simyo: Einfach aufladen, einfach kündigen, einfach informieren.

Die endgültige, offizielle Aussage lautete damals:

Lieber Robert, kurze Vorstellung meinerseits: Nadine M., Pressesprecherin bei simyo und verantworlich für den Bereich PR & Social Media. Gerne bin ich bereit dir ein Statement zu liefern, wobei ich finde, dass die u.st. Kommentare schon viel Wahres beinhalten;-) Ich kann Deinen Unmut nicht so ganz nachvollziehen. simyo ist fair und kommuniziert im Vorfeld (3Kontake – 2x eMail 1x SMS) mit dem Kunden und informiert ihn über die anstehende Deaktivierung. Nach Durchsicht der Templates gebe ich allerdings recht, dass der Text optimierungsfähig ist, so dass beispielsweise noch mal der Hintergrund genau erklärt wird (s. AGB). Dies habe ich bereits mit unserem CRM-Team besprochen. Was die proaktive Kommunikation mit Kunden die das Handy nur als “Nothandy” angeht, sehe ich allerdings keinen Handlungsbedarf. Wir gehen nicht davon aus, das unsere Kunden das Handy als Nothandy nutzen. Warum sollen wir es dann aktiv kommunizieren? Sie werden ja rechtzeitig darüber informiert und können sich dann immer noch entscheiden: Aufladen oder Guthabenauszahlung. Ziel von simyo ist, dass die Kunden mit simyo telefonieren, bestenfalls nicht nur im Notfall;-) Wir bieten einen günstigen und fairen Tarif und müssen natürlich auch wirtschaftlich denken, um weiterhin unsere Kunden zufriedenstellen zu können und den Mobilfunkmarkt herauszufordern. Und ja, jeder Kunde kostet simyo auch Geld, Kapazität und Ressource. 15 Euro pro Jahr aufzuladen sollte auch für wenig Telefonierer keine Hürde sein und steht für uns in keinem Widerspruch zur Fairness.

2014:
Sweden Sun
Nachdem ich Simyo für 2011, 2012 und 2013 ihre dringend nötigen Zwangsabgaben geschenkt hatte, habe ich in den letzten 12 Monaten darauf verzichtet. Weil? Man kann das Restguthaben nicht ausgezahlt bekommen, solange das Kundenkonto nicht deaktiviert wurde. Das kann man entweder passiv wie ich durch Nichtwiederaufladung oder durch schriftliche Kündigung erreichen.

Wie sieht dann die endgültige Deaktivierungsmail aus?

Guten Tag Robert Basic,

Ihre simyo SIM-Karte wurde deaktiviert, da das Aktivitätszeitfenster Ihrer SIM-Karte abgelaufen ist oder Sie sich für eine Kündigung bzw. Portierung zu einem anderen Anbieter entschieden haben.
Eine Reaktivierung ist somit nicht mehr möglich. Wenn Sie nach Deaktivierung Ihrer SIM-Karte Ihre Rechnungen und Verbindungsübersichten einsehen möchten, stehen Ihnen diese bis drei Monate nach Abschaltung der SIM-Karte zur Verfügung. Loggen Sie sich dazu mit Ihrer Kundennummer ( … ) und Ihrem Passwort in Mein simyo ein. Wir würden uns freuen, Sie weiterhin mit einer anderen simyo SIM-Karte oder zu einem späteren Zeitpunkt als Kunde bei uns begrüßen zu dürfen.

Kein Ton zum Restguthaben? So läuft also der Hase?

Wie kommt man nun an sein Restguthaben heran?
Simyo zahlt das Restguthaben automatisch aus, da man schließlich seine Bankverbindung hinterlassen hatte. Oder aber man schreibt eine Mail, die auf der Homepage klar ersichtlich zu finden ist.

