Wer das Vorwort bzw. das folgende Grundgerüst zwecks Erklärung – was ein Social Netzwerk grundsätzlich ausmacht – nicht lesen mag, kann gleich zum Punkt „Google Plus als Innovation“ springen. Ich garantiere Euch, dass es kein „G+ ein Facebook-Killer“ sein wird. Ebenso garantiere ich Euch, dass es Google nicht um Facebook geht. Es geht um Google selbst. Und noch ein Hinweis, wer die super-kurze-verdichtete Interpretationsvariante haben will, sozusagen die Konklusion, möge ganz zum Ende springen, „hä“.

Soziale Netzwerke sind eine Unterklasse sog. „social software“. In der Wikipedia findet sich zu soziale Software folgende Definition:

Ehms unterscheidet vier übergeordnete Ausrichtungen zum Einsatz von Sozialer Software. Diese Ausrichtungen spiegeln sich in den technischen Funktionalitäten typischer Plattformen wider. Üblicherweise ergeben sich beim längeren Einsatz Mischformen der Hauptrichtungen:
Informationsmanagement
Kollaboration (verstanden als enge Zusammenarbeit)
Kommunikation
Vernetzung und Identitätsmanagement

Je nach Zielgruppe und Geschäftszweck findet man beliebig viele Beispiele für soziale Netzwerke, seit gestern bis heute. Spezielle Netzwerke zielen auf bestimmte Zielgruppen, so finden wir Spezialnetzwerke, die auf die Nutzergruppe der Mütter abzielen, Filmfreunde, Hundehalter, bildungsbezogene Gruppen, beruflich orientierte Gruppen, sogar religiöse Gemeinschaften. Generelle Netzwerke – ohne Fokus auf bestimmte peer groups – gibt es natürlich auch, Facebook ist am bekanntesten, in Deutschland kennen wir zudem WKW, MeinVZ, Lokalisten, Kwick mit teils lokaler Ausrichtung.

Die Bandbreite der Anwendungsmuster ausgedrückt in Funktionen unterscheidet sich von Netz zu Netz erheblich. Xing kennt im Gegensatz zu Facebook keine Bilderfunktionen, da wohl der Anbieter vermutet, dass sich geschäftlich interessierende User ungerne über Bildsprache austauschen. Auch ergeben sich höchst unterschiedliche Nutzungsmuster je nach Netzwerk. So nutzen SchülerVZ/WKW-User die Zugehörigkeit zu Foren als für Dritte sichtbaren Ausdruck der Identität, die Facebook-Kultur weist andere Formen der sichtbaren Identitätsbildung auf.

Letztlich aber finden wir in allen sozialen Netzwerken ein Grundset an ähnlichen Master-Funktionen wieder. Der obigen Definition folgend umfasst das hauptsächlich das Identitäts- und Vernetzungsmanagement wie auch das Kommunikationsmanagement. Kollaborative und informationstechnische Möglichkeiten sind eher unterrepräsentiert in Social Networks. Ich sage „eher“, da tendentiell das kollaborative und informative Element in „special interest“-SNs ausgeprägter ist (Film-SNs behandeln das informative und identitätsprägende Element ungefähr gleichgewichtig). Jedoch nutzen auf globaler Ebene die meisten User mit Abstand „general interest“-SNs vor „special-interest“-SNs.

