Ich würde gerne den Begriff E-Business als solchen auch verstehen wollen:

IBM definiert den Begriff als „Neugestaltung strategischer Unternehmensprozesse und die Bewältigung der Herausforderungen eines neuen Marktes, der sich zunehmend durch Globalisierung auszeichnet und auf Wissen basiert.“ Die strategischen Unternehmensprozesse schließen die gesamte Wertschöpfungskette und die Beziehungen eines Unternehmens mit dessen Partnern ein. Diese Beschreibung des E-Business-Begriffs lässt eine Konkretisierung der „Neugestaltung“ offen und ebenso, mit welchen Mitteln E-Business realisiert werden soll, obwohl der Begriff selbst eine Umsetzung durch elektronische, also Informations- und Kommunikationstechnologie suggeriert.

Darunter würde ich auch das ominöse Social Media subsummieren. Doch befassen wir uns kurz mit dem Begriff Outsourcing, bevor wir auf Insourcing kommen. Outsourcing ist was?

Outsourcing bzw. Auslagerung bezeichnet in der Ökonomie die Abgabe von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen. Es ist eine spezielle Form des Fremdbezugs von bisher intern erbrachter Leistung, wobei Verträge die Dauer und den Gegenstand der Leistung fixieren. Das grenzt Outsourcing von sonstigen Partnerschaften ab.

Hierbei kann man zwei wesentliche Formen unterscheiden: Alles das, was nicht zum Kerngeschäft gehört, wird an Unternehmen übertragen, die sich spezialisiert haben und Aufgaben effizienter erledigen können. Das kann bei Großunternehmen der Betrieb von Großrechnern sein. Es gibt mittlerweile keinen Bereich mehr, wo wir Outsourcing nicht kennen. Der Vorteil dieser Form von Outsourcing liegt im Fokus der eigenen Ressourcen auf das Wesentliche. Das Unternehmen wird dadurch auch flexibler und durch die Reduktion der Komplexität des Managements einfacher lenkbar. Die andere Form des Outsourcings ist populärer, nämlich das Primat der Kostensenkung. Wir kennen das über die Auslagerung von Produktionseinheiten ins Ausland aufgrund des Lohngefälles. Die Theorie dahinter ist quasi ein alter Hut, bezeichnet als komparative Kostenvorteile, basierend auf den Arbeiten von David Ricardo und Adam Smith (18.+19. Jh.). Und hat wesentlich das Verständnis von Außenhandel wie auch Freien Handel historisch bestimmt.

Soweit so gut. E-Business, Outsourcing. Nun stellen wir uns kurz die Frage, warum ein Unternehmen überhaupt auf dem Markt existieren kann und überhaupt existiert? Als Institution im Sinne einer zielgerichteten Organisationseinheit löst sie eine Aufgabe besser als das Individuum es zu leisten vermag. Betrachten wir hierzu kurz Versicherungsunternehmen. Sie haben das historisch angesammelte Wissen, Eintrittswahrscheinlichkeiten besser zu berechnen, darauf basierend Prämien zu kalkulieren und entsprechende Verträge anzubieten. Sie haben demnach einen Informations- und Wissensvorsprung. Müssten Einzelindividuen derartige Verträge abschließen, scheitern sie bereits an der Ausformulierung der Verträge untereinander, von der Berechnung der Eintrittswahrscheinlichkeiten von Schadensfälllen ganz zu schweigen. Das ist der Grund, warum auf dem Markt Versicherungsunternehmen entstanden sind. Sie senken die Informations- und Transaktionskosten von zu handhabenden Risiken für Marktteilnehmer einer Volkswirtschaft erheblich. Im Fokus steht das Wissen um Prozesse, Kunden und Produkte. Halten wird das fest für später.

Im Zuge dieser Spezialisierung von Individuen und deren Zusammenschluss in wirtschaftlichen Institutionen beobachten wir im Rahmen des Outsourcings immer stärkere Spezialisierungstendenzen. Dummerweise ändern sich Marktbedingungen ständig. Das kann auf gesetzlichen Initiativen beruhen, auf einem kulturellen Wandel, auf Innovationen oder auf der Änderungen des Wettbewerbumfelds. Es kann auch dazu führen, dass man Bereiche wieder eingliedern muss – sprich „insourcen“ – die vormals nicht zum Kerngeschäft gehörend betrachtet wurden.

Houston, we have a problem. Immer dann, wenn man Teile eines Betriebsprozesses ausgliedert, Dritte beauftragt, verliert man Wissen. Wissen manifestiert sich nicht nur über das Handling von Prozessen, sondern auch in Mitarbeitern selbst. Die Reduktion des Personals in dem gegebenen, ausgegliederten Bereich kann man nicht einfach so im Handumdrehen kompensieren. Man wird auf der einen Seite abhängig von Drittunternehmen. Auf der anderen Seite verliert man zunehmend die Fähigkeit, in den ausgegliederten Bereichen aber auch übergreifende Signale auszuwerten, die auf den sich verändernden Marktbedingungen beruhen. Die womöglich für das Bestehen des Unternehmen existentiell sind oder etwas schwächer ausgedrückt das Unternehmen wesentlich benachteiligen, wenn es nicht rechtzeitig darauf reagiert.