Pustekuchen! Simyo bietet bereitwillig alle Möglichkeiten an, Guthaben aufzuladen, Kunden werden förmlich angebettelt, das Guthabenkonto aufzufüllen (wer es nicht zum Abtelefonieren verbrauchte, der lädt dann jährlich brav +15 Euro auf, 15, 30, 45, 60, usw…). Sozusagen ein Kredit an den Mobilfunker.
Umgekehrt stellt es sich bei der Restguthabenauszahlung abstrus an und bettelt natürlich nicht mehr den Kunden umgekehrt an, sich sein Restguthaben abzuholen: Man muss zunächst die richtige Hotline-Nummer in Erfahrung bringen (deren Nummer auf der Homepage nicht hinterlegt ist, ebensowenig eine Kontaktmöglichkeit per Mail: Service@Simyo.de). Dann schreibt man eine formlose Mail an diese Mailadresse und bekommt Unterlagen per Post:

FAQ: Wenn Sie sich im Anschluss Ihr Restguthaben auszahlen lassen möchten, wenden Sie sich bitte an das simyo Service-Team, welches Ihnen ein Auftragsformular zusendet. Klicken Sie dazu einfach auf “Kontakt”. Nach Rücksendung des komplett ausgefüllten und unterschriebenen Auftragsformulars wird das bestehende Restguthaben innerhalb von 4-6 Wochen auf die angegebene Bankverbindung überwiesen.

Btw, probiert mal unter “Kontakt” das mit Kontaktieren selbst aus: Kontakt (ach ne, doch, nicht verklickt, nochmal, ach ne, doch, nicht verklickt, …). Das nennt sich Kontaktsperre.

Eigenbildnis von Simyo
Auf Facebook will sich Simyo so sehen
simyo ist der Mobilfunkanbieter für die digitale Mitte der Gesellschaft. Durch innovative Angebote ist simyo die richtige Wahl für alle, die einfach und sorgenfrei mobil kommunizieren wollen.“.

Simyo schreibt sich also mit kleinem “s”. Shit, das wusste ich nicht. Wobei ich mich frage, wieso ich nicht gleich selbst drauf kam. Kann sein, dass sich andere Mobilfunker genauso verhalten, was dieses Handling aus Zwangsaufladung und Restguthabenkrampf angeht. Wäre interessant zu erfahren, wie viele Kundenkonten auf diese Art deaktiviert und die ausgeliehenen Restguhaben beim Unternehmen verbleiben. Bei zig Millionen Kundenkonten im prepaid-Bereich dürfte eine erstaunlich hohe Summe bei dieser Abwicklungsform zu Stande kommen. Das wahre Gesicht von Unternehmen zeigt sich dann, wenn das Unternehmen Kunden verliert. Nicht wenn es diese gewinnt, dann glänzt die frische Liebe und alles ist rosa. simyo ist ein schlechter Verlierer.

Sind re:publicaner naiv?

publiziert am 11.05.20145 Kommentare

Da kamen wir also zusammen, angeblich 6.000 Teilnehmer, die sich in Berlin zur re:publica bespaßen und informieren ließen. Wie immer fällt es angesichts der großen Spannbreite des Programms schwer, diese dreitägige Konferenz zu beschreiben. Ich greife mir daher einen Grundeindruck aus vielen anderen heraus, den ich gewonnen habe. Der lautet “Naivität”. Im Grunde genommen handelt es sich um eine tolle Eigenschaft, sich frei von Vorurteilen und Wissenszwängen in Themen zu stürzen, die einen neugierig machen.

re:publicaner sind willfähriger denn NSA-Streber
Beispiel für die Naivität: Ich wette, dass 99,99% aller re:publicaner inklusive der Referenten mindestens eine App auf ihrem Smartphone installiert haben. Und sie waren ohne mit der Wimper zu zucken bereit, der App alle notwendigen Datenberechtigungen zu erteilen. Datenberechtigungen? Na, eben alle Daten die man so hat, auf diesem coolen Gerät. Darunter fallen Einblicke in die Adressbuchliste des Telefons und der SMS-Nachrichten, dazu gehört auch das Auslesen der Facebook-Freunde inkl. derer Geburtsdaten, Beziehungsstati, Namen der Partner, Hobbies, Interessen, Büchervorlieben, Lebensläufe, Arbeitgeber, Aufenthaltsorte, und so weiter. Ich kenne so gut wie niemanden, der sich die Datenberechtigungsabfragen genauer anschaut noch überlegt, warum ein Zugriff erforderlich ist. Ein lauer Tweet oder ein G+ Beitrag reicht als Empfehlung, um der App-Empfehlung zu folgen. Ob die App einem schmierigen Typen gehört, der sich den Ast ablacht, juckt halt auch nicht. Wenn man so will, gereicht die Naivität der re:publicaner für die höchsten Stasi-Orden, die früher sicherlich exzellenten Abhördienstleistungen vorbehalten waren. Klingt böse, aber ich bin sicher, dass es keiner von uns böse meint, wenn die Daten an Mr. Schmierhansel weitergegeben werden. Die man wunderbar bis hin zum social hacking nutzen kann, um der Omi die Gelder aus den Rippen zu labern (“dein Enkel hier, ja, hallo Oma, ich brauch mal dringend…“).