Können wir sagen, welche Innovationen im Bereich der Social Networks prägend waren? So schwer das auch ist, wir können folgende Innovationen grob ausmachen:
– Das visuelle Identitätsmanagement von Friendster („das Profil“ + „meine Freunde“ + „Freunde meiner Freunde“) in Verbindung mit dem expliziten six-degrees-Ansatz, um sich neuartig vernetzen zu können (Vernetzungsmanagement), war prägend für zahlreiche Klone. Sämtliche Ideen und Funktionen nachfolgender SNs sind quasi Derivate dieser Ausprägung von Friendster.
– Kommunikationsmanagement: Twitter hat die gesammelten, chronologisch sortierten Statusnachrichten („Timeline“) der eigenen Kontakte als kommunikatives Element weltweit für alle Social Networks beeinflusst. Facebook, Xing, LinkedIn, usw haben diese Idee übernommen. Man kann es durchaus als kommunikativen Standard dominierender Social Networks betrachten.
– Ökosystem: Facebook hat über die hauseigenen Schnittstellen – entwickle eine eigene Applikation, damit sie in Facebook genutzt werden kann – Vorbildwirkung für zahlreiche Social Networks gehabt. Facebook ist zwar nicht der Erfinder von Schnittstellen, jedoch in der „Branche“ Social Networks der Takt- und Tongeber.
– Privatsphäre: Hier kann ich keinen eindeutigen Impulsgeber ausmachen. Jedoch verfügen sämtliche frühen wie auch heutigen SNs über ausgeprägte Möglichkeiten. Naturgemäß waren die Privatsphäreneinstellungen in frühen SNs wie Ryze.com, OpenBC, MySpace und Friendster recht grob. Das beginnt bei der Philosophie des Anbieters, was Dritte überhaupt in bestehenden Profildaten sehen können, und endet bei expliziten Einstellungen der User, um Vorgaben des Anbieters zu justieren.
– Finanzierung: Die Einnahmemöglichkeiten kennen ebensowenig einen zentralen Impulsgeber. So hat weder Facebook noch MySpace bestimmte Denkmuster erfunden, um über Werbeeinnahmen Umsatz zu generieren, noch haben Xing oder LinkedIn das Premiummodell erfunden. Was ist mit dem Handel von virtuellen Gütern? Es mag sein, dass Cyworld (ein südkoreanischer Anbieter) Vorbildwirkung für Anbieter wie Facebook hatte, doch kann ich das nur vermuten. Hat LinkedIn Vorbildwirkung für Dritte, um gegen höhere Entgelte weitaus mehr Daten abgreifen zu können (Personalmanagement)? Ich weiß es nicht. Vermuten kann man es jedoch. Haben Microcredits von Facebook Impulse erzeugt? Auch das kann man nur vermuten, aber zugleich anzweifeln. So nutzen manche SNs schon längst Auflademöglichkeiten über das Handy, um bestimmte Aktionen auf der Plattform ausführen zu dürfen. Das russische SN Odnoklassniki nutzt diese Möglichkeit (Verschönern der Gästebücher über Nutzung von erweiterten Grafiksymbolen gegen Kohle).

Soweit so gut. Wie wir sehen, ist die Frage, was Social Networks ausmacht, eine Frage von Ideen, die zu Innovationen geführt haben und in die Praxis Eingang gefunden haben. Jede Idee führt zu einer weiteren Ideen, jede Akkumulation von Ideen zu einer Innovation, die andere Innovationen nach sich zieht. Sprich, der historische Innovationspfad ist derart verschlungen, dass man Ursache und Wirkung kaum noch unterscheiden kann. Insbesondere im Bereich Software. Wer mag schon Twitters Timeline ausschließlich auf das Schaffenswerk der Twitter-Mitarbeiter zurückführen, letztlich war Twitter ganz sicher nicht der Erfinder einer chronologischen Sortierung von Informationen, sondern sieh haben diese Idee umgeformt und in einen neuartigen Kontext bestehend aus digital-sozialer Kommunikationsflüsse und asynchroner Beziehungsgeflechte überführt.

Ist Google Plus eine Innovation im Social Networking?
Wer das Vorwort zu Social Networks gelesen hat, mag nun leichter für sich beantworten, ob Google überhaupt mit dem neuen Produkt ein als innovativ zu bezeichnendes Werk in die Welt gesetzt hat. Sowohl das Beziehungs- und Identitätsmanagement wie auch das Kommunikationsmanagement stehen im Fokus des Produkts Google Plus. Und basieren größtenteils auf etablierten Nutzungsmustern zahlreicher „social software“-Gesamtpakete.

Kommunikationsmanagement
google plus
Im Zentrum steht die „Timeline“, der sortierte Informationsstrom der Nutzer. Das Eingabefeld gleicht hierbei dem von Facebook nahezu 1:1 (Text, Link mit Vorschau, Bild, Video). Die Möglichkeiten in Google Plus, originäre Nutzerbeiträge zu kommentieren, sind lange vor den SNs etablierter Standard. Die Möglichkeit, für Einträge zu stimmen (bei Google Plus = „+1“) , kennen wir über Vote-Mechanismen schon längst (Foren, Digg, Facebook). Die Möglichkeit, den eingehenden Informationsstrom Dritter zu sortieren, wurde von der Twitter-Technologie kopiert. Der Nutzer bestimmt als Empfänger einseitig, welchen kommunikativen Nutzerinformationen er lauschen möchte. Twitter = „Er folgt dem User X und sieht dessen Tweets“.

