Es gibt unterschiedliche „Blog-Cluster“ da draußen, die unterschiedliche Entwicklungsstufen und Strukturen aufweisen. So ist die IT-Bloglandschaft weitestgehend ausgeprägt, kaum ein Nischenthema, das nicht besetzt wäre. Ähnliches ist in der Modeblog-Szene zu beobachten, die Frauen haben es verdammt weit gebracht.

Scorpion/monster cars spout flames, accompanied by house music

Aber auch die Autoblogger-Szene entwickelt sich rasant. Zunächst einige Beispiele aus der Autoblogger-Welt, die aufzeigen sollen, mit wieviel Liebe und Herzblut aber auch Expertise die Autoblogger ans Werk gehen:

  • Can Struck aus Köln hat auf seinem Autoblog namens „Bycan.de“ einen vorzüglichen Bericht über den Honda CR-Z 1.5 verfasst. Ihr werdet draußen lange suchen müssen, um derart viel Liebe zur inhaltlichen Aufbereitung ebenso vorzufinden: FAHRBERICHT HONDA CR-Z 1.5 IMA: JAKYLL & HYDE.
  • Zum Vergleich zwei professionelle Medienberichte aus der Szene der Etablierten: Auto Motor und Sport und Focus. Für meinen Geschmack schmieren diese Artikel gegen den von Can Struck komplett ab.
  • Ein weiteres Beispiel aus der Herzblut-Autoblogger Szene. Bjoern Habegger hat sich ganz und gar wundervoll mit dem neuen Porsche Boxter S „Mein Gott Walter“ auseinandergesetzt. Und auf seinem für technischer Interessierte orientierten Blog einen detailreichen und informativen Bericht verfasst. Einen Vergleich zu den Etablierten erspare ich Euch aus Scham, da mich die Beiträge der Autojournalisten am Beruf des Schreibhandwerks zweifeln lassen.
  • Dass Blogger die Nähe zum Leser wie Bolle lieben, ist nichts Neues und zeichnet sie extrem gegenüber der Presse aus. Dialog und Nähe ist kein aufgesetztes Kunstwort, es wird gelebt. Nicht aus Liebe zu Traffic- und Klickstreckenzahlen und aus Liebe zum Burgfrieden mit dem Verleger, sondern aus Liebe zum Dialog und Spaß am Teilen eines gemeinsamen Interesses. Dies führt uns Jens Stratmann auf seinem Blog vor. Er hat unmittelbar mit seinen Lesern die zehnteiligen (!!!) Testberichte über den Mercedes Benz 220 zusammengestellt.
  • Wer bislang dachte, dass Hobbyblogger bezahlten Profijournalisten im Bereich Expertise unterlegen sind, wird am Beispiel von Marc ‚Dreikommanull‘ Christiansen eines Besseren belehrt. Ich habe schon lange keinen so derart technisch fundierten, detailverliebten und dennoch lebhaften wie auch lebendigen Bericht zu einem eigentlich furztrockenen Thema gelesen. Nämlich wie man heute verbrauchsarm Dank neuer Techniken fahren kann: Der Tag an dem ich segeln lernte. Hier kann ich nicht mal mehr von Scham sprechen, was die Autopresse im Vergleich zu diesem Referenz-Content abgeliefert hat.
  • Beim Schreiben in wesentlicher Kopplung mit Charakterköpfen muss sich die Autoblogger-Szene vor niemanden verstecken. Natürlich handelt es sich bei Autos um visuelle und emotional aufgeladene Produkte. Das zarte Pflänzchen der Bewegtbildkunst wächst langsam aber sich auch zu den Autobloggern herüber. So haben meine Bloggerkollegen Jens Stratmann (Blog: Rad-Ab.com) und Jan Gleitsmann (Blog: Auto Geil) ein sehenswertes Video auf ihre Art gedreht, abseits der topseriösen und damit meistens langweiligen Videodrehs der TV-Autosender und Autopresse:
  • Ja, es ist eine Männerdomäne. Die unten beiligende Liste der Autoblogger zeigt klar auf, dass allzu wenig Frauen mit dabei sein. Allen voran Lisa TheCarAddict. Das stellt zugleich eine in sich eigene Achillesferse da. Männer schreiben für Männer. Denn nur allzu oft wird das Frauenherz beim Schreiben nicht angesprochen, wenn wieder mal Herr Nockenwelle und Mister Bremsverzögerung den Ton angeben. Aber soweit ich das überschaue, arbeiten die männlichen Bloggerkollegen an diesem Thema, sich auch auf die Leserwünsche der Frauen einzulassen. Etwas, das ich bei der Autopresse nicht beobachte.

