ein anonymer Kommentar zum Artikel „Der Weg nach vorne“, den ich gerne nochmals publizieren möchte:
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Ich bin den Weg nach unten gegangen. Soweit, dass ich fast nicht mehr konnte. Dass ich nachts stundenlang wach lag und über den allerletzten Weg nachdachte. Den ich wahrscheinlich nie gegangen wäre, weil ich zu feige dazu bin. Es war eine schlimme Zeit.

Pleite war ich nicht. Gemessen an HartzIV, Überschuldung o.ä. ging es mir finanziell geradezu prächtig. Es gibt viele Menschen, die in objektiv viel bedrückenderen Situationen stecken. Aber was zählt schon Objektivität, wenn es um die persönlich gefühlte Verzweiflung geht?

Ich war Lohnsklavin. Leiharbeiterin, 5 Jahre lang. Dabei habe ich eine sehr gute Ausbildung, abgeschlossenes Wirtschaftsstudium, breite Allgemeinbildung, fließende Englischkenntnisse. Aber mein Lebenslauf ist bunt, ich habe lange studiert und nicht nur ein Fach, sehr divergente Sachen gemacht. Nach dem Wirtschaftsstudium im vorgerückten Alter wollte mich keiner. So kam ich irgendwann ins Callcenter, outbound: Ausbeutung pur, grenzwertige Arbeitsweise (zu Details siehe Wallraff). Dagegen war Zeitarbeit Gold.

Beim Einstellungsgespräch sagte man mir, man könne mich vielleiiiicht irgendwo am Empfang brauchen, sonst sei ich zu nichts einzusetzen. Mein erster Job war genau das. Telefon verbinden, tippen. Der zweite: Amerikanischer Konzern im Fusionsprozess, jahrelanger Einstellungsstopp. Assistenz für verschiedene Chefs, teils erträglich, ein paar Highlights, teils langweiligste Routine, teils fast nichts zu tun, insgesamt unterfordert. Gutes Betriebsklima. Interessante Branche, aber nicht meins. Stellenbeschreibung des dritten Jobs: Posteingang und -ausgang. Temporäre Firma, bestehend aus hochbezahlten Interimsmanagern und zeitarbeitendem Admin-Fußvolk. Betriebsklima einer feudalen Klassengesellschaft. Der vierte Job war kurz, aber der beste: Werbeabteilung, stressig, kommunikativ, kreativ, freundliche Atmosphäre. Nach dieser Atempause gab mir der fünfte Einsatz den Rest. Obwohl die Tätigkeit interessant war, jedenfalls für bemessene Zeit. Amerikanischer Konzern, Produktionsstandort, Controlling plus Bonussystem at its worst: ein Kessel unter Druck, immer kurz vorm Explodieren. Da hilft auch keine „Wir sind die Besten“-Motivation mehr. Erfolg, Expansion, aber zu wenig Manpower, zu wenig Maschinen. Atmosphäre der angestifteten Unzufriedenheit, die zivilen Umgangsformen bereits durch Aggressivität erodiert.

Wo immer Du als Leiharbeiter bist, Du erwischst das schlechte Ende, selbst in einer guten Firma. Wo die Umgebung schon schlecht ist, spürst Du es umso schlimmer. Leiharbeit ist Arbeit in faktischer Rechtlosigkeit. Selbst wo man Dir persönlich wohl will, bist Du Mitarbeiter zweiter Klasse. Es schimmert immer durch. Du zählst NICHTS, Du bist reine Arbeitskraft, Produktionsmittel, ein Durchgangsposten. Leasingfirma und Kunde schulden sich was, beide profitieren von dem Deal, der Leiharbeiter ist austauschbar. An Deiner Person, Deiner Entwicklung ist keiner interessiert, da keiner was davon hat. Ein Circulus viciosus: Verantwortungsvollere Aufgaben vertraut man Dir nicht an, da Du ja wieder gehst (und damit das erarbeitete Know-How mitnimmst), da Du aber nur das machen darfst, was alle anderen auch können, kannst Du Dich nicht unersetzlich machen. Und schon gar nicht für gute, „richtige“ Jobs profilieren. Wenn Du gut bist, möchte man Dich zwar möglichst lange haben – aber bitte in Zeitarbeit, da der Stellenplan nichts anderes vorsieht. Solange Dich die Firma haben will, gibt es wiederum keinen Grund für einen Einsatzwechsel, und damit auch keine neue Chance. Den vielbeschworenen Klebeeffekt gibt es, aber nicht oft. Ich habe einige getroffen, meist junge Absolventen, die so ihre erste Stelle bekommen haben. Ich habe aber auch und vor allem die anderen gesehen: die, die jahrelang in Zeitarbeit feststecken und depressiv werden. Und sich von Chefs noch neoliberale Sprüche anhören müssen, sinngemäß: ‚Du hast versagt, bist vielleicht einmal nicht gut genug gewesen, also beklag Dich nicht, dass Du jetzt als Straßenkehrer gehst. Ich würde es auch tun‘.