re:publica 14

Die böse NSA
Der Schock und die Verzweiflung ob der Snowdenschen Entdeckungen sitzen so tief, dass Referenten wie Sascha Lobo in einem vielbeachteten Vortrag Vogelschutzvereine für eine vorbildliche Lobbyarbeit heranziehen. Um klarzumachen, dass politische Einflussarbeit irgendwie wichtig ist, jedoch ohne Finanzmitel niemand den Kopf hinhalten möchte. Klingt natürlich gut, auch in den Ohren von Nico Lumma, einem derer, die für ihre Orga Geld benötigen könnten. Felix Schwenzel betont in seinem lösungsorienten Vortrag “wie ich lernte die überwachung zu lieben“, dass u.a. bildhafte Opferbilder wichtig seien, um die Bevölkerung aus ihrer Lethargie ob dem Überwachungsstaat zu erwecken. Das Grundmuster der Naivität wird durch einen Mangel an Empathie befeuert. Obgleich Felix sowohl in der Überschrift als auch im Verlauf seines Vortrags andeutet, den “Feind besser zu verstehen”, wird kein dergleicher Versuch unternommen. Oder, die Rede ist dann gleich vom Egal-Bürger, dem das Netz komplett wumpe sei.

Die Fragen, warum ein Staat Techniken einsetzt, um an Informationen zu gelangen, folgt der gleichen Logik, warum Menschen Apps Datenberechtigungen mit kriminellen Risiken sorglos erteilen. Fragen stellen und beantworten, unabhängig der eigenen Haltung, bedeutet Erkenntnisgewinn und sendet unglaublich wichtige Empathiesignale. Motivationen diverser Gruppierungen zu erkennen, bedeutet Ursache- und Wirkungskreise konstruieren zu können. Zugleich bedeutet es, Argumentationsstränge und Handlungsableitungen in die Hand zu bekommen. Ohne diese Grundlagen wird es nichts bringen, über eigene Probleme zu sinnieren, solange man gebetsmühlenartig diese eigenen Positionen vertritt und dann auch noch Dritten gegenüber überstülpen möchte, die nicht die gleiche Meinungsposition innehaben. Entweder holt man Dritte an ihrer Position ab oder man läßt es gleich. Wenn ich dich zu verstehen versuche und dir mein Verständnis aufzeige, erst dann wirst du mich verstehen wollen. Alles andere ist einfach naiv. Es wird aber kein Versuch unternommen zu erklären, warum die “Gegenseite” so handelt. Die Rede ist dann gerne von kriminellen, demokratiefeindlichen Spähverbrechern. Top, damit kommt man nicht einmal ansatzweise weiter. Außer in der eigenen peergroup, die winzig genug ist.

Repräsentative Redner?
Diese Naivität spiegelt sich auch in der Art der Vorträge wider, die vom Vortragsstil her durchaus den Eindruck ironischer Arroganz und Besserwisserei gepaart mit Frotzeleien erwecken. Wer unbedingt Witze machen möchte, kann Komiker werden und damit viele Likes bei Gleichgesinnten einsacken. Der ernst gemeinten Schilderung einer Sachlage dient das nicht, um andere Meinungslager zu überzeugen. Das Stilmittel der Ironie wurde gerne verwendet, weil es in my humble opinion die Überlegenheit der eigenen Argumentation untermauern soll. Wer damit besserwisserisch daherkommt, wird wohl kaum vom Gegenüber weder für voll genommen noch werden dessen Argumente erhört.

