Mercedes SL 500
Ist es nicht unvernünftig, einen Wagen zu fahren, der über 400 PS unter der Haube hat? Ist es nicht unvernünftig, einen Wagen zu fahren, der nur Platz für zwei Personen bietet, so gut wie keine Koffer schluckt, dafür aber wertvolles Benzin én masse? Ja. Ist es. Und gerade weil diese Welt Vernunft immer höher hält, ist dieser Wagen ein Gegenteil davon. Ein Sieg der Unvernunft. Und ein Sieg über die übliche, rationale Langeweile da draußen im heutigen Automobilsektor. Der neue Mercedes SL macht alles unvernünftiger. Er bietet ein unvernünftiges Übermaß an Luxus, Fahrspaß- und Kultur, aber auch ein Übermaß an Wohlgefühl und Sicherheit.

Mercedes SL Interieur
Manch einer würde den Wagen als zu teuer beschimpfen. Als Ökonom ist das natürlich blanker Unsinn. Er bietet pro Gramm und pro Meter mehr für sein Geld als die allermeisten Autos, die da draußen herumfahren. Es gibt wohl kaum ein Auto, in das man sich hineinsetzt – man muss nicht einmal die Finger über die Materialien streichen lassen -, tief einatmet und schon zu Grinsen anfängt. Es mag sein, dass es auf Dauer etwas debil aussieht. Mag sein, es ist sogar unvernünftig, aber man kann nicht anders. Natürlich könnte ich jetzt die Details aufzählen, die der Wagen dem Fahrer und Beifahrer bietet. Wozu? Ich könnte etwas von der hervorragenden Soundanlage erzählen, die auch und wegen dem in der Karosserie integrierten 15 Liter Hohlraum einen derartigen Bass erzeugt, dass einem die Hosenbeine schlackern. Ungelogen, die Soundanlage ist so rattenscharf, dass man sich wie im Konzertsaal vorkommt. Und will schon alleine aus diesem Grunde nicht mehr aussteigen.

Mercedes SL
Sobald man den Motor zündet (natürlich per Knopfdruck, wer braucht schon einen Schlüssel, den man irgendwo archaisch anmutend reinstecken soll?), wird das Grinsen noch breiter. Das oberste Prinzip der Unvernunft lautet hier: Alles kann, nix muss. Die V8-Maschine brabbelt herrlich genüsslich vor sich dahin, ohne proletig zu werden. Man könnte, wenn man wollte, aber wozu? Dafür sind Sportwagen da. Doch das tut man einem Luxusroadster nicht an. Wir nennen es „Reseven haben“. Das soll genügen. Und wenn man schon mal Gas geben will, verliert der Motor nie die Contenance. Er brabbelt dann eben etwas lauter, aber immer noch herrlich gediegen vor sich dahin. Kein Brüllen und kein Kreischen wie diese Sportwagen, die es unbedingt allen zeigen wollen, wie viel Power sie haben und wie laut sie sein können. Wozu so stillos eigentlich? Selbst der Tritt in den Zuckersüßen gestaltet sich mit Niveau und nicht mit dem Baseball-Schläger. Man genießt und grinst still. Oh, man fährt ja schon weit über … und hört nur dezente Schwebegeräusche. Mein Auto, mein Auto!

Mercedes SL
Das eigentliche Vergnügen, das sogenannte „gesamtheitliche Fahren“ gestaltet sich ebenso gediegen. Man fährt nicht, man schwebt. Ob nun mit offenen oder geschlossenen Verdeck. Und es ist in der Tat ein Übermaß an Unvernunft vorhanden. Es wäre vernünftig, alle zwei Stunden eine Pause einzulegen. In diesem Wagen vergeht die Zeit ohne Anstrengung wie im Fluge. Entspannung ist im Auto, nicht außerhalb des Autos angesagt. Auch wenn der ADAC und andere Experten vernünftigerweise etwas anderes raten. Klar, Kurvenfahrten sind anstrengend, doch nicht so in diesem PKW. Ob man nun geradeaus oder in die Kurve hineinfährt, irgendwie merkt man den Unterschied nicht. Ich sagte es bereits: Man schwebt, man fährt nicht.
Mercedes SL

Wo bleiben eigentlich die technischen Details zu diesem Meisterwerk? Sorry, aber das ist mir zu profan für so ein Fahrzeug. Schaut das doch bitte bei den Wagen nach, die 20.000 Euro kosten, vier Räder haben und ausreichend Platz für Ratio und Familie. Diesem Fahrzeug wird das nicht gerecht.

