Da kamen wir also zusammen, angeblich 6.000 Teilnehmer, die sich in Berlin zur re:publica bespaßen und informieren ließen. Wie immer fällt es angesichts der großen Spannbreite des Programms schwer, diese dreitägige Konferenz zu beschreiben. Ich greife mir daher einen Grundeindruck aus vielen anderen heraus, den ich gewonnen habe. Der lautet „Naivität“. Im Grunde genommen handelt es sich um eine tolle Eigenschaft, sich frei von Vorurteilen und Wissenszwängen in Themen zu stürzen, die einen neugierig machen.

re:publicaner sind willfähriger denn NSA-Streber
Beispiel für die Naivität: Ich wette, dass 99,99% aller re:publicaner inklusive der Referenten mindestens eine App auf ihrem Smartphone installiert haben. Und sie waren ohne mit der Wimper zu zucken bereit, der App alle notwendigen Datenberechtigungen zu erteilen. Datenberechtigungen? Na, eben alle Daten die man so hat, auf diesem coolen Gerät. Darunter fallen Einblicke in die Adressbuchliste des Telefons und der SMS-Nachrichten, dazu gehört auch das Auslesen der Facebook-Freunde inkl. derer Geburtsdaten, Beziehungsstati, Namen der Partner, Hobbies, Interessen, Büchervorlieben, Lebensläufe, Arbeitgeber, Aufenthaltsorte, und so weiter. Ich kenne so gut wie niemanden, der sich die Datenberechtigungsabfragen genauer anschaut noch überlegt, warum ein Zugriff erforderlich ist. Ein lauer Tweet oder ein G+ Beitrag reicht als Empfehlung, um der App-Empfehlung zu folgen. Ob die App einem schmierigen Typen gehört, der sich den Ast ablacht, juckt halt auch nicht. Wenn man so will, gereicht die Naivität der re:publicaner für die höchsten Stasi-Orden, die früher sicherlich exzellenten Abhördienstleistungen vorbehalten waren. Klingt böse, aber ich bin sicher, dass es keiner von uns böse meint, wenn die Daten an Mr. Schmierhansel weitergegeben werden. Die man wunderbar bis hin zum social hacking nutzen kann, um der Omi die Gelder aus den Rippen zu labern („dein Enkel hier, ja, hallo Oma, ich brauch mal dringend…„).

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Die böse NSA
Der Schock und die Verzweiflung ob der Snowdenschen Entdeckungen sitzen so tief, dass Referenten wie Sascha Lobo in einem vielbeachteten Vortrag Vogelschutzvereine für eine vorbildliche Lobbyarbeit heranziehen. Um klarzumachen, dass politische Einflussarbeit irgendwie wichtig ist, jedoch ohne Finanzmitel niemand den Kopf hinhalten möchte. Klingt natürlich gut, auch in den Ohren von Nico Lumma, einem derer, die für ihre Orga Geld benötigen könnten. Felix Schwenzel betont in seinem lösungsorienten Vortrag „wie ich lernte die überwachung zu lieben„, dass u.a. bildhafte Opferbilder wichtig seien, um die Bevölkerung aus ihrer Lethargie ob dem Überwachungsstaat zu erwecken. Das Grundmuster der Naivität wird durch einen Mangel an Empathie befeuert. Obgleich Felix sowohl in der Überschrift als auch im Verlauf seines Vortrags andeutet, den „Feind besser zu verstehen“, wird kein dergleicher Versuch unternommen. Oder, die Rede ist dann gleich vom Egal-Bürger, dem das Netz komplett wumpe sei.

Die Fragen, warum ein Staat Techniken einsetzt, um an Informationen zu gelangen, folgt der gleichen Logik, warum Menschen Apps Datenberechtigungen mit kriminellen Risiken sorglos erteilen. Fragen stellen und beantworten, unabhängig der eigenen Haltung, bedeutet Erkenntnisgewinn und sendet unglaublich wichtige Empathiesignale. Motivationen diverser Gruppierungen zu erkennen, bedeutet Ursache- und Wirkungskreise konstruieren zu können. Zugleich bedeutet es, Argumentationsstränge und Handlungsableitungen in die Hand zu bekommen. Ohne diese Grundlagen wird es nichts bringen, über eigene Probleme zu sinnieren, solange man gebetsmühlenartig diese eigenen Positionen vertritt und dann auch noch Dritten gegenüber überstülpen möchte, die nicht die gleiche Meinungsposition innehaben. Entweder holt man Dritte an ihrer Position ab oder man läßt es gleich. Wenn ich dich zu verstehen versuche und dir mein Verständnis aufzeige, erst dann wirst du mich verstehen wollen. Alles andere ist einfach naiv. Es wird aber kein Versuch unternommen zu erklären, warum die „Gegenseite“ so handelt. Die Rede ist dann gerne von kriminellen, demokratiefeindlichen Spähverbrechern. Top, damit kommt man nicht einmal ansatzweise weiter. Außer in der eigenen peergroup, die winzig genug ist.

