Eines vorneweg: Natürlich wird die deutschsprachige Blogosphäre mit oder ohne nachfolgend beschriebenen Systeme weiterhin existieren. Das steht außer Frage. Die Frage, die ich daher betrachte, ist keine Betrachtung nach unten hin („können wir ohne überleben“), sondern eher nach oben hin zu bestehenden Potentialen zu verstehen. Klärt sich gleich auf, was ich meine.

Jegliches Informationskonglomerat (hier „Blogosphäre“) bestehend aus zahlreichen Einzelbestandteilen (hier „Blogs“) profitiert im Allgemeinen von einer guten Durchlässigkeit (von „Informationen“) nach innen und nach außen, damit aber auch von Sichtbarkeit („wie gut finde ich etwas“), Transparenz („wie verstehe ich ein Blog als Blog“), Überblick („wo finde ich was“) und Vernetzung („personelle“ und „thematische“ peergroups von Personen). Man kann dabei den Ist-Zustand betrachten und auch einen Ausblick geben. Das werde ich versuchen.

Diese Funktionen werden durch die Blogs in Teilen selbst getragen. Sie sind in der Regel von außen erreichbar, sie sind damit sichtbar für Interessierte. Klingt banal? Ist es nicht. Sie werden in der Regel als System Blog verstanden, sind damit transparent in ihrer Wirkweise. Zudem verlinken sie sich in Teilen auch untereinander (Bezüge über Blogrolls, Kommentarlinks und Artikellinks). Dies trägt dazu bei, dass sich Agierende und Außenstehende einen Überblick verschaffen können. Auch sind sie in Teilen persönlich vernetzt, über die Blogs, aber auch über Twitter, Facebook, auch via Mail.

Was soll denn überhaupt der Nutzen sein?
Was man davon hat, dass ein System Blogosphäre im Durchschnitt besser „getragen“ wird? Das hat zahlreiche Nutzenfaktoren. Angefangen bei der persönlichen Vernetzung über wirtschaftliche Effekte, bis hin zu meinungs-/bildenden und politischen Effekten. Eine Gesellschaft wird durch ihren Austausch untereinander wesentlich zusammengehalten. Selbstverständlich tragen Blogs dazu bei und demnach wären positive Effekte zu fördern.

Was trägt zu diesen positiven Effekten bei?
Nun kann man sich fragen, wie gut ausgeprägt diese Funktionen sind. Je höher die Durchlässigkeit, Sichtbarkeit, Transparenz, je größer der Überblick und die Vernetzung ist, umso besser funktioniert das Konglomerat bis hinunter zu den Einzelteilen.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es nach wie vor so aus, dass wir kaum die Blogosphäre überblicken können. Die Durchlässigkeit und damit der Transport von Informationen (Artikel auf Blogs) hängt stark von der Vernetzung ab, die zwischen den Blogs nur bruchstückartig ausgeprägt ist und außerhalb des Blogsystems entscheidend davon abhängt, wie gut man in den sozialen Medien als Blogger-Individuum vernetzt ist. Was wir häufig beobachten können, sind die extremen Spitzen wie Nerdcore. Doch das Gesamtsystem bleibt durchschnittlich gleich gut bzw. schlecht.

Was finden wir außerhalb der Blogosphäre?
Twitter und Facebook haben ungemein dazu beigetragen, dass die Vernetzung der Blogger mit Interessierten und anderen Bloggern leichter geworden ist. Beide Systeme erfüllen eine wichtige Funktion im Sinne der Durchlässigkeit. Sie erhöhen damit die Sichtbarkeit eines Blogs und dessen Outputs. Sie helfen mit, dass Informationen über das eigentliche Netzwerk des Bloggers hinaus getragen werden können. Dennoch hängt der Blogger von seinem eigenen Netzwerk ab. Es ist kein externes System vorhanden, das ihm beim Netzwerkaufbau unterstützt. Er muss es alleine schaffen.

Rivva ist ein derartiges externes System, das wesentlich dazu beiträgt, um sich einen Überblick verschaffen zu können. Wer wissen möchte, über was man in den Blogs gerne spricht, wird auf Rivva fündig. Das betrifft jedoch erneut zunächst nur die Spitzenthemen. Dennoch erhöht es die Chance von weniger bekannten Blogs auf dem Radar außerhalb des eigenen Netzwerks zu erscheinen. Immerhin werden dort nicht nur die originären Quellen genannt, sondern auch die kommentierenden Quellen (sprich Blogs).

