50 Jahre auf dem Buckel und was ich seitdem so erlebt habe (seitdem-Startzeitpunkt sind bei mir die 66er). Die 80er Jahre sind mir in äußerst bunter Erinnerung erhalten geblieben. In diesem Jahrzehnt wurden einige ganz wesentliche, grundlegenden Weichen gestellt, die bis heute bestimmend sind. Was den Werdegang der Welt anging. Und weil in den 80ern die Grundsteine für Heute gelegt wurden, muss ich etwas mehr von der Welt aufzeigen, denn aus meinem kleinen, beschaulichen Umfeld in Frankfurt. Was war eigentlich mit dem Jahrzehnt zuvor, meiner Kindergartenzeit und der ersten Schulzeit? 1970-1979? Hab ich schon abgefrühstückt.

80er Jahre

1980-1989

Wer erinnert sich noch an dieses ferne Weltereigniss? Die Sowjets marschierten in Afghanistan ein, woraus zunächst „nur“ der Film Rambo 3 entstand (im Abspann wurden den damaligen Rebellen – so wurden sie noch genannt – der Film tatsächlich gewidmet: „This film is dedicated to the brave Mujahideen Fighters of Afghanistan“ – heute ballert man diese braven Rebellen via Drohnen ab / Geschichte ist eine Hure der Mächtigen). Realpolitisch wurden Probleme erzeugt, die in den 00-Jahren letztlich zum 09/11 Anschlag führten. Ach ja, Iran und Irak zogen gegeneinander in der Krieg und legten damit einen weiteren Grundstein für die späteren Entwicklungen im Hotspot Nahost.

Reagan wurde 1980 US-Präsident, Michael Gorbatschow 1985 zum Generalsekretär der KPDSU/UdSSR ernannt. Reagan war nicht nur ein harter Hund (der die Sowjets 1983 als „Das Reich des Bösen“ bezeichnete), er wollte zudem show-trächtig die Berliner Mauer niederreißen lassend. Er schmetterte diese Worte direkt von einer an der Mauer errichteten Tribüne gen Osten: „Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“. Sprachs theatralisch 1987 und flog wieder ab. Es dürfte klar sein, dass er das als Provokation meinte, nicht als Aufforderung. Derweil hatte Gorbatschow in der Sowjetunion mit anderen Problemen zu kämpfen und stieß Reformen an (Perestroika und Glasnost genannt), die letztlich mit zum Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Machtzerfall der Kommunistischen Partei führten (die Implosion des riesigen Staatenbundes wurmt Putin bis heute, die als damalige Supermacht schmachvoll an den Rand der Weltgeschichte gedrängelt wurden). Zerfall? Demokratisierung hieß es damals! So wurde zum Beispiel in Polen nicht rein zufällig die Gewerkschaft Solidarnosc 1980 gegründet, im Vatikan wurde kurze Zeit später 1981 ein Attentat auf den polnischen Papst verübt. Die Bestrebungen des Ostblocks, sich zu modernisieren, vom Einfluss der Sowjets zu lösen und mehr Demokratie zu wagen, waren eines der entscheidenden, politischen Umwälzungen in Europa in diesem entscheidenden Jahrzehnt. In Deutschland löste Helmut Kohl Helmut Schmidt (1974 – 1982) ab, der damit die Helmut-Ära für weitere 16 Jahre bis 1998 auf seine Weise prägte. Als es 1989 dann soweit war, handelte er blitzschnell und mit Weitsicht. Die Mauer fiel, Deutschland war wieder vereint. Und, ganz wichtig, der Kalte Krieg war beendet. Wir haben das bis heute auch Gorbatschow zu verdanken, der kein Scharfmacher war und die Panzer in den Kasernen beließ (während Oberst Putin in einer ostdeutschen Kaserne willens war, die Waffe zu ziehen, sagt man).

Ich hatte den Atomkrieg überlebt! Mein Schatten sollte nicht in eine Hauswand in Frankfurt eingebrannt werden (die damaligen Raketen waren so programmiert, um sämtliche Städte ab 50.000 Einwohnern auszulöschen). So praktisch es auch war, in der Nähe eines riesigen Flughafens – und zugleich einer großen Luftwaffenbasis der Amis – zu wohnen, war uns allen dabei klar, dass bei Ausbruch eines Atomkriegs im Rhein-Main Gebiet in wenigen Sekunden die Lichter für immer ausgehen würden. Mit diesen Gedanken wuchs ich nun einmal in Frankfurt auf. Es war kein bestimmendes Tagesthema, dennoch behielt es jeder irgendwie im Hinterkopf. Du wachst dann Ende der 80er auf und weißt, Armageddon ist vorbei! Das ist durchaus erwähnenswert. Denn es prägte nicht nur eine Generation.