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Realpragmatismus contra Navität?
Was könnten die re:publicaner demnach mit dieser bisherigen Herangehensweise überhaupt erreichen? Nichts, wie bisher auch. Selbst wenn sie verstehen würden, dass Staaten ein Grundinteresse am Erhalt ebenso wie am Ausbau ihres Status Quo (reden wir ruhig von den G-8 Staaten plus China, Brasilien, Indien, Australien, Iran, Israel und der Türkei) und Wohlstandes haben, dies unter allen Umständen bereit sind zu sichern, mit wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt? Jegliches technisches Hilfmittel ist nur eine weitere Staatsräson. Und jeder dieser machtvollen Staaten wäre gepudert, würde er nicht alles dransetzen, das Internet als vorzüglichen Quell von Trends, Interessen, Meinungen und Informationen jeder Art anzuzapfen. Predigen nicht sogar die IT Auguren die Mächtigkeit von Big Data? Wenn die These stimmt, aus einer Unmenge an Daten sagen wir mal “die Zukunft” in allen Belangen besser einschätzen zu können, muss man nicht unfähige Geheimdienstler durch die besten Köpfe der Welt ersetzen, um auch informationstechnologisch ganz vorne mitzuspielen? Eine Supermacht wie die USA wird ein technisches Wettrüsten mit China eingehen, um den Status als Hegemon zu erhalten. Auch auf dem Gebiet der so verpönten 1:1 Kopiererei der gesamten, gloablen Kommunikation. Die Vorteile daraus sind exorbitant. Terrorabwehr ist hierbei ein kleinster Baustein mit hoher Effektivität, den Gesamtnutzen den Bürgern gegenüber effizient zu verkaufen (zumindest in westlichen Staaten). Außer den Klimaforschern zeigen alle Langfristzeiger der Welt nach oben, mehr Futter, mehr Geld, mehr Glück, längeres Leben. Für immer mehr Menschen. Was hat das Abhören der Netze nun damit zu tun? Viel, nicht im vermeintlich negativen Sinne, sondern mit großen Potentialen im positiven Sinne (das ist btw nicht meine Haltung im Sinne der Staatsräson). Heißt es nicht, dass ein wehrhafter und gut informierter Staat Wohlstand sichert, Mäuler füttert, Freiheiten schafft?

Solange diese Logikreihenfolge weltweit dominant ist, wird kein einziger Freiheitslogiker mit dem Argument “Freiheit sichert Menschen” dagegen anstinken können. Es wäre mir neu, dass wir geschichtlich bewiesen hätten, nett zueinander zu sein. Die eherne Erfahrung ist, dass keiner Nation etwas geschenkt wird. Wer sich nicht wehren kann, geht unter. Ukraine lässt grüßen, die zwischen EU-Hammer und Russen-Sichel zerrieben werden. Ein Verzicht auf technische Zukunftsmöglichkeiten als Forderung? Verzicht auf gegenseitiges Belauschen als ein Teilmittel? Klingt wie purer Wahnsinn in einer Welt voller bigotter App-Bürger, die jederzeit und willig zum eigenen Nutzenvergnügen die Daten ihrer Freunde preisgeben. Denn, Staatsnutzen ist die Summe aller Ego-Nutzen. Eine Haltungsfrage. Solange re:publicaner willige NSA-Streber sind, fatalerweise auch noch unfähig die Gegenpositionen zu inhalieren, wird eine Forderung nach Internetfreiheit und Abhörsicherheit auf taube Ohren stoßen.