Was kennen wir noch an externen Systemen? Natürlich auch die Deutschen Blogcharts. Diese geben erneut einen Einblick auf lediglich populäre 100 Blogs, nämlich die am besten vernetzen Blogs Deutschlands. Eine kleine Hilfe für die Außenstehenden, aber immerhin ein Faktor für das Gesamtsystem.

Sowohl Rivva wie auch die Deutschen Blogcharts sind jedoch höchst fragil. Sie beruhen auf der Einzelleistung von zwei Personen, die die Systeme am Leben erhalten. Bricht der eine oder andere weg, nutzt das System nichts mehr. Das Grundproblem ist die investierte Zeit, dagegen stehen aber keine finanziellen Kompensationen, die ein Mehr an Zeit erlauben würden. Die Deutschen Blogcharts wurden letztmalig im Oktober 2010 aufgefrischt.

Was gibt es noch? Richtig, Blogoscoop. Eine Sammlung von rund 10.000 Blogs, die man nach Themen ebenso wie nach Einzelstatistiken durchsuchen kann. Doch es bietet sich ein gleiches Bild wie bei Rivva und den Deutschen Blogcharts: Der Macher hat schon lange nicht mehr aktiv für sein System getrommelt. Zudem ist mir seit 2009 kein Update am System Blogoscoop bekannt.

Zu guter letzt haben wir die gute Mama Google, die extrem nützlich ist, Informationen zu finden. Ohne dieses System wäre das Blog-Konglomerat wesentlich dunkler, man könnte kaum Blogs finden. Das alleine sollte deutlich machen, wie wichtig bestimmte Faktoren und Systeme sind, damit eine Blogosphäre im Durchschnitt seine Potentiale besser entfalten kann.

Fassen wir zusammen
An Aggregationsmaschinen kennen wir nur Rivva, Blogoscoop ist ein kaum mehr gepflegtes Überblick-System. Die Deutschen Blogcharts wirken nur für 100 Blogs. Der Beitrag zum Gesamtsystem ist in meinen Augen mehr schlecht denn recht, betrachtet man den Zukunftstrend (nicht ihren absoluten Beitrag, der war gut und wichtig). Zu fragil erscheinen mir die Systeme basierend auf der Abhängigkeit vom Einzelengagement der Betreiber. Zudem ist nichts in Aussicht, was die Systeme verbessern würde. Demnach ist hier keine Anhebung des Systems Blogosphäre über die o.g. Faktoren in Sicht.

Bei den Sichtbarkeitmaschinen kennen wir lediglich Google, ein verlässlicher Dauerbrenner. Der erst jüngst einen eigenen Bereich für Blogs eingeführt hat. Weitere Ansätze wie Technorati und Icerocket oder auch Wikio sind vergessene Ansätze. Kaum beachtet und demnach keine Zuträger positiver Effekte.

Als Vernetzungsmaschinen kennen wir heute Twitter und Facebook. Die einen wesentlichen Beitrag geleistet haben, um die Blogosphäre sichtbarer und durchlässiger zu machen. Man darf nicht vergessen, bis 2008/2009 waren diese Systeme relativ unpopulär. Wir als Blogger hatten nur einen geringen Nutzen daraus. Heute ist das anders.

Resumee
Auf persönlicher Vernetzungsebene hat sich via Twitter und Facebook extrem viel für die Blogosphäre getan. Mama Googles Beitrag ist im Großen und Ganzen gleich geblieben. Aggregationssysteme sind leider in ihrer Entwicklung stehen geblieben. An dieser Stelle kann man sich lediglich wünschen, dass sich etwas tun würde, doch bezweifle ich dies. Ausgerechnet die Aggregation ist ein wichtiger Bestandteil, der nebst Vernetzung und Durchlässigkeit über den Faktor „Überblick“ das Potential hätte, sehr viel zur Blogosphäre beizutragen. Denn Blogs sind gegessen, was ihre Entwicklung angeht. Ich denke nicht, dass neue Aggregatoren entstehen werden, da bisherige Versuche zu keinem wirtschaftlichen Erfolg als Garant und Antrieb für Innovationen geführt haben. Wie wichtig der Faktor Überblick ist, um das mal verständlich zu machen: Presse? Was ist die Funktion der Presse? Überblick zu verschaffen.

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