Halten wir fest: Der Kalte Krieg wurde in den 80ern begraben, der Warschauer Pakt zerfiel, die Sowjetunion ebenso. Putin – damaliger Geheimdienstoffizier – zog wie die übrige, sowjetische Armee nach Hause. Ganz in diesem Sinne ist auch die Bewegung der Grünen zu verstehen, die 1983 erstmals in den Deutschen Bundestag einzogen. Frieden, Umwelt, Atomkraft. Der eklig, gelb-rote Aufkleber „Atomkraft? Nein Danke!“ begleitete uns alle bis Tschernobyl, das 1986 in die Luft flog. Es dauerte allerdings noch etwas bis Fukushima, um sich von der Atomkraft vollends zu verabschieden. Lustiger war da schon der Volksaufstand gegen die Volkszählung. Damals gingen sogar „Hans und Erna“ auf die Straße, um gegen diese Datenerhebung zu demonstrieren. Heute ? Reden wir nicht darüber. Noch nicht.

Noch etwas, wer sich daran noch entsinnt, der weiß, dass sich in den 80ern ein neuer Spieler aufmachte, die Weltbühne zu betreten: Der schlafende Drache China. Die entscheidende Reformen auf den Weg brachten, die Wirtschaft nach dem Vorbild Singapurs zu modernisieren und zu liberalisieren, die Verwaltung effizienter zu gestalten und sich dem Westen gegenüber zu öffnen. Natürlich stand China unter dem Eindruck der Entwicklungen in der Sowjetunion und den Geschehnissen im Ostblock. Man merkt auch hier erneut, wie alles miteinander verzahnt ist. Kleine Geschehnisse bauen sich zu großen Verschiebungen auf. Heute ist China aus dem wirtschaftlichen Weltgeschehen nicht mehr wegzudenken. Damals geschah das mehr am Rande und füllte nicht die Blätter der Tageszeitungen (ok, es gab anno 1989 einen Volksaufstand, der im Rahmen des Geschehnisse rund um das Tian’anmen-Massaker auf Kommando von Deng Xiaoping – der als Vater des modernen Chinas bezeichnet werden kann – und Konsorten nierdegewalzt wurde. Das ging damals ebenso herum wie das wohl berühmteste Symbolbild dieses Aufstandes).

Hay, es gab nicht nur Politik. Auch im medialen und digitalen Sinne kam es zu ersten Erdbeben des Wandels: Das Privatfernsehen wurde geschaffen und die Ära des Personal Home Computings zog auf (IBM stellte den PC 1981 vor). Die Firmenlandschaft teilte sich mehrheitlich in MS-DOS basierende PCs und mit weitaus geringeren Anteil in Apple Macintosh Hardware auf. In privaten Haushalten sind allseits die vielen Spielkonsolen, aber auch Heimcomputer wie der C64 (1982), Amiga 500 (1987) & Amiga 2000 (1987) und Atari wohl noch in guter Erinnerung geblieben. Die ersten Kizz machten sich drauf und dran, diese geheimnisvolle Welt zu entdecken. Aus denen in den 90er und 00-Jahren die Eroberer des Internets werden sollten. Doch das Internet existierte in den 80ern nicht, wir hatten lediglich BTX, ein merwkürdiges, basierendes Textsystem, das bald ins Nirvana verschwinden sollte. Wir hatten dafür was ganz anderes, ungemein Populäres: Den Teletext! Der ab den 80er Jahren auf den TVs eingeführt wurde. „101“ = News? Bingo! Und noch an einer weiteren Front gab es erste, große Schritte zu vermelden: Die Ära des Mobilfunks zeichnete sich ab. Manch einem wird noch der Begriff C-Netz in Erinnerung geblieben sein. Riesige Mobilfunkapparate, die im Grunde dem Begriff Mobilfunk verspotteten.