Repräsentative Redner?
Diese Naivität spiegelt sich auch in der Art der Vorträge wider, die vom Vortragsstil her durchaus den Eindruck ironischer Arroganz und Besserwisserei gepaart mit Frotzeleien erwecken. Wer unbedingt Witze machen möchte, kann Komiker werden und damit viele Likes bei Gleichgesinnten einsacken. Der ernst gemeinten Schilderung einer Sachlage dient das nicht, um andere Meinungslager zu überzeugen. Das Stilmittel der Ironie wurde gerne verwendet, weil es in my humble opinion die Überlegenheit der eigenen Argumentation untermauern soll. Wer damit besserwisserisch daherkommt, wird wohl kaum vom Gegenüber weder für voll genommen noch werden dessen Argumente erhört.

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Realpragmatismus contra Navität?
Was könnten die re:publicaner demnach mit dieser bisherigen Herangehensweise überhaupt erreichen? Nichts, wie bisher auch. Selbst wenn sie verstehen würden, dass Staaten ein Grundinteresse am Erhalt ebenso wie am Ausbau ihres Status Quo (reden wir ruhig von den G-8 Staaten plus China, Brasilien, Indien, Australien, Iran, Israel und der Türkei) und Wohlstandes haben, dies unter allen Umständen bereit sind zu sichern, mit wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt? Jegliches technisches Hilfmittel ist nur eine weitere Staatsräson. Und jeder dieser machtvollen Staaten wäre gepudert, würde er nicht alles dransetzen, das Internet als vorzüglichen Quell von Trends, Interessen, Meinungen und Informationen jeder Art anzuzapfen. Predigen nicht sogar die IT Auguren die Mächtigkeit von Big Data? Wenn die These stimmt, aus einer Unmenge an Daten sagen wir mal „die Zukunft“ in allen Belangen besser einschätzen zu können, muss man nicht unfähige Geheimdienstler durch die besten Köpfe der Welt ersetzen, um auch informationstechnologisch ganz vorne mitzuspielen? Eine Supermacht wie die USA wird ein technisches Wettrüsten mit China eingehen, um den Status als Hegemon zu erhalten. Auch auf dem Gebiet der so verpönten 1:1 Kopiererei der gesamten, gloablen Kommunikation. Die Vorteile daraus sind exorbitant. Terrorabwehr ist hierbei ein kleinster Baustein mit hoher Effektivität, den Gesamtnutzen den Bürgern gegenüber effizient zu verkaufen (zumindest in westlichen Staaten). Außer den Klimaforschern zeigen alle Langfristzeiger der Welt nach oben, mehr Futter, mehr Geld, mehr Glück, längeres Leben. Für immer mehr Menschen. Was hat das Abhören der Netze nun damit zu tun? Viel, nicht im vermeintlich negativen Sinne, sondern mit großen Potentialen im positiven Sinne (das ist btw nicht meine Haltung im Sinne der Staatsräson). Heißt es nicht, dass ein wehrhafter und gut informierter Staat Wohlstand sichert, Mäuler füttert, Freiheiten schafft?

Solange diese Logikreihenfolge weltweit dominant ist, wird kein einziger Freiheitslogiker mit dem Argument „Freiheit sichert Menschen“ dagegen anstinken können. Es wäre mir neu, dass wir geschichtlich bewiesen hätten, nett zueinander zu sein. Die eherne Erfahrung ist, dass keiner Nation etwas geschenkt wird. Wer sich nicht wehren kann, geht unter. Ukraine lässt grüßen, die zwischen EU-Hammer und Russen-Sichel zerrieben werden. Ein Verzicht auf technische Zukunftsmöglichkeiten als Forderung? Verzicht auf gegenseitiges Belauschen als ein Teilmittel? Klingt wie purer Wahnsinn in einer Welt voller bigotter App-Bürger, die jederzeit und willig zum eigenen Nutzenvergnügen die Daten ihrer Freunde preisgeben. Denn, Staatsnutzen ist die Summe aller Ego-Nutzen. Eine Haltungsfrage. Solange re:publicaner willige NSA-Streber sind, fatalerweise auch noch unfähig die Gegenpositionen zu inhalieren, wird eine Forderung nach Internetfreiheit und Abhörsicherheit auf taube Ohren stoßen.

Ob ich die Vorträge mochte? Jein, grundsätzlich mag ich aber die Positionen und ich liebe die Naivität, denn nur diese Grundhaltung bringt uns weiter statt zu verharren. Naivität ist ein guter Brennstoff. Aber Brennstoff alleine reicht nicht, um etwas voranzutreiben. So komme ich nicht umhin, die Forderungen und die Annäherungsart zum Themenkomplex als naiv zu empfinden, solange diese bizarre Widersprüchlichkeit im eigenen Verhalten vorherrscht, wie ich es am App-Beispiel vielleicht aufzeigen konnte. Solange niemand in der Lage ist, diverse Positionen zu umschließen, damit auch auf sicherheitspolitische Fragen von Staaten keine Alternativantworten parat zu haben, die wohlstandsanständige Staatsbürger überzeugen könnte, solange bleibt es bei der einsamen Bubble aus Naivität einer sehr kleinen Peergroup. Ich befürchte zudem: Außerhalb der Luxus-Bubble der G8+X Staaten dürften zudem ganz andere Fragenkomplexe vorherrschen, denn die angebliche Bedrohung des Netzes durch Staatsdienste. Dabei handelt es sich um verbleibende 190 Staaten. Ok, plus Berlin halt.

Wir füttern das Monster gerne und wollen nicht, dass es kontrolliert werden kann? Gaga. Aber so sind wir.


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