Der ARD-Videobeitrag „Go West, Ihr Genies!“ (44 Minuten) enthält u.a. Aussagen rund um den zukünftigen Automarkt. Im typischen Silicon-Valley-Happy-Slang wird der Untergang der Autoindustrie prophezeit, wie krass die Zukunft sein wird, wie krass sich eh alles verändert, wie krass-krass neue Spieler hinzukommen, wie oberkrass alte Spieler nix kapieren. Konkretes? Mangels Spielzeit wurde mehr Wert auf das Feeling gelegt, das es zu vermitteln galt. Feeling? Ich dachte, ich sei bei einem Versichersmotivationsseminar von Oma-Mütter-Verkäufern, die sich auf die Brust schlagen.

Was im Valley passiert, bleibt in Vegas

Nach dem Beitrag war mir klar, dass ich niemals nach Silicon Valley ins hippo-happy Land der Träumer ziehen möchte. Soviel heißes Gelaber und Getue, wo es letztlich nur um schnelles Geld geht = Land der Zocker und Abzocker. Ob Vegas oder Valley, vom Prinzip her bleibt es sich gleich. Schnelles Money, extrem hohe Risiken, viel Glitzer. Die meisten der Startups mit teils völlig abstrusen Ideen bleiben sowieso auf der Strecke. Wir lesen nur von den großen Stories, aber was ist mit den abertausenden, die scheitern? Nicht zufällig lautet dort das Credo, Scheitern sei eine richtig coole Sache. Schon einmal darüber nachgedacht, warum das banale Lernen aus Fehlern so dermaßen hochgehalten wird? Als Reaktion auf das Spiel der Investoren, dass einer der Weltverbesserer die anderen Verluste schon wettmacht? Nur die allerwenigstens jazzen sich hoch.

Das zumindest können die im Valley, viel Geld anlocken, viel Geld auszahlen, mit viel Geld die Startups hochtaumeln lassen. Anders geht es sowieso nicht. Hinzukommen böse ausgedrückt Träumer, Freaks und vermeintliche Cracks (gerne als Programmiertalente bezeichnet), denn ohne Personal geht es nicht. Bubies, die gerade einmal das bewusste Lernalter erreicht haben und dabei von Unternehmensführung so viel wissen wie ein Stadionbesucher vom Fußball. Mit viel Geld werden dann erfahrenere Unternehmenspapas und -mamas angelockt, damit die vielen Kinder den Laden nicht vollends vor die Wand fahren, sobald es sich zeigt, dass das Startup länger als 1-2 Jahre überlebt. Warum es dort rasend rotiert, Startups kommen und gehen? Wenn die Fonds der Startup-Investoren auslaufen aka das zeitlich angelegte Zockergeld der eigentlichen Geldgeber ausgezahlt werden muss, findet das große Reinemachen statt. Die wenigen Krümel werden weiter aufgepeppelt und mit viel Schlagsahne vollgekleistert, der große, angeschimmelte Kuchenrest kommt in den Mülleimer. „Yeah, wir sind gescheitert“ heißt es dann und schon segelt der vernarbte Bubi zum nächsten Startup-Abenteuer.

Zugegeben, eine sehr überspitzt ausgedrückte Darstellung des Silicon Valleys. Das uns doch den PC, das iPhone, Apple, Facebook und die CPUs ins Wohnzimmer und Büro brachte. Es ist unfassbar, was diese Industrie geleistet hat. Steve Jobs wird als Kultfigur verehrt. Die Welt rückte zusammen. Überall hängen die Menschen vor leuchtenden Bildschirmen. Wer wagt es anzuzweifeln, dass es nichts gebracht hätte? Tja…

Ist das alles wirklich produktiv?