Ob ich die Vorträge mochte? Jein, grundsätzlich mag ich aber die Positionen und ich liebe die Naivität, denn nur diese Grundhaltung bringt uns weiter statt zu verharren. Naivität ist ein guter Brennstoff. Aber Brennstoff alleine reicht nicht, um etwas voranzutreiben. So komme ich nicht umhin, die Forderungen und die Annäherungsart zum Themenkomplex als naiv zu empfinden, solange diese bizarre Widersprüchlichkeit im eigenen Verhalten vorherrscht, wie ich es am App-Beispiel vielleicht aufzeigen konnte. Solange niemand in der Lage ist, diverse Positionen zu umschließen, damit auch auf sicherheitspolitische Fragen von Staaten keine Alternativantworten parat zu haben, die wohlstandsanständige Staatsbürger überzeugen könnte, solange bleibt es bei der einsamen Bubble aus Naivität einer sehr kleinen Peergroup. Ich befürchte zudem: Außerhalb der Luxus-Bubble der G8+X Staaten dürften zudem ganz andere Fragenkomplexe vorherrschen, denn die angebliche Bedrohung des Netzes durch Staatsdienste. Dabei handelt es sich um verbleibende 190 Staaten. Ok, plus Berlin halt.

Wir füttern das Monster gerne und wollen nicht, dass es kontrolliert werden kann? Gaga. Aber so sind wir.

Link-Geschäfte: Warum Blogger nicht besonders helle sind

publiziert am 16.04.201435 Kommentare

Das klassische Linkgeschäft ist rechtlich wohl als ein Mietvertrag mit befristeten und unbefristeten Charakter zu verstehen. Befristet? Unbefristet? Viele Linkhändler mauscheln oder schweigen gar bei den Vertragslaufzeiten gegenüber dem Publisher = Blogger. Insofern es überhaupt einen ausformulierten Vertrag gibt (Mail-Geschäft auf Zuruf: “Hier, Text und Link für Dein Blog, gebe Dir 10 Euro, Du billiger Blog-Schreiberling“).

Bei manchen Linkhändlern steht nämlich in der AGB sowas wie
Der Publisher verpflichtet sich, den Content und den/die darin befindlichen Link/Links grundsätzlich für eine Dauer von mindestens zwölf Monaten in seinen Medien zu veröffentlichen.
aber dann steht wieder im normalen Webseitentext (wer schaut schon in die AGBs…)
Die Regel besagt solange Ihr Blog existiert. Unabhängig davon, dass Sie sich damit bei den Advertisern weitere Buchungen verscherzen, würde Ihnen auch bei Herausnahme eines Blogpostings, Inhalt verloren gehen. “.

Das nennt sich Nebelkerzenweitwurf bzw. HüHot-Verhschleierungstaktik. Heißt? Der Blogger soll dem erweckten Anschein erliegen, den eigens im heruntergeschriebenen Blog-Artikel platzierten Kauflink irgendwie-halt-so-auf-Dauer-und-unbegrenzt stehen zu lassen. Dass er sich dabei übers Ohr hauen läßt, soll hier thematisiert werden. Unbefristete Platzierungen von Artikeln mit Kauflinks sind nur was für Blogger, die zu nett für diese Welt sind.

Betrachten wir es also ökonomisch, was das bedeutet und schalten damit dieses ominöse “ich bin so nett” damit aus. Der Blogger lässt sich für einen Link bezahlen, baut den Artikeltext drumherum und kassiert sagen wir mal 100 Euro ein (ich müsste eigentlich 10 oder 20 Euro realistisch ansetzen, aber vor lauter Flennen käme ich nicht mehr zum Schreiben, wie billig manche Blog-Mutationen geworden sind). Der Artikel wird dann von Google gescannt, der Link bemerkt und im Suchindex gespeichert und berechnet. Wenn es gut läuft, rangiert die verlinkte Seite bzw. die Seite des Kunden, der letztlich für die Kauflinks bezahlt, in der Google-Suche etwas höher. Alles gut? Ne, das Drama ist eine Zeitbombe, die jeden Kaufmann vor lauter Verzweiflung in den Selbstmord treiben würde.

Der Blogger bekommt also einmalig 100 Euro. Ok? Und wie lange läuft der Artikel nun? Solange das Blog existiert? Solange der Blogger überlebt? Mit jedem weiteren Jahr darf sich der Blogger grün und blau ärgern, wenn er den Artikel nicht ratzfatze vom Blog nimmt. Alles andere ist eigene Dummheit. Daher die klare Ansage: Nehmt den Artikel nach Ablauf eines Jahres vom Blog. Bis dahin ist die Leistung erfüllt, laut AGB. Wenn es keine AGB gibt, lasst Euch das schriftlich geben. Laufzeit 12 Monate und auf Wiedersehen.

