Politiker mochte ich an sich seltenst, meistens gar nie. Das Grundproblem: Statt Miteinander Gegeneinander, bis zum Erbrechen. Das zwanghafte Suchen in der Öffentlichkeit nach einer Gegenposition. Das manische Herummäkeln an Konzepten der Anderen. Es liegt wohl weniger an meinem zunehmenden Alter – wo sich alles verfestigt – , denn an meiner Grundeinstellung, ein eher kooperativer Mensch zu sein. Und an meiner Haltung, sich von Schubladen und Farben fern zu halten. Wenn ich A bin, muss ich nicht B abgrenzen und kritisieren. Und das schon gar nicht laut. Zugleich kann ich ohne Weiteres auch B sein, A nicht mehr. So verstehe und empfinde ich Politik bis heute als Abgrenzung und Ausgrenzung, Mangel an Kooperation, Mäkelei und ziemlich assiger Laustärke in der Meinungsbekundung. Summa summarum? Mir waren seit jeher Ansammlungen von Menschen suspekt, die anderen ihre gesellschaftlichen Konzepte aufdrängen wollen.

Ähnliches finde ich im Netz wieder. Wer für Jugendschutz ist, der wird abgestempelt. Wer für Atomkraft ist, der muss ein Idiot sein. Wer für Netzkontrollen ist, der ist Stasi. Das kann man wunderbar auf Twitter, Facebook und in Blogs beobachten. Die Lautstärke und Art der Meinungsbekundung mutet doch sehr intensiv an. Das Schlimme dabei: Es erfolgt in Gruppen, als gäbe es ständig wechselnde Affengruppen, die sich bei neuen Themen zusammenrotten, um den anderen Affenhorden den Garaus zu machen. Man wird nicht mit einem Schreihals zu tun haben, man bekommt die ganze Horde ins Haus. Ich kann die Daniel Cohn-Bendits, Franz Josef Strausses und Joschka Fischers im Netz gar nicht mehr zählen. Als ob man in feindliche statt freundlich gesinnte Gefilde eintaucht, sobald man sich politisch im Netz umschaut und gar zu Wort meldet. Das ist keine Einladung zum Gespräch und Gedankenaustausch, sondern eine Schießbefehl-Party, was wir im Netz beobachten können.

User, die sich einfach nur ein Bild machen wollen, hinterfragen, sachlich bleiben, alle Seiten ausgewogen betrachten, um dann erst zu einem vagen Schluss zu kommen, werden von diesen Gorilla artigen Silberrücken-Gebahren abgeschreckt. So ist es auch kein Wunder, dass viele gar keinen Bock haben, sich aktiv zu Wort zu melden. Mit zu diskutieren, offen für alle Seiten mit denken, alle Seiten des Würfels betrachten. Oder gar eine Position zu beziehen, die anderen nicht passt? Ach du liebe Güte, das ist dann Schießbefehl pur. Eine politische Diskussion im Netz beginnt man einmal und beendet sie für immer. Das ist mein Eindruck aus zahlreichen, persönlichen Gesprächen. Sie haben keine Lust auf eine Konfrontation mit Meinungsnazis und Affengruppen. Man hält die Klappe.

Ist es dann ein Wunder, wenn sich auch auf der re:publica und an vielen anderen Stellen Gedanken gemacht wird, wie man denn digitale Themen in die Gesellschaft in der Breite transportieren kann? Das Grundproblem ist jedoch gar nicht so sehr der Transport, sondern die Fragestellung, ob denn die Internetnutzer Bock haben, überhaupt hinzuhören? Politisch motivierte Heilsbotschaften muten wie oben beschrieben in der Gesamtheit schlimmer als Popups an. Aufdringlicher und lauter als Werbung. Man ignoriert sie lieber. Sie nerven.

So lange herumkrakelt, gebasht, abgegrenzt und ausgegrenzt wird, statt offen mit den politisch relevanten Netzthemen auf zivile und ruhige Art umzugehen, Respekt vor der anderen Meinung zu zeigen, wird es nix mit dem politischen Transport in der Breite.


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