Neu ist an dieser Stelle eine Erweiterung der Twitter-Technologie. Oder sagen wir besser ein Rückgriff auf längst bekannte Mail-Systeme. Beim Mailing kann ich steuern, wer meine Mails bekommt: Einzelne Personen oder Gruppen. Ich kann Personen in Adressbüchern speichern, darüber hinaus Gruppen von Personen im Adressbuch hinterlegen, um das Mailing zu vereinfachen. Bei Google Plus? Während ich als Sender bei Twitter nicht bestimmen kann, wer meine Informationen empfängt (es sei denn, ich schalte mein Profil auf privat und/oder blockiere bestimmte User), kann ich auf Google Plus steuern, wer meiner möglichen Empfänger (= „Follower bei Twitter“) die gesendete Information empfängt. Der User hat demnach mehr Kontrolle über seine Sendetätigkeit. Google Plus hat dies im Bereich Beziehungsmanagement über die sogenannten „Circles“ gelöst. Nehme ich 10 User in die Gruppe Freunde auf und erstelle eine Statusnachricht, kann ich angeben, dass nur die Gruppe Freunde diese Nachricht sehen soll. Es stellt nichts anderes als eine individuelle Zugangskontrolle der Informationsströme dar. Wie gesagt, ein Rückgriff auf die Idee von Mailsystemen und deren Adressbuchverwaltung. Neu ist demnach die Kombination bestehender Ideen (Twitter-Followersystem, Mail-Adressbuchverwaltung) im Kontext eines Social Networks.

Google Plus hat über die „Hangouts“ eine im Vergleich zur bisherigen SN-Landschaft erweiterte Kommunikationsmöglichkeit geschaffen. Es handelt sich um einen Gruppenchat auf Video- und Textbasis. Schaut Euch am besten das Werbevideo dazu an:

Das Hangout selbst scheinen einige Beta-User zu mögen, doch ich möchte auf einen tatsächlich neuartigen Punkt hinweisen. Google ermöglicht Hangout-Teilnehmern YouTube-Videos während des Gruppenchats auszuwählen. Du wählst ein YT-Video aus und betrachtest es damit synchron mit den anderen. Du kannst auch im Video vorspulen, die anderen Hangout-Teilnehmer sehen das YT-Video ebenfalls an der vorgespulten Stelle. Die synchrone Seh-Erfahrung ist ein neuartiges Element, mit dem bisher relativ wenige Anbieter im Netz experimentieren. Beispiele? Konzertplattformen oder Filmanbieter wie Netflix. Social Networks? Mir bisher nicht bekannt. Broadcasting auf Gruppenebene zu erzeugen, dürfte insbesondere für TV-Anbieter (Stationen, Streamanbieter wie auch Fernsehhersteller) ein künftig immens spannendes Gebiet werden. Und deutet darauf hin, dass Google seine Plattform YouTube gezielt mit Social Networking-Element anreichern wird. Ob nun auf YT selbst oder in Google Plus. Synchrone Seh-Erfahrungen im Streamingbereich eröffnen neuartige Verdienstquellen. Klar, oder? Gruppenmechaniken erzeugen Druck, bis hin zum Kaufdruck. Ein unscheinbares Element von Google Plus, recht versteckt, kaum hervorgehoben. Und btw, die einzige Innovation im SN-Umfeld, die ich als tatsächlich als vollwertige Innovation bezeichnen würde.

Wie schaut es mit dem Identitätsmanagement aus?
google plus
Die Ausdrucksmöglichkeiten der Person werden zunächst über das eigene Profil verankert. Dies entspricht den allseits bekannten Profilformularen abertausender Anbieter. Und stellt im Moment eine eher rudimentäre Form dar, im Gegensatz zu den Profildaten bei Facebook, die zusätzlich nebst manueller Eingabe (wie heiße ich, wo wohne ich, usw.) auch automatisierte Daten kennen (was mag der User, welche Musik,welche Filme, usw). Zudem kennt das Profil von Google Plus keine zusätzlichen Identitätsmuster, die bei anderen SNs geläufig sind. Die dem Auffinden übereinstimmender Merkmale einer Person dienen. Ihr kennt das bspw. über Xing. Jede Information ist mit einem Link hinterlegt. So kann der Nutzer auf den Link „Firma“ klicken und das System liefert weitere Nutzer mit der gleichen Firma. Was der Sinn dahinter ist? Die Vernetzungsdichte zu fördern, indem man es dem User erleichtert, Profilsurfing zu betreiben. Simpel, oder?