Verlängerungen lasst Euch ordentlich bezahlen. Den Basispreis 100 plus Aufschlag! Aufschlag? Na hallo, dein Blog wird mit der Zeit sichtbarer. Was für Google heißt: Deine Links werden wichtiger. Du gewinnst an Trust. Du bekommst mehr Besucher. All das zusammengenommen – auf grobste Art und Weise verkürzt – steigert den Wert deines Blogs. Und damit steigt dein Preis, den Du für verkaufte Artikel mit Linkplatzierung einnehmen kannst und EINFORDERN SOLLTEST! Dein Blog ist jedes Jahr mehr wert. Das zweite Jahr noch mehr. Das dritte Jahr schon wieder. Und Du willst nur einen Einmalbetrag von lumpigen 100 Euro für die gesamte Laufzeit deines Blogs nehmen? Mach die Kasse dicht, das Blog zu und geh twittern!

Anbei eine Beispielsrechnung, was ein Blogger verdient
– gewöhnlich mit Google AdSense ohne Risiko
– mit Linkverkauf iHv 100 Euro einmalig
– mit Linkverkauf und WERTANPASSUNG
Die Zahlen werde ich nicht groß kommentieren (klick zum Vergrößern). Auf eine einzige Sache kannste achten: Die letzten Zeilen. Wenn Du 12 Links im Jahr verkauft hast und diese einfach über die Jahre ohne Wertanpassung laufen lässt, beträgt Dein Verlust nach 5 Jahren im Mittel rund 1.100 Euro und nach 10 Jahren im Mittel rund 13.000 Euro.
Linkkauf

Learning?
1. Verkaufe niemals einen Link unbefristet!
2. Kappe den Artikel nach 1 Jahr = LÖSCHE IHN! Oder:
3. Verlange vom SEO deines Vertrauens einen angepassten Jahresbetrag, 100 Euro plus X.
4. Wenn der SEO nicht will, kicke ihn einfach. Entweder können die ihren Werbekunden gegenüber keine seriösen Geschäfte erklären oder sie sind nicht in der Lage, Deinen Wert zu respektieren. Mietverträge haben auch Kündigungsfristen, speziell Unbefristete!
5. Es ist besser, Geschäfte mit Seriösen zu machen und auf schnelle Kurzeinnahmen zu verzichten!
6. Verkaufe keine Links mehr für 10, 20 oder 30 oder 40 Euro, das ist Straßenbloggerei!

Sind YouTuber unterbezahlte Werbeschleudern?

publiziert am 03.04.20145 Kommentare

Das NDR Magazin Zapp hat sich nach dem ARD Report Bericht ebenfalls des Themas Schleichwerbung auf YouTube angenommen. Den Sendebeitrag könnt Ihr Euch auf NDR.de anschauen: ZAPP – Das Medienmagazin (siehe auch WebTV: Productplacement auf Youtube).

Erneut wird der gleiche Vorwurf erhoben: YouTuber halten ihre Nasen in die Cams und preisen Produkte an, für die sie von den Unternehmen bezahlt wurden. Hierbei würde keine oder keine ausreichende Werbeangabe getätigt. Um was zu verhindern? Um die Zuschauermassen vor Masseneinkäufen zu bewahren. Denn sie würden sich so sehr von den YouTube Stars und Sternchen beeinflussen lassen.

Was sind dabei die Problemzonen?

