Ich denke, ich muss nicht allzu viel vorab über Ibrahim Evsan sagen, die meisten dürften ihn als Gründer (2005) von Sevenload kennen. Oder über sein Buch „Der Fixierungscode„. 2009 gründete er zusammen mit Tom Bachem ein neues Unternehmen namens United Prototype. Wer Ibo noch nicht kennt, kann sein Blog lesen, ihm auf Twitter folgen oder sich mit ihm auf Facebook verbinden.

Nun aber zu dem Interview mit und über Ibo und seinem neuen Vorhaben, das sich unter der Dachmarke „United Prototype“ herauskristallisiert hat. United Prototype ist demnach kein Produkt, sondern das Gebilde, unter dem man Projekte auf eine bestimmte Art und Weise realisieren möchte. Mehr über die Kernidee von United Prototype findet Ihr im ersten Blog-Artikel.

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1. Ibo, stell Dich bitte kurz vor. Die meisten dürften Dich als Gründer von Sevenload kennen, was machst Du heute?
Zunächst mal mache ich Social Media. Social Media bedeutet aber für mich nicht, dass ich nur am PC oder vor mobilen Geräten sitze und Menschen unterhalte. Mehr noch. Nehmen wir die beiden Begriffe auseinander, dann würde ich sagen: Social – Ja ich habe viele Ämter, die ich ernsthaft unterstütze und daran glaube. Daher habe ich einige ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen: Ob es die Arbeit als Komiteemitglied der UNICEF, die Mitgliedschaft in der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW, der Medienbeirat NRW, der Initiativkreis Kreativwirtschaft NRW, der Beirat des Deutschen Multimedia Kongresses oder meine Arbeit als Vorstand der Deutschlandstiftung Integration ist, alle diese Aufgaben verfolge ich mit vollem Einsatz, weil ich es für wichtig halte, engagiert und motiviert auch für Deutschland als Medien-Land zu arbeiten. Weiterhin versuche ich, durch Konferenzen, Blogartikeln, Interviews und Kolumnen, die Menschen dazu zu bewegen über die moderne Welt, also die digitale und die reale Welt nachzudenken. Die Welt ist schnell, und wir bewegen uns in einem Zeitalter, in dem das digitale Leben eine immer größere Rolle spielt. Wir müssen uns anpassen, aufklären und dafür sorgen, dass das Engagement und der Mut in unserem Land nicht zusammen brechen, sondern dass wir alle es schaffen können, den digitalen Globus, der bisher ja eigentlich nur von den amerikanischen digitalen Supermächten bestimmt wird, um den Standort Deutschland zu erweitern. Ich glaube, dass es für mich wichtig ist, mich dafür einzusetzen. Und meine Ideen und Ziele kann ich am besten promoten durch Media.

2. Verfolgst Du noch das Geschehen rund um Sevenload?
Der Markt für Videos ist noch ganz am Anfang. Natürlich verfolge ich die Entwicklung von Sevenload auf Schritt und Tritt. Die Technologie und die Vision, die wir zu Gründungszeiten hatten – und die sich jetzt nach und nach erfüllt – sind groß und haben noch größere Chancen, ein entscheidender Player im VOD Markt zu sein [Anm.: VOD = Video On Demand]. Sevenload hat eine lange Zeit meines Lebens entscheidend geprägt, ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und mein Wissen immer für den Fortschritt dieser Firma verwendet. Auch wenn ich heute nicht mehr in erster Reihe stehe, so hat sich an dieser meiner Einstellung nichts verändert. Ich helfe gern und nach wie vor aus vollem Herzen.

3. Du hast ein neues Projekt, United Prototype gestartet. Soweit ich verstanden habe, handelt es sich damit um ein Social Gaming Projekt? Um was geht es dabei genau?
Dem Menschen von heute genügt es nicht mehr, nur Teile seines Lebens im Internet wiederzufinden, er will sein ganzes Leben im Internet wiederfinden. Der erste Schritt dazu war Social Media, jetzt geht de Entwicklung eindeutig in Richtung auf Social Gaming. Bisher ging es dabei eher darum, sich in „Traumwelten“ hineinzuspielen, die man mit halbwegs Unbekannten zusammen erkundete. Heute sind Browsergames gar nicht mehr aus dem Spieleleben wegzudenken, aber die Gamer wollen mit ihren Freunden zusammen spielen, Freude und Spaß miteinander teilen. Es geht bei unserem Spiel darum, das Online-Leben zu strukturieren, reale Freunde einzuladen, neue Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, wir sind dabei, so etwas wie ein „Freundschaftsbeweis-Tool“ zu schaffen, das meinen Freunden zeigt, „Hey, auch hier in der virtuellen Welt bin ich bei Dir und helfe Dir bei Deinen Aufgaben!“, mit Spaß und dank der mobilen Technik an jedem Ort zu jeder Zeit. Aus diesen Freundschaftsbeweisen können ganz andere Freundschaftspyramiden erwachsen, neue Netzwerke, die so vielleicht nie entstanden wären. Kurz gesagt: Wir haben nichts anderes vor, als das reale Leben in die digitale Welt zu übertragen, in spielerisch leichter Form. Social Media wird zu Social Gaming, Social Gaming ist Social Media.