Weitere Ausdrucksmöglichkeiten im Sinne der Identität sind über das Kommunikationsmanagement gegeben, mit der Zeit die eigene Person auszuformen und zu manifestieren. Darauf sind wir bereits oben eingegangen („timeline“).

Eine dritte Möglichkeit ist, über Bildsprache zu arbeiten. Hierbei greift Google Plus auf das zurück, was wir als Diashow im RL kennen. Etwas, das andere SNs ebenso anbieten. Lade Deine Bilder hoch, beschreibe und tagge sie nach Belieben, schalte sie über sortierte Alben Dritten frei.
google plus

Das Beziehungsmanagement
google plus
Wir haben bereits die Circles angesprochen. Jeder Nutzer kann andere Nutzer in Gruppen beliebig einteilen. Freunde, Familie, Bekannte, und und und. Personen können in mehreren Gruppen aufgenommen werden. Soweit man es den Feedbacks der Beta-User entnehmen kann, wird die visuelle Lösung allgemeinhin gelobt. Die visuell tatsächlich einem Kreis entspricht. Sprich Google hat die zunächst mental sehr komplexe und sehr trocken anmutende Einteilung von Menschen spielerisch anmutend gelöst, um die Hürden für diese Tätigkeit, Beziehungen zu managen, zu senken. Der Nutzer scannt die verfügbaren Personen, die Visitekarten-artig abgebildet sind, wählt Visitenkarten aus und zieht via drag&drop Mechanismus die ausgewählten User in den Kreis. Allerdings ist das – wenn wir von spielerischen Anreizen sprechen – nicht mit dem Design von Games zu vergleichen. Der spielerische Anreiz beschränkt sich auf die rudimentäre, visuelle Ausgestaltung des Kreises. Und endet auch schon dort. Scannen, Auswählen, Ziehen, Loslassen, fertig. Im Vergleich zu anderen Social Networks mutet das „fortschrittlicher“ an, da es weniger formularbasierend erscheint. Dennoch führt es zu sehr positiven Reaktionen seitens der User.

Resümee
Wie Ihr schon merkt, tendiere ich dazu, Google Plus als Produkt im Sinne der Innovationskraft eher mittelmäßig zu bewerten. Wirklich Neuartiges, das Social Networking neu und sogar akzeptiert neu definiert, sehe ich persönlich nicht. Das ist wohlgemerkt meine Meinung, auch aus Sicht meiner bisherigen Erfahrungen mit Social Networks und welche Softwarelösungen ich bereits kennengelernt habe.

Google hat gewissermaßen ein best-of versucht. Warum auch nicht? Denn, heißt es nicht in der Innovationsforschung wie folgt:

Neuerdings gilt das Forschungsinteresse zunehmend der Pfadabhängigkeit (englisch: „path dependence“) von Innovationsprozessen und deren Ergebnissen. Im Mittelpunkt steht die Annahme, dass die Entwicklungsvergangenheit einer Organisation, eines Produktes, einer Technologie etc. künftige Entwicklungsmöglichkeiten und -vorgehensweisen beeinflusst und begrenzt („history matters“). Unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Historie wäre damit nicht jedes beliebig gewünschte Innovationsziel erreichbar.

Heißt? Google kann nicht anders, weil Google eine Historie hat und demnach im Rahmen der gewachsenen Strukturen bestimmten Innovationspfade nicht verlassen kann.

Doch es heißt auch:

Erhärten sich die bisherigen Erkenntnisse, hat das Konsequenzen für die Innovationspraxis in Unternehmen: Diese müssen nicht mehr wie Lemminge modischen Schlagworten und kurzlebigen Trendkonzepten hinterherlaufen, wenn sie innovieren wollen. Vielmehr richten sie den Blick stärker auf die eigenen Potenziale und deren historische Formierung, um letztlich Wettbewerbsvorteile auf der Basis echter Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten.