Ich habe schon viele Fahrzeuge in meinen über 25 Fahrerjahren gefahren, von Kleinwagen bis Monsterautos. Aber ich habe bis dato noch in keinem Kunstwerk gesessen, das mich mehr überzeugt hätte. Es scheint für mich gebaut worden zu sein. Ein Luxusauto, das nicht zu sehr protzt, stets die Contenance wahrt, sich exzellent und extrem entspannt fährt, auf kurzen und auf langen Strecken, genügend Reserven bietet und ein Meisterwerk der Autobauer ist.

Mercedes SL
Wo bleibt demnach die Kritik vor lauter voreingenommener Subektivität? Es gibt in der Tat einen großen Kritikpunkt: Das Aussteigen. Es ist das Aussteigen. Es fällt extrem schwer. Aber ich hoffe, dass Mercedes diese Problemzone der Vernunft auf keinen Fall angeht, wir wollen schön unvernünftig bleiben.

Disclosure
Daimler hat Journalisten und Blogger zu den Fahrtesttagen nach Marbella eingeladen, um den Mercedes SL 500 zu testen. Die Flugkosten und Übernachtungskosten im Hotel wurden von Daimler übernommen. Dies hat selbstverständlich Einfluss auf meine Meinung genommen. Daimler hat uns nämlich den SL 500 einfach so hingestellt. Um damit zu fahren. Ich sollte Euch eigentlich als Medienvertreter bloß informieren, doch habe ich das nicht über mein Herz gebracht und dabei allen Ethos über Bord geworfen, Distanz zu einer bloßen Fortbewegungsmaschine mit fossilen Verbrennungsmotor zu wahren. Vor dieser unverschämten Beeinflussung konnte ich mich nicht schützen, ich gebe es vollumfänglich zu. Der SL ist oberste Sahne, Vanillesauce mit Erdbeeren, Sachertorte, best steak of the world und Kunstwerk zugleich.

Übrigens, unvernünftiges Dauergrinsen?
Schaut Euch mal das an, meine Bloggerkollegen Jens (Blog: Rad-Ab.com) und Jan (Blog: Auto Geil, von dem auch die obigen Bilder stammen!):

Weitere Blog-Beiträge

Randgeschichten
Mercedes SL AMG
Im Hafen von Marbella parkte direkt neben unserem SL 500 das Vorgängermodell. Allerdings, leicht verändert, wie man sieht. Ein AMG CL 65 mit zu unvernünftigen 700 PS, 12 Zylindern. Er stieg aus und beschaute neugierig unser Modell. So kamen wir ins Gespräch. Er – der wohlhabend aber trotz dieser Monstermaschine überraschend stilvoll aussehende Halter – lebe seit über 25 Jahren in Marbella und komme aus dem hohen Norden (am Rande, kurz zurück zu seinem AMG SL: Er hatte in seinem Wagen das Leder einsetzen lassen, das normalerweise Bentley-Fahrer umschmiegt). Nach etwas Small Talk luden wir ihn kurzum zu einer Probefahrt ein, was soll man schon lange herumreden? Und? Natürlich würde es die Haut mit dem neuen SL einreiben, jedoch erneut in der AMG Version mit mehr Schmackes und vor allen Dingen „weniger Knöpfen“ (O-Ton). Das versteht man nur, wenn man wüsste, dass er für Bang & Olufsen arbeitet. Modernste Power vom Feinsten mit weit zurückgenommenen Design. Das geht tatsächlich in meine Richtung. Wenn ich am Wagen etwas verbessern würde, dann wäre es der Innenraum und zwar die vielen Anzeigen und Knöpfe. Je weniger davon zu sehen ist umso besser. Aber ich bin mir sicher, dass Mercedes eines Tages auch das hinbekommt, was ich nicht nur bei der SL, sondern schon beim SLK und der C-Klasse angemeckert habe. Zuviel Ingenieur, zu wenig Zurückhaltung beim Zeigen der Funktionen. Aber nun gut, irgendwo muss ja doch noch etwas Vernunft herrschen.



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