4. Warum glaubst Du, dass Social Games die Zukunft der Unterhaltungsindustrie sind, wenn Du das glaubst?
Social Games werden die neuen Plattformen, auf denen sich die Menschen begegnen werden, sie werden ein fester Bestandteil von Social Media, vielleicht sogar der wesentliche Bestandteil von sozialen Netzwerken. In den Social Games fließt die ganze Welt des Onliners auf spielerisch leichte Art und Weise zusammen, Technik und Grafik werden zu Medien, die Unterhaltung, Spaß und Freude transportieren, ohne dass der Nutzer sich um diese Medien noch kümmern muss; Technik wird unmerklich, unspürbar, der Nutzer ist frei von allen Reglementierungen. Die Menschen wollen ein Game „als achtes Lesezeichen“, sie wollen ihre Zeit in der digitalen Welt mit ihren Freunden teilen, Spaß haben und Freude teilen. Die Zeit des „Informations- und Konsum-Internets“ hat ihren Höhepunkt überschritten, die Menschen wollen mehr als nur das, sie wollen ihr ganzes Leben im Internet leben – und da sind Social Games der ideale Aggregator, um die sozialen Bedürfnisse der Menschen zu bündeln. Aktive Freundschaftspflege wie in unserem Spiel, das ist die Zukunft – zumindest von Social Media.

5. Verändern Social Games die klassische Spieleindustrie?
Ja natürlich. Internet, Social Media und Games fließen zusammen. Die Nutzer, die Spiele mögen, ändern ihr Verhalten gerade grundlegend, das hat die „alte Spiele-Industrie“ leider noch nicht erkannt. Games werden mobil, weil das Leben mobil wird. Die Playstation 3 ist bei mir Zuhause nur ein stationäres Element meiner Spielleidenschaft, das ist in Zeiten von Cloud-Computing und Spielen auf den Smartphones fast schon ein Anachronismus. Es wird interessant sein zu sehen, ob die „klassische Spieleindustrie“ es zustande bringen wird, die sozialen Netze mit neuen Spielideen zu versorgen, denn dazu muss man das Internet und seine Nutzer verstehen. Spielideen allein helfen nicht mehr, wenn man die soziale Komponente vernachlässigt, die das Internet bietet. Die technischen Möglichkeiten sind im Internet sehr weit, die Kunst wird darin liegen, die Spiele so zu konzipieren, dass sie zwar leicht zu spielen, aber gleichzeitig auch eine große Spieltiefe aufweisen müssen – immer unter der Voraussetzung, die wichtigsten Trends im Internet abzubilden oder sie gar zu antizipieren. Wirtschaftlich betrachtet wird das auch gleich zu einer ganz neuen Form von Werbemöglichkeiten führen. Der Begriff hierfür könnte Life-Line-Marketing sein. Die Werber müssen sich jetzt darauf konzentrieren, wo ich mich befinde, mit wem ich unterwegs bin und was wir für gemeinsame Interessen haben. Dann kann dazu an dem Ort, an dem wir uns befinden, die passende, vielleicht sogar hilfreiche Werbung geschaltet werden, die mir nicht das Gefühl von Konsum, sondern von persönlichem Service gibt. Virtuelle Güter können in der realen Welt einen großen Effekt haben, wenn man sie richtig einzusetzen versteht. Wir müssen lernen, mit dieser neuen Form von Kommunikation umzugehen, in freundschaftlicher wie in wirtschaftlicher Hinsicht.