Im Zentrum von allem steht: Die Silicon-Valley-Bewohner haben glänzende Augen, wollen die Welt verändern und glauben vor allen Dingen an die Macht der IT, die alles löst und verbessert. Ohne dieses Vertrauen und Zutrauen könnten sie diesen Erfolg in Umsatzdollar nicht haben. Das ist das wesentliche Heilsversprechen des Tals der Träume aus Silikon (oh, tschuldigung, Silizium). Was aber, wenn die Welt da draußen nicht so einfach zu retten noch zu verbessern ist? Darauf verweisen renommierte Volkswirte weltweit hin, die über das stinklangweilige und furztrockene Produktivitäts-Paradoxon berichten. Produktivität und der Einsatz von IT-Technologien weisen eine negative Korrelation auf. Huch? Wie das? Das ist doch Lügenprersse! Dieses Paradoxon wird auch im neuesten Bericht des Statistischen Bundesamtes explizit genannt. Von den Meistern der Zahlenerfassung und Auswertung. Das sind keine Bubies, die an die Weltverbesserung glauben, sondern an die Welt der abzubildenden Realitäten. Sozusagen diejenigen, die das Fleisch der ganzen Verheissungen aller Wirtschaften und Branchen vom Knochen schälen und den nackten Kern zeigen:

Als Produktivitäts-Paradoxon wird die durch statistische Ergebnisse untermauerte Hypothese bezeichnet, dass es trotz fortgesetzter technologischer Innovationen – insbesondere im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung – eine längerfristig abgeschwächte Produktivitätsentwicklung gibt. Die empirischen Befunde dafür liefert die amtliche Statistik. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international ist diese Feststellung zutreffend.

Die aktuelle Produktivitätsschwäche wird vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Digitalisierung, Globalisierung und anderer Phänomene analysiert, die vermeintlich produktivitätssteigernd sind. Auch die Deflationierung in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen wird dahingehend überprüft. Die Preisstatistik hat die Thematik in einer eigenen Sonderveröffentlichung „Auswirkungen der Digitalisierung auf die Preisstatistik“ aufgegriffen. (Quelle: Bruttoinlandsprodukt 2016 für Deutschland (.pdf) / Seite 35 ff. / Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 12. Januar 2017 in Berlin / Statistisches Bundesamt).

Als alternder IT-Hase kennt man auch die Praxiswelt. Alles das, was die Regenmacher versprechen, ist selten 1:1 einsetzbar, bedarf extremer Anpassungen, irre hoher Aufwendungen, langer Zyklen, bis es mal wirklich sitzt. Nur kaum hat man einmal einen Ok-Status Quo erreicht, rennt die nächste Sau mit Chip behangenen Öhrchen durch die Büroflure. Kein Wunder, warum betont wird:

Moderne Studien (McKinsey 2001, Farrell 2003) weisen auf branchenspezifische Unterschiede bei der Rentabilitätssteigerung hin. So konnten in der Computer- und Halbleiterfertigung, der Telekommunikation, dem Groß- und Einzelhandel und dem Wertschriftenhandel durch den Einsatz von IT-Technologie sehr wohl signifikante Rentabilitätssteigerungen erreicht werden. Des Weiteren scheinen Faktoren außerhalb des IT-Kernbereichs eine wichtige Rolle zu spielen, was den erfolgreichen Einsatz von IT-Technologie angeht. Insbesondere ist eine kontinuierliche Abstimmung der IT auf die Geschäftsprozesse, Strukturen und Praktiken notwendig, um eine wirkliche Rentabilitätssteigerung zu erreichen. (Quelle:  Wikipedia).

Die Regenmacher der digitalen Zukunft Deutschlands

Ach was, die Regenmacher schnippen nicht mit den Fingern und machen sofort alles heile-heile? Silicon Valley lebt nur sehr gut, weil es genügend Gläubige gibt, die in IT den größten Segen sehen. Und sie tun alles, dass die IT Kirche voll bleibt. Wenn ich dann lese, dass man alle Kinder in der Schule auch noch mit Programmieren quälen soll, wo doch die wenigsten vom Geist her überhaupt dazu in der Lage sind, dass aber damit dennoch die digitale Zukunft Deutschlands gesichert sei? Oder wie sehr betont wird, dass es nur mehr Breitband und am besten freies WLAN in der Stadt geben soll, schon verkauft der Mittelständler mehr Badewannen nach Asien? Oder warum es in Berlin und Hamburg ähnliche Zockerbuden wie in Vegas, äh, Silicon Valley braucht, dass dann wirklich alles gut wird? Das zeigt nur einen Teil der Glaubensrichtung der IT-Kirchenfanatiker auf.