Was soll der Kram mit Social Plus, um Facebook Konkurrenz zu machen?
Facebook hat 2 Mrd USD 2010 verdient, mit 2.000 Mitarbeitern. Google hat 30 Mrd USD mit 24.000 Mitarbeitern verdient. Ist Facebook im Visier von Google? Wirklich? Ich sage ganz einfach „nö“. Facebook spielt eine Rolle als Manifestation einer Entwicklung, die viel wichtiger als Facebook für Google ist.

Was sind für Google echte Alleinstellungsmerkmale? Die über Google Plus wirken und damit auch für die Kunden selbst? Wir kennen Google als Unternehmen, die nebst der Suchmaschine (die zu 98% ihr Einkommen sichert) über unzählige Produkte. Die Summe der Produkte ergibt ein bis dato lose zusammenhängendes Gebilde. Wenn wir annehmen, dass die Einzelprodukte in ihrer Gesamtheit Google als Unternehmen am Markt Vorteile verschaffen, was wäre das? Das Grundprinzip kann man erahnen, ohne das wir wissen, ob sich Google an dieser Denke orientiert:

Die Verbindung der Einzelprodukte über einen „social layer“. Eine Art von menschlichen Schmieröl, das uns Nutzer darstellt. So hat Google Plus auf Basis zahlreicher, bestehender Produkte komponiert. Google Buzz, Google Search, Google Social Circle, Google Picasa, Google Mail, YouTube, Google Chat, usw. Der Rückgriff auf die Einzelkomponenten ist nicht nur ein wirtschaftlicher Vorteil, Wege abzukürzen, auf Bestehendes zurückzugreifen. Es kann auch als Spiegelung der Google-Denke gedeutet werden, Google Produkte über einen social layer zu verknüpfen, einen Kontext herzustellen, der erst in der Summe dem Kunden Mehrwerte verschafft.

Unklar? Der heutige Google Maps-Kunde nutzt die Karte, ok. Nice. Er bekommt seine Info und geht. Was aber, wenn die Kartendarstellung über synchrone und asynchrone Informationen angereichert wird? Die von User stammen, die über Google Plus mit dem Maps-User verbunden sind, demnach als hochwertiger empfunden werden als bisherige, anonyme Bewertungen und Tipps? Was, wenn die Google Suche Informationen ausspuckt, die auch aufgrund der +1-Informationen aus dem Google-Plus Umfeld des Users stammt? Was, wenn ich YouTube-Filme betrachte und auf Basis der Synchron-Technik mit anderen YTler aber auch Google-Plus Usern ein viel intensiveres Erlebnis gestalten möchte? Was, wenn… so langsam klarer? Aber so what, ist halt ein social kleber. Bisserl mehr Milliarden? Nicht ganz. Es ist nicht gottgegeben, wie auch immer „social“ irgendein Produkt zu denken. Es ist verdammt schwer. Warum?

Wenn Du als Unternehmen bisher auf deine eigene Art und Weise getickt hast, Informationen bestmöglich zu verarbeiten und das auch noch verdammt gut gemacht hast, wird sich in der Firmenkultur, Organisationsstrukur aber auch in den IT-Prozessen niedergeschlagen haben, unweigerlich. Das Konstrukt ist dermaßen tief im Unternehmen verwurzelt, dass jede als wichtig wahrgenommene Marktänderung zu drastischen Problemen führt. Welche Marktänderung hat Google wahrgenommen und warum sieht Google darin ein Risiko und eine Chance zugleich?

Wozu braucht Google ein Plus?
Plus als Produkt ist weitaus mehr als ein bloßes Produkt. Es spiegelt mehr als nur die Alleinstellungsmerkmale von Google wider. Es spiegelt Googles Haltung wider, das sich der Markt tektonisch für Google verändert. Google Plus ist nicht das Zentrum. Google muss nicht auf Facebook schauen, muss nicht auf Twitter schauen, muss auf niemanden als auf sich selbst schauen. Was können wir als Google gut und was macht uns einzigartig gegenüber dem Wettbewerb? Wo sind wir stark und können noch stärker werden? Dass man hierbei selbstverständlich auf bestehende Techniken, Ideen, Lösungen und Innovationen außerhalb des Hauses schaut, ist doch klar. Google wird kein Facebook werden, ebensowenig wird Google ein Social Network werden. Google wird im unternehmerischen Sinne das Kerngeschäft über den social layer stärken. Das ist innovativ, nicht Google Plus selbst. Oder anders gesagt, das wäre für mich innovativ.