Im gesellschaftlichen Bereich waren für uns Normalsterbliche eher schon andere Entwicklungen beobachtbar: Popper, Punks, Yuppies prägten das Bild in den Städten. HipHop, House und Breakdance wurden populär. Die Neue Deutsche Welle eroberte mit Nena und Co. die deutsche Musikszene. MTV wurde zu dem TV-Musiksender schlechthin (wer kennt sie noch: Christiane Backer und Ray Cokes?). Die Musikvideos waren einerseits eine neue Form, Musik populär zu verbreiten, andererseits lief MTV bei vielen Jugendlichen rund um den Globus rauf und runter. Das war zu der Zeit eine Riesennummer. Wunderbar passend dazu auch das Aufkommen des Walkmans und der Ghettoblaster, Musik zum Mitnehmen, auf analoge Art und Weise. Michael Jackson eroberte zusammen mit Superstars wie Madonna und Prince die musikalische Weltbühne. Derweil Nicole mit „ein bisschen Frieden“ in Europa den Deutschen musikalischen Gewinnerstolz einhauchte. Aber so richtig krachen ließ es wieder mal ein Österreicher: Falco begeisterte nicht nur meine Mutti (allen Ernstes!) mit ein bisschen Komissar, Amadeus und Jeanny, sondern auch den Globus. Und, mal so beiläufig erwähnt, bereitete er den Weg für den deutschsprachigen Rap vor (ob Bushido weiß, wer sein musikalischer Urahn ist?). Ähnlich bunt ging es in Sachen Mode zu, ebenso bei den merkwürdig angezogenen Gestalten, die das neuartige Aerobic hüpfend im deutschen TV pünktlich vor Arbeitsbeginn betrieben. Bunt war auch Rubik’s-Cube, der uns im Bann hielt!

So gesehen war es mit den weltpolitischen Ereignissen, der neuen Computerwelt, der Musik, der Mode, den Punks und Poppern, den Grünen eine immens bunte Zeit in den 80er Jahren. Genauso habe ich sie tatsächlich noch in Erinnerung. Während die 70er doch sehr verkrustet erschienen, brach sich in diesem Jahrzehnt so vieles Bahn. Auch im Bereich des Sports gab es Großes zu vermelden, was viele von uns an die Glotzen fesselte.

So richtig brach Tennis zu der Zeit Bahn: Boris Becker und Steffi Graf eroberten ab Mitte der 80er die sportlichen Herzen Deutschlands. Es war eine richtiggehende Tennis-Mania ausgebrochen, die locker mit Fußball mithalten konnte. Becker und Graf waren die deutschen Sporttitanen schlechthin, bis ein junger Rennfahrer in den 90ern das Szepter übernahm. Klar blieb Fußball die Nummer 1. Jedoch gab es in diesem Jahrzehnt keinen Weltmeister-Titel zu vermelden. Dafür? Ein grandioser Uli Stein – Nationaltorhüter – betitelte den Kaiser während der Fußball-WM 1986 als Suppenkasper. Warum mir das so in Erinnerung blieb? Vermag ich nicht zu sagen, aber generell habe ich eine Schwäche für Heiligensprüche:)

Ich wurde derweil vom Schüler zum Studenten, zockte die eine oder andere Runde gegen meinen Kumpels zu Hause, haufenweise Competition Pro-Joysticks verschleißend. Meine besten Freunde mussten in die Bundeswehr, was mir aufgrund der Einbürgerung irgendwie erspart blieb. Jugoslawien war zwar mein Heimatland, aber es war viel zu fern, um engere Bande zu knüpfen. Warum also nicht Deutscher werden? Das merkte ich bereits zu Beginn der 80er, als „unser“ großer Boss 1980 verstarb, Josip Broz Tito. Zu der Zeit musste ich als 13-jähriger einmal wöchentlich eine Jugo-Schule am Nachmittag besuchen. Alle standen im Klassenzimmer auf, als die TV-Bilder von seinem Begräbnis liefen. Ich dachte mir nur „alle sterben, was soll das Bohei?“. Jugoslawisch-nationale Attitüden waren mir nicht fremd, aber zu mehr als einem Schulterzucken reichte das bei mir nicht. Es mag auch daran liegen, dass mir das ständige Geschwafel vom ehemaligen Partisanen-Krieg, Tito hier, Tito da auf den Senkel ging. Mich interessierte vielmehr, was Kohl anstellte, was bei den Sowjets und im Ostblock passierte. Denn es war zu keinem Zeitpunkt klar, ob der Umbruch friedlich vollzogen werden kann. Außerdem fand ich die neuesten Zocks im Computerspielebereich ungemein fesselnder. Das monatliche Erscheinen der passenden Spielezeitschriften war mir in den 80er Jahren ein freudiger Begleiter.

