Carmen mach, Carmen hilf, Carmen tu, Carmen sag, Carmen doof, Carmen gut, Carmen hier, Carmen da

Carmen? Carmen Hillebrand ist als Pressesprecherin von Vodafone Deutschland in der Webszene wohl eine der bekanntesten Gesichter schlechthin, wenn es um die Frage geht, welche Pressesprecher überhaupt bekannt sind. Sie kommuniziert über das firmeneigene Blog, über Twitter offiziell über den Vodafone-Account, persönlich über den privaten Twitter-Account, über Facebook, in fremden Blogs, kommentiert und reagiert, hilft und informiert, wo immer sie kann und darf und will und mag, manchmal zu Unzeiten, Mega-Engagement, Mega-Job.

Und Carmen gehört wie ihr männlicher Part – Stefan Keuchel, Pressemitarbeiter von Google Deutschland – in meinen Augen zu den Role Models der als modern zu bezeichnenden PR-Verantwortlichen.

Sie füllen Ihren Job, auch und vor allen Dingen über moderne Kanäle mit den Stakeholdern des Unternehmens via Netz zu kommunizieren extrem gut aus. Dediziert?

1. Informationsstrom = Beide informieren regelmäßig und aktuell über Neuigkeiten aus den Unternehmen, Vodafone und Google. Das kann man nicht als banal abtun, mir fallen unzählige Unternehmen ein, die zwar in der Wirtschaft eine große Rolle spielen, jedoch über das Netz mehr schlecht als recht informieren.

2. Persönlichkeit = Unmittelbar damit – denn das lässt sich nicht mehr vom Informationsstrom entkoppeln – ist das „persönliche Gesicht“ beider ausschlaggebend, für eine höhere Akzeptanz, ein höheres Engagement und Vertrauen durch die Empfänger. Nicht ein neutrales „Es“ = Unternehmen sendet eine Botschaft, sondern eine Person. Wie wichtig es speziell im Netz sein kann, Gesicht zu zeigen, habe ich in einem separaten Artikel aufzuzeigen versucht und gehe daher nicht auf diesen komplexen Bereich näher ein.

3. Dialogfähigkeit = Beide zeichnet eine hohe Bereitschaft aus, auf persönliche Fragen zu reagieren. Sei es ein Blogartikel (hier nur bspw. der Kommentar von Carmen zu einem diffizilen Thema genannt) oder aktuell der Kommentar von Stefan Keuchel zum Thema Klarnamenproblematik mit Fokus auf Dialogbereitschaft (bitte sucht im Thread nach seiner Antwort).

Die Mischung aus kontinuierlicher Informationsaktivität, persönlichen Gesicht und Dialogbereitschaft ergibt in meinen Augen das besagte Role Model eines modernen Kommunikators. Parallel – wir dürfen nie vergessen, in welcher Rolle sich ein PR-Mitarbeiter bewegt – hilft das dem Unternehmen in mehrfacher Hinsicht. Vertrauensbildung, Akzeptanz und eine höhere Engagement-Affinität, Inhalte zu sharen und zu empfehlen.

Schattenseiten
Was sind aber die Schattenseiten? Manche kennen womöglich Robert Scoble. Einen der Vorläufer von mir als solche bezeichneten, hier frühesten Vorbilder. Der sich für Microsoft bloggend ins Zeug gelegt hatte, ungemein dazu beigetragen hatte, das Image von Microsoft ausgeglichener zu betrachten. Seine Rolle empfand man als authentisch, persönlich und engagiert. Was bis heute anhält. Es gibt wohl kaum eine Person, die einen derart großen Einfluss hat, neue Technologien bekannt zu machen, obgleich Robert schon lange nicht mehr für Microsoft arbeitet.

Und was soll daran die Schattenseite sein? Ihr kennt das Prinzip. Sobald sich ein Pilzkopf herauswagt, kommt er ins Kreuzfeuer. Robert wurde sehr zügig zum „Netz-Gesicht“ von Microsoft. Einem Unternehmen, das bis heute aus abertausenden Mitarbeitern besteht, zu den wichtigsten Impulsgebern der IT Branche gehört. Ausgerechnet ein Mitarbeiter spricht für ein Unternehmen, der noch nicht einmal annähernd zur Führungsriege von MS gehörte? Für Unternehmen, die der One Voice-Policy nachhängen, ist das eine gruselige Vorstellung. Auch spielen persönliche Eifersüchteleien inhouse eine große Rolle. Wie kann es sein, dass ein Chief-Of-Nothing (CON) zu einer Art Chief-Communication-Officer (CCO) wird? In einem deutschen Konzern halte ich das nach wie vor für undenkbar. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, aber auch Ansätze einer gewissen Unternehmenskultur dazu, sich derart bewegen zu können, als PR-Mitarbeiter. Zugleich, es zeigt auf, warum sich Unternehmen im Netz kommunikativ so schwer tun, persönlich zu kommunizieren. Intern ist der größte Feind, nicht extern, was die meisten vermuten dürften.

