Offensichtlich hat das Management den Kampf und Krampf gegen den übermächtigen Gegner Facebook auf dem Segment der general interest Social Networks aufgegeben. Obgleich man mehfach zuvor – zuletzt im April – nach außen hin kommunizierte, wann werde die VZ Netze zum Sommer relaunchen. Was auch immer aus den hochfliegenden Plänen wurde, die Optionen wurden immer weniger, nachdem sich der Kundenschwund als fatal erwies. Stefanie Waehlert – Chefin von VZ – sprach in einem telefonischen Interview von einem „Evaluierungsprozess“. Lange Rede kurzer Sinn: Es macht keinen Sinn mehr, auf ein sogenanntes „general interest“ Netzwerk in Konkurrenz zum nun noch größeren Facebook zu setzen. Die Dank ihres Börsenganges mit Ressourcen und Geldern förmlich vollgestopft wurden.

Was bleibt, ist der Aufbau eines neuen Geschäftssegments, einem sogenannten „vertical social network“. Auf Basis von SchülerVZ, das in IDPOOL umbenannt wird. Aus SchülerVZ soll ein vertikales Social Network mit Fokus auf Lernen und Bildung werden. Wie Ihr in den News lesen konntet, ist der Weg klar, was mit den alten Plattformen passiert. StudiVZ und MeinVZ kann man als abgeschrieben bezeichnen.

Würdigung von VZ
Halten wir das Vergangene fest, da mir das Geblubber und Geseiere um den Fail von VZ ehrlich gesagt auf die Nüsse geht: VZ hat faktisch einen großen Namen im deutschen Internet. Man kann VZ ohne Weiteres als die frühen Pioniere bezeichnen, die neben OpenBC (heute XING) den deutschen Usern das soziale Netzwerken erfolgreich näher gebracht haben. Wenn wir eines vermuten können, dann können wir auf einen zentralen Punkt abheben: Eine vernetzte Gesellschaft ist im 21. Jahrhundert womöglich eine der wichtigsten Antworten, um in Wettbewerb der Nationen überhaupt bestehen zu können. Nicht nur im Wettbewerb, sondern auch bei der eigenen Weiterentwicklung. VZ darf man diesen Verdienst mit zuschreiben, diesen Weg in Deutschland geebnet zu haben. Und, es ist VZ zu verdanken, dass die deutsche Startupszene wiederbelebt wurde. Sie haben das Signal für ein ganzes Feuerwerk an neuen Ideen und Umsetzungen gegeben. Ein nicht zu verkennender und wertvoller Beitrag zur Weiterentwicklung der deutschen Internetwirtschaft. Doch auf alten Lorbeeren kann sich niemand ausruhen, wie wir gesehen haben. VZ ist nun eine historische Landmarke. Und zugegeben, VZ hat uns Stoff für unzählige Geschichten geboten.

Was wird IDPOOL?
Wird das neue VZ ähnliche Signale setzen können? Die Hoffnung ist, dass man Schüler gewinnen und begeistern kann. Im Kern soll es – das alte und neue SchülerVZ aka IDPOOL – ein Social Network bleiben. Welche klassischen Grundelemente sind anzunehmen? Timeline, Profile, Interessen, Gruppen, Fotos, Videos, Sharing, Liking? Mit Sicherheit. Als Grundbasis jeglicher, sozialen Kommunikation. Man traut es sich kaum zu sagen, aber das Management spricht erneut von einem „Relaunch“, diesmal zum vierten Quartal. In der esten Stufe soll IDPOOL noch keine Lern/Bildungsinhalte enthalten. Um die Schüler nicht mit einem zu radikalen Umbau „ihres“ SchülerVZ zu verschrecken. Erst nach und nach sollen die Elemente auftauchen, die IDPOOL zu einem vertikalen Social Network mit Ausrichtung auf Lernen machen. Kein ungeschickter Gedanke, einen soft launch hinzulegen. So dürfte es auch klar sein, dass sich IDPOOL zunächst auf Basis klassischer Werbung finanzieren möchte. Erst im nachfolgenden Schritt kämen Bezahlangebote in Frage.

Dazu Stefanie: „Wir werden mit IDPOOL ein innovatives Angebot für Jugendliche präsentieren: Mit neuartigen Ansätzen für Viralität im Social Media Bereich, neuen KPIs und damit insgesamt neuen Möglichkeiten für reichweitenstarke Kampagnen. Mit dem Launch von IDPOOL werden wir beispielsweise aus dem Stand über relevante Bewegtbildreichweiten verfügen und neue Einnahmequellen erschließen. Allerdings wollen wir auch hochwertigen Content bereitstellen, für den später Abomodelle oder Pay Content-Modelle denkbar sind„.

Eines der Produktmerkmale wird demnach die Möglichkeit sein, mit Videofunktionen arbeiten zu können. Das ist weder erstaunlich noch überraschend, sondern naheliegend. Schon heute lernen unsere Kizz auf YouTube, wie man Skateboard fährt oder wie man Gitarre spielt. Moment, braucht es dann Videomaterial auf IDPOOL? Werden unsere Kinder und Schüler nicht auf YouTube bleiben?