1. Der Zuschauer: Soweit ich das sehe und überblicke, ist es den Zuschauern völlig wumpe-pumpe, ob ihre YT-Lieblinge für Werbegeld etwas in die Kamera lachen und so wie ein Herr Tutorial aufquietschend ein Samsung Handy in den Himmel loben. Nein, nicht wumpe-pumpe, sie finden es toll. Wir schreiben immerhin das Jahr 2014 und die Industrie hat genug Zeit gehabt, den Konsumenten auf positive Reaktionen ob toller Produkte und Werbespots zu trainieren. Werbung gehört heute schlichtweg zum Kulturgut. Und umso schöner natürlich, wenn einer ihrer YT-Kanalbetreiber einen auf Werbespot macht. Anstatt ein Opa namens Beckenbauer oder ein Bartträger namens Klopp, der irgendeinen Fußballverein trainiert, in die Kamera lächelt und das Samsung Handy streichelt. Aber sollten sie nicht wenigstens wissen, dass es sich… nein.. Zuschauer sind nicht so blöde zu glauben, dass ein Herr Tutorial niemals für Geld in die Kamera lächelt und eine Frau Daaruum niemals lügen würde – auch nicht gegen Geld – ein Hautschmiermittel supersupergeil zu finden. Es gehört eben zum Spiel der Konsumentenkiddies dazu, die einen Teil ihres Selbst über den Besitz von Produktgütern definieren und definieren lassen. Wir Alte können uns darüber Sorgen machen oder aufregen, aber es wäre extrem unehrlich, da wir unsere Kinder zu Konsumenten und funktionierenden Käufern mit erzogen haben. Konsumkritik hin oder Trostpflaster her. Wir haben ihnen diese Welt vorbereitet und gemacht.

2. Das Unternehmen: Soweit ich aus besten Quellen informiert bin und es selbst immer wieder erlebt habe, sind Unternehmen magisch von Authentizität angezogen. Eine doofe Werbedeklaration als Texteinblendung unter einem lachenden Schnuckel wie Herr Tuturial oder zappelnden Y-Tittys würde das Samsung Handy nur pomadig machen. Sie sind allzu gerne bereit, die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer nicht zu sehr mit ablenkenden Hinweisen wie “Zu Risiken und Dispozinsen lesen Sie die Kontogebühren und fragen Sie ihren Bankberater oder Mutti” vom Laschgenuss abzuhalten. Diese entgegenkommende Höflichkeit macht es der dritten Problemzone einfacher, die Hand aufzuhalten und das Strahlefraulächeln einzuschalten. Der Zuschauer will es auch nicht haben, wie oben beschrieben. Außerdem weiß selbst der unterbegabteste BWler in frühesten Studiensemestern, dass man Konsumenten in jungen Jahren Markenzeichen einbrennen muss (“Branding” gabs früher für Rinder, heute für unsere Kinderrinderherden:), umso später das erfolgt umso unwilliger die Markenaffinität und umso teurer die Markenmaßnahmen (Altersstarrheit hat was Gutes oder Schlechtes, je nachdem).

3. Die YouTuber/Werbevermittler: Warum zur Hölle sollte ein YouTuber oder ein Werbepillendreher wie Mediakraft Lust auf Opa-artige Deklarationen haben? Das Geschäft läuft auch so, die Fans finden das super-lahm, die Unternehmen brauchen den Unsinn ebenso wenig. Natürlich reagieren die YouTuber auf Anweisung und Gruppendruck pampig und halten Schilder wie “Ich bin ein Angeber” in die Kameras. Werfen dem Öffentlich-Rechtlichen selbst Schleichstricherei vor. Mit aufgesetzten Punk-Gehabe landet man immer noch, weil man nun einmal als Regelbrecher und Revoluzzer nach wie vor und seit jeher bei Jüngeren landet ud Punkte macht. Uns Alten ist das Spiel zu blöde, weil uns andere Sachen denn Selbstfindungstrips wichtiger sind, aber wir sind auf YT auch nicht die gefragte und gesuchte Zuschauergruppe.

Als Ökonomiker würde ich bei sachlicher Betrachtung aller drei wesentlichen Mitspieler durchaus sagen, dass sich ein Herr Tutorial und all die anderen weit unter Wert verkaufen. Denn wirklich stören tut es niemanden, die alten Regelaufseher haben nichts zu melden, die Unternehmen müssen die Brandeisen auf die nachwachsenden Käuferherden brennen, die jungen Helden brauchen anhimmelnde Abonnenten, die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer brauchen ihre Helden umgekehrt zur freizeitlichen Bespaßung. Das ist nicht viel anders bei Bloggern, beim TV oder bei der bunten Presse. Jeder dient seiner Rolle.