Das war nun also der Beleg, dass die Autopresse erzittern muss, nur weil ich eine Lobesarie angestimmt habe? Ich weiß nicht, ob es sie erzittern lässt, noch ob es morgen zu einer Wachablösung kommt. Ich weiß nur, dass sich gute Produkte durchsetzen. Der Kern eines gutes Content-Produktes ist und bleibt die Schreibe und der Kopf. Beides bringt die Autobloggerszene gepaart mit Herzblut hoch Zehn mit. Eine kaum zu schlagende Kombination. Die aber momentan natürlich im Hintertreffen liegt. Die Gründe und der reality check folgen stande pede.

Die Etablierten

Die Autoblogger haben es im Gegensatz zur etablierten Presse (ADAC, Autobild, Auto Motor und Sport, AC…) nicht einfach, sich in das Segment des Deutschen liebsten Kind voranzutasten. Natürlich finden wir ein Umfeld ähnlich der o.g. Mode- und IT-Medienwelt vor. Print- und angeschlossene Online-Medienauftritte haben sich bereits seit Jahren und Jahrzehnten festgekrallt, ihre Marken und Bekanntheitsgrade geschaffen. Sie haben demnach einen zeitlichen Vorsprung, der nicht unerheblich ist. Hinzukommen die zahlreichen und gut besuchten „user generated“-Seiten aka Auto-Foren, aber auch moderne Plattformen namens „Carmondo“ und „Autoplenum“. Alle scharen sich und buhlen um des Lesers Gunst. Und in diesen Content-Kanalbereich graben sich die Autoblogger zwischen den vielen, mächtigen Betonklötzen voran?

Ein Blick auf die IVW-Daten einiger bekannter Seiten zeigt stolze Besucherzahlen für die Etablierten auf:
Autoseiten lt. IVW
Die Page Impressions zu Visits betragen sowohl bei AMS und Autobild ca. 14:1, befördert durch die zahlreichen Klickstrecken. Autoblogger weisen aufgrund des typischen Blog-Aufbaus natürlich nicht diese Quoten auf. Sie können nicht einmal annähernd mit den Visit-Zahlen glänzen. Und schon gar nicht bei den Umsatzzahlen, die herkömmliche Automedien mittels Print-Umsätzen (Abverkauf/Abo + Anzeigenvertrieb) verzeichnen. Selbstverständlich sind demnach professionell aufgestellte Verlage jedem einzelnen Autoblogger im Bereich Markenbekanntheit, Besucherzahlen und Vermarktung überlegen. Also doch keine wie im Titel vollmundig angekündigte Wachablösung?

Die Autohersteller

Ein weiterer Faktor spielt eine große Rolle. Mit die wesentlichste Informationsquelle sind die Autohersteller. Schauen wir uns zunächst die Wirtschaftskraft dieses Industriesektors an. Die Autohersteller in Deutschland brachten 2011 zusammen rund 350 Mrd. Euro auf die Umsatz-Waage und beschäftigten knapp 720.000 Mitarbeiter. Und sie investierten in Forschung&Entwicklung und Anlagen rund 29 Mrd Euro.

Ich denke, diese Daten alleine sollten verdeutlichen, welche Power in dieser Industrie steckt und welch immense Bedeutung eine markt- und produktbegleitende Kommunikation spielt. Wie hoch sind demnach die Werbeausgaben – ein Indikator für die Kommunikationsintensität – der Automobilindustrie in Deutschland über alle Hersteller hinweg?

Laut Nielsen wurden in den ersten drei Quartalen 2011 folgende Spendings verzeichnet:
Der deutsche Kfz-Markt hat im dritten Quartal 496,8 Millionen Euro für Werbung in TV, Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften, Kino, Plakat und Internet ausgegeben. In den ersten neun Monaten wurden insgesamt 1,535 Milliarden Euro investiert… die Autobranche wirbt verstärkt online: Die größte prozentuale Steigerung erzielten in den ersten drei Quartalen die Schaltungen im Internet mit knapp 18 Prozent auf 160,5 Millionen Euro. Die Anzeigen in Fachzeitschriften stiegen um 13,3 Prozent auf 21,7 Millionen Euro an„. Auch für das erste Quartal 2012 legen sich die Autohersteller mit knapp 400 Millionen Euro mächtig ins Zeug.