Jeder geht mit der Depression anders um: da gibt es die Stillen, die in einer Fassade der Hoffnung ihre Situation stoisch ertragen, die, die aufmüpfig werden und irgendwann deshalb vom Leasingnehmer „rausgeschmissen“ werden, und die, die schon in psychotherapeutischer Dauerbehandlung sind.
Was in Dir vorgeht, interessiert keinen. Du hast zu funktionieren. Das Auffangsystem Sozialstaat greift erst, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Es muss Dir schlecht genug gehen. Das gilt fürs Arbeitsleben genauso wie wahrscheinlich für Schulden oder Erziehungsprobleme. Sobald Du unterhalb einer definierten Wasserlinie angekommen bist, kann die Maschinerie anlaufen. Vorher musst Du selbst klarkommen.
Im Fall von Depressionen ist das besonders fatal. Depression versteckt sich. Depressive kapseln sich ein, halten sehr lange die Fassade aufrecht, funktionieren. Und suchen gerade nicht aktiv Hilfe auf. Damit haben auch ehrenamtliche Angebote keinen Ansatzpunkt.

Zeitarbeit war für mich die letzte Chance, einen Job zu finden. Ich war also schon zu Anfang „klein“. Zeitarbeit hat mich noch kleiner gemacht. Bis ich irgendwann fast nicht mehr da war. Zum Beispiel habe ich zuletzt nicht mal mehr Urlaub genommen, weil ich als Aushilfe dafür eingestellt war, dass andere gehen konnten. Ich habe die Rolle der Rechtlosen angenommen, bin regelrecht hineingeschrumpft. Warum? Weil ich keinen Ausweg gesehen habe, keine Perspektive. Wohin in einer Zeit mit fast 5 Millionen Arbeitslosen? Ich hatte schon vorher nicht die Erfahrung gemacht, eine begehrte Arbeitskraft zu sein.

Nach dem letzten Einsatz war ich nicht mehr vermittelbar. Ich spürte, noch einer dieser bescheidenen Jobs wäre das Ende, buchstäblich. Mehrere Vermittlungsgespräche schlugen fehl, ich fragte zuviel, versuchte mich abzusichern, wirkte dadurch nicht mehr anpassungswillig genug. Ich handelte mir sogar noch eine Abmahnung ein, weil ich meine Verletzungen des letzten Jobs nicht diskret genug verbergen mochte. Schließlich kam es zum Mitarbeitergespräch: Ich sollte wieder auf Kurs gebracht werden, aber man lehnte ab, mir zu kündigen. Man glaube an mich, blabla … Es ging nicht um mich als Person, sondern um mich als Produktivposten, als Ware, als Teil der Zielvereinbarung der Vermittlerin. Nach diesem Gespräch kündigte ich selbst.
Es war zu Ende.

Nach einer Phase der Umorientierung bin ich zu dem zurückgekehrt, was ich am besten kann und am liebsten mache, in einer neuen Variante. Dafür habe ich mir ein neues Wissensgebiet angeeignet. Jetzt bin ich selbständig und arbeite daran, dass es richtig aufwärts geht.

Was mir vor allem durch die schlimme Zeit geholfen hat: Mein Freund, der mein Jammern und meine Überempfindlichkeit ertragen hat, obwohl er bei weitem nicht alles nachempfinden oder verstehen konnte. Aber er war da, und das war sehr, sehr viel wert.

Es gibt sicher viele, die Ähnliches zu erzählen hätten. Oder viel Schlimmeres, denn objektiv gesehen war meine Lage im Vergleich zu Leuten z.B. in der Produktion privilegiert. Aber die wenigsten sprechen darüber. Leiharbeit wird in den Medien immer noch vorwiegend beschönigt, als große Chance dargestellt. Obwohl sich längst rumgesprochen haben sollte, dass hier, unterstützt durch die Gesetzgebung, ein ganzer Wirtschaftszweig von einer gigantischen Systemverzerrung zuungunsten der betroffenen Arbeitnehmer lebt. Mit allerlei hässlichen Konsequenzen.

Robert, ich fühle mich sehr angesprochen von Deinem Post, und darum erzähle ich hier meine Geschichte (allerdings anonym, so viel möchte ich im Netz dann doch nicht über mich preisgeben). Vielleicht verschafft sie denen ein bisschen mehr Gehör, die noch mittendrin stecken im Schlamassel, denn da fühlt man sich nur ohnmächtig.
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