Sollte Gaddafi die Macht erhalten, während die Staatengemeinschaft am Seitenrand lediglich zugeschaut hat, ergeben sich daraus in meinen Augen drei Konsequenzen:

1. Menschen werden sterben: Es ist davon auszugehen, dass das Regime mit den Köpfen des Aufstands – wer auch immer als solcher von den eigenen Bürgern als Aufständischer verraten wird – abrechnen wird. Nun gut, dass ist das Problem der Bürger selbst, wenn man so will. Es betrifft die Bürger anderer Staaten nicht.

2. Despoten wie Baschar al-Assad (Syrien) und Abdullah Al Saud (Saudi Arabien) werden von nun an ruhiger schlafen. Sie sind sich von nun an sicherer, da der Wertetest der führenden westlichen Mächte (USA, GB, F, D, S), aktiv für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenleben und Demokratie einzustehen, versagt hat. Zu mehr als mündlichen Bekundungen und laschen Sanktionen reichte es nicht. Weder die Regierungen noch die Bürger der westlichen Staaten zeigen ein geschlossenes Interesse, sich ernsthaft für die Interessen der Reformer (manchmal auch als Rebellen und Aufständische bezeichnet) mit Nachdruck und allen Konsequenzen einzusetzen. Seitens China und Russland, den anderen beiden entscheidenden Mächten mit Drohpotential, befürchtet man zurecht nichts. Dies bedeutet einen empfindlichen Rückschlag für die Reformbewegung des arabischen und persischen Raums. Sämtliche Regime haben das Signal empfangen, Gewalt mit beliebiger Ausprägung anwenden zu können, um Reformbewegungen zu zerbrechen. Der Einsatz von Waffengewalt gegen Demonstranten in Bahrain fällt zeitlich nicht zufällig mit den Vorfällen in Libyen zusammen.

3. Die Chance der westlichen Staaten – allen voran Europa – ist vertan, um in der arabischen und persischen Bevölkerung nach all den leidvollen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts an Respekt zu gewinnen. Die Kulturfronten werden sich verhärten. Es wird heißen, der Westen und wir als Bürger sind mit unserer wirtschaftlich getriebenen Doppelmoral verachtenswert. Polarisierend eingestellten Einflüsterern wird es damit noch leichter fallen, die Kulturfront auszunutzen. Schon heute betrachten wir einen „Clash of Cultures“, der nicht selten in einen Gegensatz der Weltreligionen des Christentums und des Islams kanalisiert wird. Es ist weder klug noch gut für unsere gemeinsame Zukunft, wenn rund 2,2 Mrd. Anhänger des Christentums und 1,6 Mrd. Anhänger des Islam Zwietracht statt Gemeinschaft empfinden. Hinzu kommt, dass jegliche, moralisch erhobenen Zeigefinger des Westens in Zukunft noch weitaus mehr seitens der Bürger des arabisch-persischen Raums als belustigend empfunden werden. Auch Staatenregime wie Russland und China werden nur ein müdes Lächeln übrig haben „für uns“.

Das sind meine persönlichen Annahmen. Menschlich laienhaft. Im Bewusstsein, dass man manchmal Opfer bringen muss, um für eine Sache einzutreten, auch für die Sache Dritter, wenn sie mit den eigenen Werten zusammentreffen. Worte wie Freiheit, Menschenleben, Rechtsstaatlichkeit können sich nicht bloß auf einzelstaatliche Gebilde beziehen. Solange dies nicht der Fall ist, wird es die Weltgemeinschaft skrupellosen Schweinen wie Gaddafi – der just im Moment, in dem ich diesen Artikel schreibe, angesichts der UN Versammlung einem drohenden Flugverbot entgegenkommt und mit der Aussetzung der Kampfhandlungen bis Sonntag der Staatengemeinschaft blutigen Honig ums Mauls schmiert – allerorten leicht machen, Macht zu ergreifen und zu erhalten. Ich hatte die vage Hoffnung, dass sich das 21. Jahrhundert anders verhalten wird. Dem ist nicht so. Oder anders gesagt, ich hätte mir gewünscht, ein anderes 21. Jahrhundert zu erleben, ein Menschlicheres und Mitmenschlicheres. Dann eben nach mir, hoffe ich. Dahinter steht der Gedanke, dass die Idee von Staatengebilden in meinen Augen auf den Haufen der Geschichte gehört. Kein Mensch der Welt trägt einen Pass im Herzen, wir sind alle gleich. Territoriales Stammesdenken ist nicht die Zukunft. Wo auch immer ein Mensch durch Anwendung von Staatsgewalt unterdrückt, geschunden und umgebracht wird, wo auch immer er unter Korruption, Rechtswillkür und Zensur leidet, ist es so, als sei es mein Nachbar und Freund. Solange wir diese Nachbarschaft und Freundschaft nicht wahrhaftig empfinden, solange territoriales Stammesdenken das Denken der Menschen bestimmt, werden Wölfe ein leichtes Spiel haben, Menschen ungleich zu behandeln.

Ich hoffe, dass Gaddafi seine Macht nicht erhalten und dieser Artikel zu einer ganz wundervollen Makulatur wird.

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