Dazu eine interessante Aussage von Stefanie in Richtung Open Graph-Strategie:
Seemless Content Sharing ist für uns ein wichtiges Ziel. Das bedeutet gerade im Hinblick auf Bewegtbild, dass wir alle Optionen anbieten werden. Vom simplen Verlinken/Empfehlen von Fremdcontent über Embedding bis hin zur Möglichkeit, das natürlich auf unserer Plattform selbst hochzuladen. Die Entwicklung wird weiter in Richtung Open Graph gehen, so dass User plattformübergeifende Angebote so einfach wie möglich nutzen können. Das berücksichtigen wir auch für die Entwicklung von IDPOOL„.

Die Strategie, sich weitestgehend zu öffnen, um nicht mit einer „walled garden“-Strategie unnötig viel Ressourcen auf den Aufbau eigener Inhalte und Funktionalitäten zu setzen, klingt vernünftig. Aber auch zwingend erforderlich. Es gibt da draußen nur noch wenige Firmen, die es sich erlauben können, die User weitestgehend einzusperren: Google, Facebook und Apple. Wer wachsen will, muss lernen, sagen wir mal „gedankliche Kooperationsstrategien“ zu entwickeln. Speziell im Bildungsbereich.

Das Dumme dabei ist, dass eine „Open Graph“-Strategie Nachteile mit sich bringt. Zum einen könnte es besorgte Eltern auf den Plan bringen, was mit den Daten ihrer Kinder geschieht und zum anderen könnte es die Kinder/Schüler daran hindern, die Seite zu nutzen. Denn, wer will schon von Erwachsensen beobachtet werden?

Hierzu Stefanie:
Meine Beobachtung ist, dass Eltern und Kids auf unterschiedliche Art und Weise davon überzeugt werden müssen, warum ein deutsches Angebot wie IDPOOL genau das Richtige ist. An die Eltern werden wir adressieren, dass ein Angebot mit einem Jugend- und Datenschutzstandard nach deutschem Recht für ihre Kinder am besten ist. Ich bin fünffache Patentante und welchen Eltern ich immer sage, dass ihr Kind bei uns sicher unterwegs ist, erlauben sie es ihrem Kind eher, sich in einem Social Network wie unserem anzumelden. Kids wollen diesen sperrigen Begriff „Datenschutz“ natürlich nicht hören. Die kriegen wir mit dem Stichwort „Privacy“: Willst Du, dass jeder an Deine Daten drankommen kann wenn Du eine App benutzt? Nein!„.

Die Frage, die sich mir im Wesentlichen stellt? Ist die soziale Bindungskraft „social learning“ groß genug, um auf Basis eines derart ausgerichteten Social Networks User zu überzeugen? Der Gedanke ist mit Sicherheit modern. Und man muss den Mut der Eigentümer aber auch des Managements honorieren, auf ein derartig neues Pferd zu setzen. Das ohne Zweifel. Ich vermag die Fragen nach der Bindungskraft einer social learning Plattform nicht zu beantworten. Ich muss es ja auch nicht, denn es ist nicht meine Aufgabe. Eventuell findet die Mannschaft von IDPPOL eine gute Gesamtantwort. Am Ende des Tages liefert man lediglich Software. Nicht mehr und nicht weniger. Die Software beinhaltet einen guten Schuss Menschenkenntnis. Arbeiten Menschenkenner bei VZ oder arbeiten Ingenieure bei VZ? Das ist die alles entscheidende Frage.

Fazit
Festzuhalten gilt, dass unsere Kinder als Schüler zweifellos moderne Lern- und Bildungsangebote brauchen. Wir können nicht davon ausgehen, dass alleine das Schulsystem und die altehrwürdigen Bücher die Frage nach moderner Bildung allein beantworten können. Als Vater von zwei Kindern sehe ich persönlich durchaus – je nach Qualität des oben angesprochenen Produkts – Bedarf. Bedarf an einem Lernangebot gekoppelt mit social learning Aspekten. Wenn IDPOOL uns Eltern überzeugt, ist die eine Hälfte geschafft.

Stefanie:
Digital gesehen hinken wir im Bildungssektor noch gewaltig hinterher und alle suchen nach dem Schlüssel für’s Lernen im Netz. Ich bin der Meinung, dass wir Schüler spielerisch zum Lernen brinen müssen, sonst funktioniert das nicht. Das ist übrigens eine Aufgabe für Softwarespezialisten, nicht für Pädagogen, denn die Frage ist, WIE Kinder im Netz lernen. Also: Eine Frage der Funktionalitäten„.

Ich für meinen Teil finde den Gedanken wie gesagt spannend, dass unsere Kinder auf neue, modernere Möglichkeiten zurückgreifen könnten, um sich zu bilden und um zu lernen. Ich finde es fast noch spannender zu sehen, ob IDPOOL als Produkt greifen wird und ob das Ex-VZ Team überhaupt liefern kann. Lieber wäre mir das, dass sie liefern. Denn, mir ist es allemal lieber, dass es ein deutsches Unternehmen macht, denn erneut irgendein amerikanisches Unternehmen mit hyper aggressiven Marketing und wachsweichen Datenauswertungs-Bandagen nach US-Muster. Ich will nicht hier ein Google, ein Facebook und ein Apple sehen, wenn es um die Frage geht, wie unsere Kinder lernen und wie unsere Kinder durchleuchtet werden.

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