Soziale Innovation
Das dabei Google verstärkt auf Social Innovation vom Denkmuster und der Problemstellung Marktänderung zurückgreift, ist ein weiterer Indikator, wie Google auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben möchte. Soziale Innovation?

Doch erst mit dem Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, der eine Bedeutungszunahme sozialer Innovationen gegenüber technischen nach sich zog, konnte sich soziale Innovation als ein eigenständiges Konzept in der Wissenschaft etablieren. Dieses Konzept nimmt eine zentrale Rolle in einem sich herausbildenden neuen Innovationsparadigma ein, das davon ausgeht, dass Innovation nicht mehr als ein linear ablaufender Vorgang (von Wissenschaft und Forschung hin zu marktfähigen Produkten und Dienstleistungen), sondern als ein komplexer sozialer Prozess stattfindet. Ein wesentliches Kennzeichen dieses neuen Innovationsparadigmas ist die Öffnung des Innovationsprozesses hin zur Gesellschaft. Neben Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden auch Bürger und Kunden zu relevanten Akteuren im Innovationsprozess, indem sie bei der Entwicklung neuer Produkte zur Lösung von Problemen beitragen. Begriffe und Konzepte wie ‚Open Innovation’, Kundenintegration, Netzwerke spiegeln einzelne Aspekte dieser Entwicklung wider.

Firmen wie DELL nutzen soziale Innovation, um sich im Wettbewerb besser zu bewähren, auf externe Ressourcen und Feedback zurückgreifend, über alle Organisationsstrukturen einen social layer legend, der das Unternehmen viel enger mit Partner, Kunden und sich selbst verknüpft.

Diese Entwicklung kann für Unternehmen ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb werden. Google ist nicht umsonst zügig zu einer der bekanntesten Marken weltweit geworden. Die Fähigkeit des Unternehmens, sich zu organisieren und anzupassen, ist in höchsten Maße erstaunlich. Mit der sozialen Innovation geht einher, dass sich Menschen weitaus persönlicher im Netz einbringen. Sie verändern damit den Markt gerade für einen Informationsverarbeiter wie Google. Menschen hinterlassen persönliche Datenspuren, interagieren mit Netzmöglichkeiten neuartig, und zwar in einem derartigen Ausmaß, dass sich Firmen wie Google fragen, welche Schätze in diesem Verhalten verborgen sind. Sich zugleich fragen, wie sich das auf ihren Markt auswirkt. Und sich fragen müssen, ob sie überhaupt jemals auf dieser Ebene derart gedacht haben, um Möglichkeiten in strukturierte Umsatzchancen überhaupt umzusetzen zu können. Decken das die organisierten Personalstrukturen und Firmenprozesse ab, ist der IT-Verarbeitungsprozess darauf ausgelegt? Wer muss was an welcher stellen wie denken, um die richtigen Hebel in Bewegung zu setzen? Besitzt demnach Google die dazu notwendige Denke, das interne Verständnis und Flexibilität, einmal aufgebaute Strukturen zu verformen? Ein hochkomplexer und riskanter Prozess. Google sagt „ja“, wir können es, wir sehen einen Bedarf, wir wollen auch. Wir wollen diesen sozialen Trend in Informationsmuster pressen, verstehen und daraus unser Geschäft erweitern. Dazu müssen sie auch katalytische Produkte aufsetzen, an denen man sich orientieren kann, lernen kann, verändern kann. Wer in Produkten denkt, zwingt sich, strukturiert zu denken.

Wenn soziale Innovation tatsächlich zu einem veritablen Faktor wird, dann hat Google früh diese Entwicklung aufgegriffen. Doch, ich habe keinen blassen Schimmer, wie Google strategisch tickt, wir werden ihre Strategien niemals zu Gesicht bekommen. Ich kann nur vermuten, was für mich logisch wäre, wenn man dermaßen aufwändig und komplex wie Google lostrottet.

Zitat 1:

“We’re transforming Google itself into a social destination at a level and scale that we’ve never attempted — orders of magnitude more investment, in terms of people, than any previous project,” says Vic Gundotra, who leads Google’s social efforts

Zitat 2:

“If every web page is living on one company’s servers, it’s not healthy for the web,” Singhal later would explain. But there was good news, too. “We’re still just scratching the surface of marrying human relationships with information,” he says. “There’s a huge opportunity which someone else will fill — or we will fill.” Gundotra convinced Singhal to repeat the rant when the group regathered. The words hit Google’s leaders hard.

