Evangelisch.de hatte die Community-Page ausgeknippst. Das war mein Aufhänger, um mich kritisch aber auch enttäuscht zu äußern: „Warum ist die evangelische Kirche nicht willens?„.

Ich wollte gerne direkt von den Verantwortlichen die Hintergründe erfahren, was zu der Entscheidung geführt hatte. Immerhin reden wir von einer Institution, die eine Glaubensrichtung vertritt, die mit dem 16. Jahrhundert aufkam und heute ca. 23 Mio Mitglieder kennt. Wir reden von einer Institution, die im Silizium-Gewitter der Moderne selbst Halt und Orientierung sucht, um nicht im Wertewandel und MikroWertierung der Werte unterzugehen.

Gesagt, gefragt, getan. Ich habe Herr Bollmann (Direktor GEP) gefragt. Ein Wort vorab: Ich schätze Herr Bollmann und freue mich daher wie Bolle, dass er die Fragen beantwortet hat, nicht jemand anders aus der Kirche.

rechts Jörg Bollmann
Ich zusammen mit Herr Jörg Bollmann (rechts auf dem Bild, von Beginn an mit verantwortlich für das Projekt evangelisch.de).

Ab zum Talk
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1. Herr Bollmann, stellen Sie sich bitte kurz vor.

Mein Name ist Jörg Bollmann, ich bin 54 Jahre alt, seit 26 Jahren verheiratet und Vater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern. Als studierter Soziologe habe ich den journalistischen Beruf gelernt, ganz klassisch im Lokaljournalismus mit Kaninchenzüchterverein, Erntefesten und Kreisklassenfußball.

Nach Stationen beim privaten Hörfunk und Fernsehen sowie beim NDR bin ich seit 2002 Geschäftsführer und seit 2005 Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), dem zentralen Mediendienstleister für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), ihrer Gliedkirchen, Einrichtungen und Werke.

Das GEP verlegt unter anderem Printtitel, arbeitet für Hörfunk, Fernsehen und Film, trägt eine Nachrichtenagentur, verantwortet Kampagnen wie zum Beispiel die jährliche Fastenaktion der evangelischen Kirche „7 Wochen Ohne“ und betreibt evangelisch.de.

2. Wir standen gemeinsam zum Launch auf der Bühne in Kassel und ich kann mich ihrer Worte nur zu gut erinnern. Wie wichtig evangelisch.de sei. Wie hat sich seitdem evangelisch.de in der evangelischen Glaubensgemeinschaft etabliert und darüber hinaus?

Sehr gut. Die Seite wird immer häufiger angeklickt, inzwischen doppelt so oft wie zum Start im September 2009. Es gibt Monate, wo evangelisch.de zum Teil deutlich mehr als eine Million page impressions verzeichnet. evangelisch.de hat das Ziel erreicht, Anlaufpunkt für evangelische Angebote im Netz zu sein wie zum Beispiel das Angebot für evangelische Tagungshäuser oder zivil.de, das Mitmachportal für Freiwillige, oder die Online-Predigten oder gemeindebrief.de mit der größten Bilddatenbank für Kirchengemeinden oder, oder, oder.

3. Die Abschaltung der Community-Seite wurde mit den Worten begründet, es seien zu wenige User aktiv gewesen. Ich finde diese Aussage enttäuschend. Denn, hatte Jesus nicht auch klein angefangen und hatten die Christen bei jeder Schwierigkeit so früh aufgegeben? Was waren die wahren Gründe? Ist die evangelische Kirche nicht mehr oder gar nicht in der Lage, Menschen digital einen gemeinsamen Platz zum Austausch zu geben?

Die evangelische Kirche in ihrer Vielfalt bietet zahlreiche Plätze zum Austausch im Internet und wird das auch weiterhin tun. „Prüft aber alles, und das Gute behaltet“ heißt es in der Bibel im 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher (5. Kapitel, Vers 21). Genauso sind wir mit den Erfahrungen aus unserer Community verfahren. Wir haben gesehen, dass zum Beispiel „Einfach fragen“ ein erfolgreiches Format ist, dem wir mit einer eigenen Webseite mehr Raum bieten, das unter unseren Artikeln viel kommentiert wird, dass das „Thema des Monats“ viele Leser zum Diskutieren anregt.

Wir haben aber auch gesehen, dass auch für Christen die großen sozialen Netzwerke wie Facebook zur wichtigsten Community-Plattform geworden sind und dass die inhaltlichen Impulse, die wir uns für den inhaltlichen Bereich gewünscht hatten, nicht in der erwarteten Form gekommen sind. Daraus haben wir unsere Konsequenzen gezogen, wie es auch andere wichtige Medienhäuser getan haben. Dass von den rund 7.000 Mitgliedern der Community weniger als 1 Prozent überhaupt die Angebote unter „Community“ genutzt haben, kann man dabei nicht ignorieren.

Mit der Veränderung der Portalseite von evangelisch.de haben wir uns also entschieden, den aktiven Bereichen mehr Energie zu widmen und die übrigen Community-Funktionen nicht weiterzuführen. Damit haben wir auch mehr Ressourcen für Facebook & weitere soziale Netzwerke freigesetzt, in denen wir aktiver sein wollen, weil unsere aktive Leserschaft sich dort ebenfalls tummelt. Kirche muss da sein, wo die Menschen sind, und das war entgegen unserer Wünsche nicht unsere eigene Community.

4. Hatte die Abschaltung der Community nicht auch interne Gründe, die man mehr als politisch bezeichnen könnte, wenn man Insider-Informationen vertraut? Gerade die verteilte Struktur der evangelischen Kirche führt immer wieder angeblich zu Streitigkeiten um Pfründe aber auch Macht?