Interessanterweise gehen die Autohersteller in Deutschland seit letzten Jahr vermehrt auf die Autoblogger zu. Wo bisher die Presse nahezu ausschließlich medial gefüttert wurde, dürfen sich nun Autoblogger auch zu dem Kreis der Belieferten zählen. Was langsam begann und manchmal auch sehr witzig zu kommentieren galt, hat sich in kürzester Zeit geändert. Selbst Porsche zuckt vor Bloggern nicht mehr zurück. Daimler, Ford, VW, Honda, Mitsubishi, Audi, Porsche, Fiat, Skoda, Citroen, und und und. Nur BMW zuckt noch bisserl zurück, aber die werden sich von innen weichkochen lassen, sobald sie zunehmend neidisch auf die Erfolge der Bemühungen von Daimler und Audi werden (Wettbewerb macht immer Beine).

Warum die Firmen so voranpreschen? Die Entwicklung hat sich schon lange abgezeichnet. Ihnen wird zunehmend klar, dass im alles entscheidenden Bereich der Markenbildung – wozu sonst soll man im 21. Jahrhundert diese teuren und kaum genutzten Produkte überhaupt noch kaufen, zumal neue Mobilitätskonzepte zu einem dramatischen Wandel in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts im Automobilsektor führen werden – das Netz eine immer bedeutendere Rolle einnimmt. Nicht nur beim Stammpublikum, sondern auch beim nachwachsenden Publikum, dem künftigen Käuferklientel. Wer im Internet als Hersteller heute seine Basis besser aufbaut als der Wettbewerber, erringt im Kampf um die Umsatzmilliarden strategische Vorteile. Einen Teil der Vorteile erläutert – natürlich – Google in einem PDF-Sheet. Es ist daher nur naheliegend, auch auf die Autoblogger als moderne Content-Produzenten und nicht nur auf die Facebook-Rasselbande zuzugehen, um es vereinfacht auszudrücken.

Fazit

Die Zeichen der Zeit stehen für Autoblogger günstig. Sie haben sich ein teures und aufwändiges Hobby ausgesucht. Von A nach B fahren, mühsam testen, mühsam recherchieren, mühsam aufbereiten. Die Autohersteller wachen auf. Die Autopresse verteidigt ihre Position. Die Autoblogger können als kleinere Einheiten agiler und experimentierfreudiger auftreten. Sie haben nicht die Millionen zu verlieren wie die Verlage. Das ist kein unbeachtlicher Vorteil im Sinne des Wettbewerbs, wenn der Konkurrent behäbiger und risikoärmer agieren muss. Selbstverständlich muss man nicht von einer Konkurrenzsituation sprechen, wem das nicht zu eigen ist. Ich glaube nicht einmal, dass es die Autoblogger so sehen. Immerhin verbindet die Presse und die Autoblogger ein gemeinsames Thema. Im ökonomischen Sinne vergleiche ich jedoch die momentane Ausgangsposition von zwei Lagern. Und sie sind zweifellos Fressfeinde in der gleichen Nische. Ob sie sich nun so sehen oder nicht.

Interessant ist übrigens eines ganz besonders: Die Autoblogger bestechen momentan durch die Anfänge gemeinsamen Agierens. Sie haben sich ihre Plätze im Netz geschaffen, um sich gemeinsam beim Kontakten und Vernetzen zu helfen. Um sich gegenseitig zu unterstützen, zu verlinken und zu planen. Und man tauscht sich nicht nur untereinander aus, man hat auch Gruppen gebildet, die Brücken in die Industrie und in die weite Welt der anderen Blog-Cluster schlagen. Smart und früh, so muss es sein. „Wer sich nicht vernetzt, der stirbt„. Das ist zwar mühsam und manchmal aufreibend, aber es ist ein wichtiger und richtiger Weg.

So ist das Ergebnis der gemeinsamen Aktion „Blogger Auto Award“ kein Zufall. Weitere Maßnahmen werden ebenso wenig ein Zufall sein. Immer dann, wenn sich kleinere Marktteilnehmer (im Sinne des Contents) zusammenschließen und damit ihre verschiedenen Schwächen ausbügeln, haben sie am Markt ein Wörtchen mitzureden. Diese kleinen Netze sind ungemein schlagkräftig und beschleunigen Entwicklungen, ermöglichen aber auch Chancen, die der Einzelne so nie hatte.

Demnach? Wachablösung? Nein! Aber die Autoblogger beschleunigen deutlich, zeigen inhaltlich den Etablierten die Zähne. Und die Autoindustrie geht immer schneller auf die Blogger zu.

Die Autoblogger-Liste

Zum Abschluss wie oben angesprochen, „die Liste“. Schmökert, lest, verlinkt, buzzed. Dank an Jan Gleitsmann für die Zusammenstellung der Liste!

Foto von spatlan, CC-Lizenz CC BY-NC 2.0



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