Die Zitate wurden von einem Wired-Journalisten erfasst, der ein Jahr lang Google intern beim Projekt zuschauen durfte. Nochmals die Worte: „We’re still just scratching the surface of marrying human relationships with information„. Das ist eine verdammt große Vision, muss man dabei bedenken, dass wir Menschen nach wie vor Software doch nur sehr grob zusammenzimmern, aber uns selbst kaum verstehen, wie wir Menschen ticken. Wer glaubt, dass „Social“ und „Software“ zusammen weit gediegen ist, hat ein frohgemutes Verständnis, was Software bis dato leistet. Google sieht einen anderen, sich verändernden Markt, sieht die Chance und marschiert.

Und wir
Ich habe es schon im ersten Artikel zu Google: Das Spiel um Milliarde Plus erläutert. Google kämpft um jede weitere Milliarde, nicht um Millionen USD an Mehreinnahmen. Das ist weder katholisch noch social im romantischen Sinne. Die Kunden sind Spielball der Großunternehmen. Markensignale wie „wir sind nett und reden mit euch, tun euch gutes, weil wir gut zu euch sind“ darf man gerne im Sinne eines Unternehmens verstehen. Wir wandeln uns, weil ihr euch gewandelt habt, damit auch morgen euer Geld in unserer Tasche landet. Mehr ist das nicht. Das ist weder gut noch schlecht, es nennt sich einfach Business. Nicht social Business, nicht Innovation, einfach nur Business. Wer sich für Business interessiert, wer Google beobachtet, der wird so wie ich fasziniert sein, welche Aufgabe sich Google gestellt hat. Wow…

Hä?
Für Langsamleser, Schnellleser, Durchblicker, Nullblicker und sowieso hat Markus Breuer auf G+ meinen Artikel wie folgt reüsmiert, die gezippte Interpretation aus meinem Gedankenentwurf:

Nüchterner und kluger Artikel beim ollen +Robert Basic über Google vs (?) Facebook. Ich denke zwar, dass er das ruhig noch einmal hätte kürzen können, ohne, dass der Text dadurch schlechter geworden wäre, aber … lesen ist ja nichts Schlechtes.

Abseits der langen Herleitung aus Innovations-Theorie und Theorie der Sozialen Netze erscheint mir ein Fazit wichtig: Google+ ist kein Schlag gegen Facebook – es ist der konsequente nächste Schritt für Google. Mittelfristig entscheidet sich Wettbewerb zwischen Unternehmen nicht durch „Kampf gegeneinander“ sondern durch einen evolutionären Prozess: Das am besten an den Markt angepaßte Unternehmen setzt sich durch – nicht das, das am brutalsten auf die anderen einschlägt.

Hä 2
Einen anderen Blickwinkel, evtl. griffiger zu verstehen, was das konkrete, neue (?) Businessmodell von Google angeht, liefert Siegfried Hirsch auf G+:

Google hat sich mit G+ ein CRM geschaffen. CRM steht für Customer Relationship Management und wird in der Regel bei Firmen angewandt, die aus dem Notizbuch ihrer Verkäufer eine gemeinsame Datenbank erzeugen wollen.

Natürlich wäre Google nicht die Firma, die wir kennen, wenn nicht auch in dem Ansatz eine gewisse Innovation stecken würde. CRM sich von seinen Kunden machen zu lassen und lediglich das Grundgerüst zu bauen und dann die Datenbasis zu nutzen. Das hat sicherlich auch Facebook getan, allerdings hat Google deutlich mehr Erfahrung und Werkzeuge im Erkennen von Vorhersagen und die entsprechenden Tools geschaffen. Beispiel: correlate.googlelabs.com mit dem sich in sekundenschnelle Trends ermitteln lassen aufgrund einer wirklich großen Datenbasis.
Dass wir dabei auch noch ein wenig was davon haben, schließlich steht uns ja Google Plus zur Verfügung und kann über eine API sicherlich auch sehr gut genutzt werden, ist für Google nur ein netter Nebeneffekt. Social gehört also ab jetzt zum Netz und damit auch zu Google. Und damit das Ganze weiter wachsen kann, wird eine Öffnung via API’s, wie inzwischen zum Standard geworden für innovative Firmen, viele neue Anwendungen hervorbringen.



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