Wer das behauptet, kann kein Insider sein, sondern nur ein Verschwörungstheoretiker. Die föderale Struktur der evangelischen Kirche hat mit der Abschaltung der Community nicht das Geringste zu tun. Dies war eine rein publizistische Entscheidung unseres Unternehmens, die Gründe sind oben erläutert.

5. Ein weiterer Grund für die Abschaltung wurde mit der verteilten Struktur des Netzes begründet? Es gäbe keine Notwendigkeit mehr, zentralistische Community-Ansätze zu verfolgen. Ist dieser Grund nicht rein vorgeschoben, denn das Netz war schon lange vor dem Start von evangelisch.de ein verteiltes Netz?

Wir sehen evangelisch.de nicht als einen „walled garden„, als einen geschlossenen Raum, in dem alles selbst stattfinden muss. So war die Community aber angelegt. Evangelisch.de ist ein Teil des großen Internets, auch des kirchlichen. Blog-Plattformen und Diskussionsmöglichkeiten gibt es im Netz zuhauf, von Tumblr bis WordPress, alle technisch besser als das, was unsere Community anbieten konnte. Wir wollen diese Vielfalt besser abbilden, statt unser eigenes Süppchen zu kochen, was wir unter anderem durch unsere neue Rubrik „Im Netz gefunden“ nach außen tragen.

Sie selbst, lieber Robert Basic, lassen auf Buzzriders ja auch keine Kommentare zu, sondern fordern: „Kommentiere im Netz, nicht hier“. Im Prinzip ist das der gleiche Gedanke wie bei uns: Teil des Netzes zu werden, statt selbst ein Knotenpunkt zu sein. Natürlich war das Netz schon vor dem Start von evangelisch.de ein verteiltes Netz. Nur kann man diesem Netz keine Knotenpunkte aufzwingen – und man muss es auch gar nicht, solange man bereit ist, ein Teil dessen zu sein.

6. Herr Bollmann, ich schätze Sie sehr als einen Menschen, der das offene Wort aus Überzeugung nicht scheut. Glauben Sie, dass die evangelische Kirche im digitalen Zeitalter gewappnet genug ist, Menschen auch im und über das Netz Plätze zu geben, um Werte gemeinsam zu leben? Wo liegen die Herausforderungen?

Lieber Herr Basic, Sie wissen, auch ich schätze Sie sehr. Dann wissen Sie aber auch, dass ich diese Frage nur ganz kurz oder ganz lang beantworten kann. Die kurze Antwort auf Ihre erste Frage wäre „Ja!“ Die lange Antwort wäre ein Aufsatz nicht unter neun Seiten.

Aber gut, ich versuche den Kompromiss und nehme mir Hilfe beim Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Dr. Nikolaus Schneider. Der hat die Frage nach den Herausforderungen zusammenfassend beantwortet, in einem Interview der vom GEP getragenen Nachrichtenagentur Evangelischer Pressedienst (epd), das unter anderem auf gemeindebrief.de veröffentlicht wurde:
Wir haben als evangelische Kirche den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen in einer Gesellschaft, die zunehmend säkularer wird. Eine bleibende Herausforderung für unsere Kirche ist der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Konkrete Aufgabenfelder sehe ich zurzeit bei den Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Bildungsgerechtigkeit, der Beurteilung der Atomkraft und bei der Auftragsdefinition für die Bundeswehr.“ (Quelle)

Das GEP mit allen seinen medialen Angeboten tut alles, um die Kirche zu unterstützen, diese von Präses Schneider definierten Aufgaben zu erfüllen. Wir nutzen dazu alle Mediengattungen, Print, Hörfunk, Fernsehen, Film und eben auch Online. Gewappnet genug werden wir dabei nie sein. Der Einsatz für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, um nur diese Beispiele zu nennen, sind angesichts der Lage in Syrien und anderswo und im Blick auf den Klimawandel und die Katastrophe von Fukushima gewaltige Herausforderungen.

Dafür ist kein Mensch genug gewappnet – weder inhaltlich noch medial. Aber, lieber Herr Basic, und ich sage das auch und gerade Ihnen als bekennenden Atheisten: Es tut uns allen gut, auf die Stimme Jesu Christi zu hören. Auf sein unbedingtes Gebot zur Nächstenliebe beispielsweise. Um der Stimme von Jesus Christus Gehör zu verschaffen, setzen wir die uns zur Verfügung stehenden medialen Mittel ein – auch und immer stärker online.

Wir wissen, dass wir hart kämpfen müssen um Aufmerksamkeit. Wir müssen uns durchsetzen im täglichen Nachrichtendschungel, im Austausch der Wichtigkeiten und vielleicht manchmal auch Belanglosigkeiten im sozialen Netz, im Gezwitscher auf Twitter und, und, und. Wenn man sieht, wie viel Bewegtbild, Bild, Grafik, Ton und Text so jeden Tag auf die Menschen zuschwappt, finde ich es immer wieder erstaunlich, auf wie viel Interesse wir mit unseren Angeboten doch immer wieder stoßen. Mit Gottes gnädiger Hilfe wird das auch so bleiben.
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Lieber Herr Bollmann, ich danke für die Antworten und wir verbleiben im benediktinischen Sinne „Ora et labora„. Die Kirchen stehen im digitalen Zeitalter immensen Herausforderungen gegenüber. Die Fast-Food-Times bedingen neue Wege. Neue Formate. Auch Fast-Food-Werte? Fast-Alles? Ich habe keine Antworten darauf, in dieser immer schnelllebigeren Zeit, in der alles richtig, alles falsch, alles oben und unten zugleich erscheint.



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