Und in der Außensicht wird dieses Gesicht bei Regenwetter schnell zum Buhmann, der sich bitterste, persönlichste Kritiken anhören darf. Warum? Weil der Abstand zwischen Stakeholder und Sender im Netz verkürzt wurde? Das spielt vermutlich eine große Rolle im sozialen Gefüge, wie Menschen ticken. Erinnert sich jemand, wie Carmen über die Reaktionen im Rahmen der Vodafone-Werbekampagne persönlich beleidigt wurde? Auch Stefan Keuchel weiß davon zu berichten (siehe Link oben, einfach suchen). Ihr meint, das ließe sich locker wegstecken? Dann lasst Euch doch freiwillig als Nazis, Dummköpfe, Penner, Idioten, Schwurbler und dergleichen bezeichnen. Manche Netzuser kennen kein Halten, wenn es um das Ausufern von Kritiken geht.

Wer von Euch hat bei entsprechenden Gehalt außerhalb der Schmerzgrenze dazu Lust, das als PR-Mitarbeiter auszuhalten? Ein PR/UK-Vorstand, der über genug Schmerzensgeld verfügt? Ach komm, in der Position erlaubt man sich keine Schwächen und offene Flanken. Hier geht es um Internes, Machtgefüge und politische Positionen, warum sich ein externes Problem selbst heraufbeschwören?

Zudem, wer glaubt von Euch, dass es der ChefChef locker wegsteckt, wenn ein Unternehmen kritisiert wird und immer wieder ein Name fällt. Nämlich der, der im Netz dem Unternehmen ein Gesicht gegeben hat und womöglich auch nur den Hauch, ein Fitzelchen von Mitverantwortung trägt? ChefChef wird eben nicht väterlich und päpstlich seine schützende Hand ausstrecken, diplomatische Immunität aussprechen. Der Donnerhall wird wie ein Tsunami durchs Haus rollen, bis er auf der Ebene des betroffenen Mitarbeiters ankommt. Zuviel versprochen, ist alles nicht so? Dann Glückwunsch, Du arbeitest in einem tollen Unternehmen. Wow. Das Wort Gottes kommt aus dem Himmel, nicht aber aus dem Vorstand.

Drücken wir Risiko- und Engagement-Bereitschaft in Geldeinheiten aus, da des Deutschen mit der wichtigste Maßstab das liebe Geld ist. Ein PR-Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung mag seine 5k Brutto im Monat verdienen. Zusätztlich zu seinem bisherigen Aufgabengebiet jetzt einen auf „social media role model“ zu machen heißt was? Einsatz über 8 Arbeitsstunden hinaus, wohl wissend, dass dieser Zusatzjob zu einem 24/7 ausarten kann. Wie war das bei den Pandabären-Mitarbeitern jüngst? Da wurde sich tatsächlich beklagt, man habe Feierabend gemacht. Allerdings, Mitarbeiter dürfen i.d.R. nicht später als bis 22 Uhr arbeiten, nicht länger als 10 Stunden am Tag, nicht mehr als 40 +Stunden im Monat aufbauen, sonst bimmelt die Gewerkschaft/Betriebsrat an. Verordnete Überstunden? Ist verdammt schwer. Unangenehm, alles sehr unangenehm. Zur Arbeitszeit+ kommt Risiko+ intern wie extern dazu. In Geldeinheiten zu messen fällt das schwer. Die Rolle für 5k/Monat einzunehmen, wer macht das schon? Ok, nehmen wir Führungsaufgaben hinzu, kommen außertariflich auch mal 10K/Monat zusammen. 400 Plusstunden sind dann schnell normal. Auch das reicht kaum aus, auf der persönlichen Entlohnungskurve (Funktion aus Zeit, Nutzen und Entgelt) des Mitarbeiters einen Punkt zu finden, der das Engagement hinreichend ausgleicht. Auf Ebene eines Mitarbeiters, der an Gehälter über 200K – 1.000K/Jahr kommt, ließe sich das durchaus finden, der Idealpunkt auf der Entlohnungskurve. Nur, wie gesagt, geht der ein Risiko+ ein, um sein Gehaltsniveau zu gefährden? Wer ist so…

Resümee
Der persönliche Pressesprecher ist bis heute wenigen vorbehalten, vor denen ich meinen Hut ziehe. Zugleich habe ich volles Verständnis, nicht jedoch vollstes, für all diejenigen, die sich nicht in diese Zwickmühle begeben wollen. Der Zwickmühle aus internen Problemen und externen Problemen. Für all diejenigen, die meinen, Social Media sei gottgegeben, moderne PR kein Problem, es bräuchte nur Policies und Guidelines, bisserl Agenturhifle dort und da, es sei alles ein Klacks, den will ich sehen, wie er/sie zitternd vor dem ChefChef steht. Scheiße rollt nach unten. Sorry für den harschen Ausdruck, aber das ist das Leben in deutschen Unternehmen.

Und nun? Ich weiß auch nicht, was nun. Vorbilder sind Vorbilder. Sie wagen und riskieren, ernten selten Lob und Dank. Weder von oben, noch von unten, noch von Kunden. Wünschen würde ich es mir. Mehr, viel mehr davon.

Update 03/2014: Stefan Keuchel (Google) holt nach 10 Jahren Atem und Carmen Hillebrand ist mittlerweile bei der Metro AG im Bereich PR unterwegs.



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