In meinem kleinen Kosmos entdeckte ich die Welt der universitären Lehre zum nahenden Ende der 80er: Volle Hörsäle, irre viele Gestalten mit teils witzigen Lebensvorstellungen (da ich gerne öfters im Cafe an der Uni saß, beschwatzte einen immer wieder mal junge Vertreter, doch bitteschön die eine oder andere Gruppierung mit seiner Mitgliedschaft zu beehren). Mir war das völlig egal, ich wollte lernen, meinen Spaß haben und die viele Freizeit genießen. Angesichts der damaligen Vorschriften war das studentische Leben doch weitestgehend frei gestaltbar, im Gegensatz zu den heutigen, universitären Fließbändern. Darben musste ich nicht an Bafög, denn ich setzte meine schulischen Freizeitaktivitäten als Aushilfe fort. Ich kann die vielen Firmen nicht mehr aufzählen, bei denen ich mit Genuss gejobbt hatte. Eines weiß ich aber noch: Die Firmenlandschaft war unfassbar konservativ, Lachen war beinahe verboten, doch einmal drin, durfte man bis zur Rente seinem Werdegang sicher sein. Eine Tatsache, die sich ab den 90er Jahren im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung sowie dem Drang der Deutschland AG nach globaler Marktführerschaft gründlichst ändern sollte.

Was mir übrigens damals Europa bedeutete? Nichts! Nichts im Sinne der EU! Soweit ich weiß, war es allen in meinem Umfeld völlig uninteressant. Wie das? Nun, heute bin ich schlauer und kenne den Begriff der Eurosklerose. Die einen langen Zeitraum umfasst, in der die Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine Ausgeburt an Stillstehern waren. Mein persönliches Europa war der Grand Prix Eurovision de la Chanson! Wisst Ihr noch? Diese Eingangsmelodie (oder war es die Endmelodie) mit den vielen Sternchen als Logo. Das war mein Europa. „France: Deux points!“. Das hat in mir wohl mehr als alles andere dazu beigetragen, mich auch europäisch verbunden gefühlt zu haben. Und noch eine Sendung war ein europäischer Straßenfeger, die wohl mehr für Europa getan hat als alles andere: Spiele ohne Grenzen (in den 1960er- und 1970er-Jahren eine extrem beliebte Spielshow mit sprachübergreifender TV-Aussendung, Anfang der 80er in Deutschland abgesetzt). Erst mit dem Mauerfall und dem Zerfall des Warschauer Paktes wurde auf einmal die Europäische Union politisch reanimiert. Doch in den 80ern bedeutete es nur Schulterzucken weitestgehend.

Tja, das waren die 80er im groben Überflug meiner Erinnerung, mit freundlicher Unterstützung namens Internet, das mir half, die Dinge richtig einzuordnen. Tatsächlich waren es die politischen Ereignisse und Umwälzungen, die weitestgehend mein erweitertes Umfeld bestimmten (zwischen dem 14. und 24. Lebensjahr). Weniger meine persönlichen Erinnerungen in meinem privaten Umfeld, die in diesem Kapitel eine Nebenrolle spielen sollen. Klar habe ich viele mediale Ereignisse außen vor gelassen: Die Hochzeit von Lady Diana mit Prince Charles (das TV Ereignis des Jahrzehnts, witzigerweise), die Challenger-Katastrophe, die Politaffäre Barschel mit fatalem Ausgang (und damit womöglich auch einem anderen Weg Deutschlands, da Björn Engholm ein sehr aussichtsreicher Kanzlerkandidat der SPD in spe war, der aber im Zuge der Folgen der Affäre seine Ämter 1993 niederlegte. Wer weiß, wohin Deutschland gesteuert wäre, als es 1994 zur Bundestagswahl ging, die Kohl erneut gewann), die Hitlertagebücher, Gladbeck, usw usf etcpp.

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