E-Business, Outsourcing, Wissensverlust, Reagibilität auf Marktänderungen. Soweit so gut. Kommen wir zum Punkt. Wir leben in der westlichen Welt in einer Informationsgesellschaft. Zunehmend bestimmen digitale Techniken unser Leben, allen voran das wirtschaftliche Gefüge. Kaum ein Betrieb, der ohne Digitaltechnik auskommt, mir persönlich ist keiner bekannt. Allen voran haben Großunternehmen IT-Dienstleistungen im großen Umfang ausgelagert. IT gehört in vielen Unternehmen nicht zum Kerngeschäft. IT unterstützt die Betriebsprozesse zwar wesentlich, ist jedoch kein Treiber mehr, um Veränderungen herbeizuführen, die eine neue Geschäftsausrichtung bestimmen. In einem weiteren Segment haben Unternehmen wesentliches Know How abgegeben: Kommunikation im Sinne von PR und Marketing. Ich kenne keinen Großbetrieb, der nicht einen Großteil der Fertigung und Geschäftsprozesse im kommunikativen Aufgabenbereich ausgelagert hat. Fatalerweise.

Halten wir kurz fest: Heutige Unternehmen haben im weitesten Sinne in meinen Augen die eigene Fähigkeit verloren, auf Marktbedingungen zu reagieren, die eine Informationsgesellschaft umfänglich mit sich bringt. IT und Kommunikation gehören hierbei zu den wesentlichen Feldern, in denen Änderungen spürbar sind, die zudem stetig marktbestimmender werden. Diese Änderungen verspüren allen voran Unternehmen, die im Wesentlichen mit Informationen arbeiten: Presseverlage und Musikunternehmen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Branchen davon betroffen sind. Banken und Versicherungen sind ebenfalls Anbieter von Produkten und Dienstleistungen, die im Kern Informationsprodukte darstellen. Auch diese werden folgerichtig Änderungen im Marktumfeld spüren.

Fatalerweise haben Unternehmen ausgerechnet in den Bereichen IT und Kommunikation Personalressourcen externalisiert. Wer nun glaubt, dass Drittunternehmen allein aufgrund ihrer Spezialisierung dem auftraggebenden Unternehmen Vorteile verschaffen, täuscht sich. Besonders dann, wenn tektonische Änderungen anstehen, die das Unternehmen betreffen. Externe haben schlichtweg weder den Gesamteinblick noch das Know How, um das Kerngeschäft des Unternehmmens besser zu verstehen als das Unternehmen selbst. Von diesen externen Unternehmen kann man demnach keine Impulse erwarten. Innerbetrieblich fehlt es umgekehrt am geeigneten Personal in der Breite, um auf Marktveränderungen im digital getriebenen Bereich der Informationsgesellschaft zu reagieren, da man dieses über Jahre hinweg sträflich vernachlässigt hat aufzubauen. Man hat es den Externen überlassen.

Selbstverständlich kann man pauschal keine Beurteilungen treffen, welche Branchen besonders von den Umwälzungsprozessen betroffen sind. Welche Veränderungen sind das überhaupt, die relevant sind? Zwei Branchen sind ausgemacht (Presse/Musik), die nicht mit der Informationsgesellschaft mitgekommen sind. Die Finanzwirtschaft dürfte die nächste Branche sein. Die Marketing- und PR-Industrie dürfte ebenso betroffen sein. Wie sieht es mit der Handelsbranche aus? Was ist mit der Telekommunikationsbranche? Tendentiell kann man jedoch vermuten, dass sämtliche Unternehmen mit einem Angebotsschwerpunkt auf Basis von Informationsprodukten und immateriellen Gütern die Frage nach dem Insourcing beantworten müssen. Wo liegen die Stärken des Unternehmens, wo die Schwächen? Welche Veränderungen durch die Informationsgesellschaft und deren Wirkzusammenhängen bestimmen maßgeblich das Geschäft? Wo verfügt man über eigenes Personal, wo nicht? Kann man Wissenslücken rechtzeitig schließen? Wo ist E-Business im Sinne von digitalen Prozessen und Kommunikation als Kerngeschäft zu betrachten und wieder einzugliedern? Kann man weiterhin auf externe Unternehmen setzen?

Zusammengefasst: Es war ein Fehler, dass Unternehmen IT- und Kommunikationsdienstleistungen externalisiert und im Zuge dessen eigenes Personal abgebaut haben. Der Mangel an Wissen in diesen Bereichen, die ich zum Kernbereich von informationslastigen Unternehmen zähle, macht sich sträflich bemerkbar und wird sich weiterhin sträflich bemerkbar machen.

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