Ob ich ein Ketzer und IT-Atheist bin? Nein, ich glaube an die Heilige Grafikkarte, Mutter Motherboard und Gott des Kernels. Aber warum ketzer ich dann herum? Unsere Welt mag sich verbinden und vernetzen. Rechner mögen unser Wissen speichern und verbessern. Software und Roboter mögen unserer Schwächen kompensieren. Doch auch die Welt der Maschinen-Ingenieure, die Welt der Biologen (das Potential biologischer Maschinen und des genetic engineerings – wir designen unsere Wesen – übertrifft womöglich bei Weitem die Möglichkeiten der IT), die Welt der Künstler verändert den Lauf der Dinge. So wie alle Welten von Spezialisten und Experten miteinander schon immer verbunden waren. Am wenigsten – aus welchen Gründen auch immer – traue ich den IT-Spezialisten und speziell Softwarespezialisten zu, dass sie unsere gemeinsame Welt am meisten noch vor all den anderen, diversen Experten-Bereichen verbessern. Sie verstehen wenig vom Faktor Mensch, denken viel zu logisch.

Das mag pauschal sein, aber nach all den Jahren ist das eine meiner Erfahrungen. Das zeigt sich an den sehr kruden Werkzeugen, die sie uns bisher trotz all dem yadda-yadda und Milliardenwerten an der Börse in die Hand gegeben haben. Soziales Netzwerken via Facebook ist wie HTML-Webseiten auf die Haut zu tätowieren. Sozial ist maximal das, was wir in die leeren Felder eintippen. Sozial ist das, was wir maximal an Abstraktionsvermögen als Mensch aufbringen müssen, um den unzähligen Facebook-Funktionen etwas menschliches Leben einzuhauchen. Wie oft müssen wir uns noch mit unfassbar mies designten Benutzeroberflächen herumschlagen? Ist das alles, was „die“ in all den Jahrzehnten zu bieten haben? Wir haben es sogar geschafft, dass wir andere Menschen bezahlen müssen, die uns beim Suchen und Gefunden-Werden gegen teures Geld helfen müssen. Wir nennen sie Suchmaschinenexperten. Experten, die uns helfen, diese angeblich so großartig einfachen Suchschlitz von Google besser zu bedienen. Ist das wirklich alles? Ich könnte unzählige Beispiele nennen. Wären Architekten so schlampig, würden die Häuser reihenweise in sich zusammenfallen. Autobauer würden Autos erschaffen, die nach 10 Kilometern einen Reboot wollen. Buchmacher müssten dickere Anleitungen als das eigentliche Buch drucken, wie man Bücher liest.

Fazit?

Ergo? Die IT unterliegt dem gleichen, schmerzlichen Lernzyklus. Nichts ist schnell und einfach umzusetzen. Nichts ist problemlos und fehlerfrei nutzbar. Man könnte sogar sagen: Sie ist womöglich eben nicht von vornherein produktiver als andere Lösungsansätze außerhalb der IT. Das Getöse des Silicon Valleys übertönt diese Gesamtproblematik. Am Ende des Tages braucht es seriöse Macher und Umsetzer, viel Schweiß und Erfahrung, etwas wirklich gut umzusetzen und einzusetzen. Das ist prinzipiell kein Unterschied zu anderen Branchen. Die Antwort alleine, dass es das Digitale schon richten wird, springt daher im Wesentlichen viel zu kurz und enttäuscht viele Hoffnungen. Die Volkswirte reiben sich unter Umständen nicht umsonst die Augen angesichts des Produktivitätsparadoxons und rätseln weiter. Vielleicht kommen sie einfach nur mit der Rechensoftware nicht klar. Aber bald soll es IBM Watson richten und Künstliche Intelligenz? Lol, passt schon, schöner Scherz. Einer der ältesten Witze der IT lautet übrigens „Was ist neu daran? Neue Fehler!“.

Copyright-Hinweis:  Das Beitragsbild ist eine Montage mit Material von Didier Descouens (this file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license).

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