6. Glaubst Du, dass Du als Unternehmer viel aus dem Sevenload-Projekt gelernt hast, woran ich nicht zweifel, und was davon wirst Du bei United Prototype anders als bei Sevenload machen? Mir fällt dabei auf, dass Ihr konsequent von Beginn an die Interessenten am Unternehmensprojek einbindet. Magst Du diesen Punkt mit dazu erklären?
Ich werde konsequenter sein, in allem. Mit meinem Partner Thomas Bachem und Tobias Hartmann werde ich unsere Visionen durchsetzen, wir stehen alle voll und ganz hinter diesem Projekt. Wir schreiben Unternehmenstransparenz groß und beteiligen alle Interessierten über Twitter, unseren Unternehmensblog unitedprototype.com und via facebook-Fanseite an allem, was wir tun. Wir erhalten über diese Kanäle viele gute Ideen und Wünsche, das freut uns sehr. Dieses Projekt ist sehr fordernd, und wieder einmal bestätigt es sich: Man lernt nie aus – auch heute machen wir noch Fehler, aber das ist gut so. Ich will mich immer noch als Mensch spüren :)
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Ibo, ich danke Dir und wünsche Dir, dass Zynga gestern sein wird, Ihr das Morgen!

Abschließende Bemerkungen meinerseits, warum ich Ibo interviewt habe. Primär geht es um das Thema Social Gaming, das durch Facebook und allen voran die dort agierende Firma „Zynga“ ein ungeahntes, neues Kapitel in der Spieleindustrie aufgestoßen hat. Die Spieleindustrie gehört zu den Wirtschaftszweigen, die von Jahr zu Jahr immer größere Umsätze schreiben, einige Spiele wie Grand Theft Auto haben mehr Geld eingespielt als so mancher Hollywood-Blockbuster. Sprich, die Gaming Industrie löst die Musik- und Filmindustrie im Bereich Entertainment immer mehr ab, was ihre Bedeutung angeht. Im Zuge des Aufkommens der Social Networks hat sich für viele überraschend eine neue „Nische“ aufgetan, die man unter „Social Gaming“ subsummiert und immer mehr an Bedeutung gewinnt. Spiele, die man im Rahmen eines Social Networks browserbasierend spielen kann.

So erreicht Zynga mit seinem Angebot (primär Mafia Wars und Farmville) zwischen 70-80 Millionen Spieler weltweit und gehört mit Abstand zu einem der erfolgreichsten Spieleanbieter weltweit. Das Ausmaß dieses Erfolgs wird einem erst bewusst, wenn man sich vor Augen hält, wie jung Social Networks sind und wie jung Zynga selbst ist, das 2007 gegründet wurde. Die Computer-Spielebranche hingegen ist weitaus älter. Was die Umsätze angeht? So heißt es auf CNet.com: „...for a sector that hardly existed three years ago, social-gaming publishers brought in $490 million in revenue last year and that figure is expected to reach $835 million in 2010, according to Inside Social Games analyst Justin Smith„.

Es ist insofern hochspannend zu betrachten, wie sich Social Games weiter entwickeln, aber auch welche Einflüsse sie auf die bisherige Spieleindustrie haben. Und es ist faszinierend zu beobachten, dass ein symbiotisches Verhältnis zwischen Social Networks und Social Games scheinbar enger entsteht. Ich sage „scheinbar“, da sich Anbieter wie Zynga auf Facebook breit gemacht haben, neuerdings beobachten wir immer mehr Spiele-Apps auf Basis des iPhones, die ähnliche Prinzipien anwenden, nicht aber unbedingt mit Facebook verbunden werden müssen. Daher würde mir die Bezeichnung „Cloud Gaming“ besser gefallen, wenn man das Internet als solches als unabdingbare Basis für diese Art von Social Games betrachtet.

Was mich wieder einmal besonders fasziniert, ist das Thema „Überraschungsmomentum“. Als die Social Networks aufkamen, waren Social Games nicht im Visier zahlreicher Auguren. Obgleich es naheliegend war, dass soziale Software im Grunde Spielesituationen begünstigt, die man softwaretechnisch abbilden kann. Zumal bereits mit zunehmender Innovationsdichte im Kleinen weitere Anzeichen aufkamen, spätestens als Facebook seine Developer-Plattform gestartet hatte und Spiele-Apps von Beginn an mit vorne dabei waren. Nachdem sich nun dieser Sektor Social Gaming materialisiert hat, beginnt er, auf andere Gebiete auszustrahlen und zu neuen Innovationen in der Software-Industrie zu führen, fast schon analog zum Ausstrahlungsmuster von Social Networks. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern und wir werden kein einziges Games mehr ohne eine Schnittstelle in Richtung Social Networks ausgestattet sehen (heute schon auf dem Konsolenmarkt zu beobachten).

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