ich glaube nicht, dass ich zu meiner Jugendzeit den Traum gehegt hatte, mich mit diesem Elektrofuzzikram abzugeben. Schon damals, als die ersten Compis aufkamen, fand ich die zwar ganz nett, aber so wirklich konnte ich mich nicht damit identifizieren. Aber der Reihe nach.

Von Kindes Beinen an stand mein Entschluß fest „du wirst Arzt und nichts anderes“. Die Alternative, ein „Kampfpilot“ zu werden, war sicher mehr der Faszination dieser Höllenmaschinen geschuldet, weniger der Tatsache, dass man bereit sein müßte, Menschen umzubringen, was aber einem Kind nicht wirklich klar ist. Schöner Kontrast, oder? Menschen retten, Menschen töten:) Warum ich Arzt werden wollte? Mich hat es schon seit jeher fasziniert, den menschlichen Körper zu verstehen, der ein hochkomplexer und zugleich sehr verletztlicher Mechanismus ist. Da ich leider handwerklich nicht begabt bin -mein Bruder dafür umso mehr- waren einige Wege ausgeschlossen. Am menschlichen Körper herumzuschnippseln, wäre nicht so smart gewesen:)

Zu meinem Abi war ich leider noch Jugo. Leider? Man musste sich direkt an den einzelnen Unis fürs Medizinstudium bewerben. Nix ZVS. Die Aussage des Studienberaters war daher ein Schlag: Keine Wartezeit, man nimmt jeweils die Hälfte aus dem Inland und die Hälfte aus dem Ausland. Und vergleicht die Noten in einem Stufenverfahren. Mit meiner 2,1 (?) meinte er, könne ich Jahre auf einen freien Studienplatz warten, bis es mal klappen würde. Tja, aus der Traum.

Da ich jedoch mit 18 keinen Bock auf Azubi hatte, wählte ich irgendein Studium, mit dem sich ein Job finden und die Zeit der Unlust auf einen Job überbrücken ließe. Die Wahl fiel auf BWL. Ein extrem langweiliges und anspruchsloses Studium, so wie es an der Uni Frankfurt damals gelehrt wurde. Bücher fressen, dumm auswendig lernen und gut ist. Nach 3 Semstern hatte ich meine Scheine fürs Grundstudium zusammen und nach dem 5. Semester hatte ich meine Scheine fürs Hauptstudium zusammen. Es blieben nur noch die Diplomarbeit und das Examen. Das Examen konnte man aber erst ab dem 8. Semester machen. So gings dann mit den Warteschleifchen los, ein Aushilfsjob reihte sich nach dem anderen, die Uni hatte ich kaum noch gesehen. Und ehe ich mich versah -zwischendurch hatte ich irgendwann meine Diplomarbeit erledigt- war ich irgendwann im 16. Semester angekommen und dachte mir „entweder machste das Scheißstudium fertig oder hängst weiter ohne Ausbildung ab“. Tja, so hatte ich mich dann zum Examen angemeldet und drei Monate vorher den Stoff reingezogen, den man benötigt, um den Abschluss zum Diplomkaufmann hinzubekommen. Das Pauken durch die furztrockene Materie fiel mir etwas leichter, da ich auf Lücke lernte. Es war nich allzu schwer zu erraten, was die Profs wohl in den Klausuren an Fragen stellen würden. Die Taktik ging prima auf und so hatte ich dann endlich mein BWL Studienabschlusszeugnis in der Tasche. Und war um eine Erfahrung reicher, nie wieder im Leben so einen Dreck zu machen, der einen Null interessiert.

Wo aber einen Job finden? Zu der Zeit gabs an sich nur zwei echte Möglichkeiten: Neckermann Reisen, der beste Laden, wo ich je gearbeitet hatte, aus verschiedensten Gründen. Oder bei Fresenius. Dort war ich nach dem Examen als Zeitarbeitskraft eingestellt. Als Tippse in der Rechtsabteilung. Man konnte somit Fresenius von oberster Ebene kennenlernen und was ich sah, machte mir nicht gerade Lust auf mehr. Wenn man entdeckt, wie unmenschlich die Geschäftsleitung agiert, hat man schlichweg keinen Bock, selbst zu einem Arschloch zu mutieren, denn nur so ließe es sich in dem Laden gut leben. Zufälligerweise entdeckte ich zu der Zeit eine Anzeige in der FAZ, dass die Deutsche Bank IT Trainees suchen würde. Zwei Jahre locker abhängen und dafür Geld bekommen? In einem Großkonzern, der damals (94/95) einen exzellenten Ruf genoß? Und IT versprach etwas Lebendiges, sich ständig Änderndes. Warum nicht?

Normalerweise hätten die mich nie genommen, normales Abi, Studium normal und zu lang, kein Überflieger, wenig angepasstes Verhalten. Allerdings spielte das Schicksal mit hinein. Während meine Neckermann-Zeit hatte ich einen Chef der DtBk kennengelernt, einem Bänker durch und durch, der dort kurz vor seiner Rente beratend eingesetzt war. Top angezogen, schlohweißes Haar, Brille, leise Stimme. Und ich habe selten einen so „coolen“ Menschen kennengelernt. Ich erfuhr erst 1-2 Jahre später rein zufällig, dass er mir geholfen hatte, den Job zu bekommen.

Ich war überrascht, dass es bei der Deutschen Bank gar nicht so bänkisch zugeht, wie man denkt. Insbesondere die älteren Bänker hatten es mir angetan. Integer, loyal, gebildet, fachlich extrem gut drauf, kein Geschleime und kein Getue. Menschen mit Kanten und Ecken. Das änderte sich jedoch leider ab Mitte der Neunziger Jahre, just wo ich eingestiegen war. Mehr und mehr Karriereschleimer und Nixkönner wie auch Dummschwätzer eroberten sich die entscheidenden Pöstchen. Wie das passieren konnte? Die Bank wollte sich den globalen Herausforderungen stellen und begann, sich selbst ohne Rücksicht auf Verluste zu verändern. Dabei verlor man unterwegs imho die besten Mitarbeiter, ersetzte diese aber durch Menschen ohne Rückgrat und Können und steht damit heute nicht umsonst als eine beliebige 08/15 Großbank da, die stets zittern muss, dass sie nicht aufgekauft wird. Den stolzen Titel „beliebtester Arbeitgeber Deutschlands“ ist man auch schon lange los.

Eigentlich sagte ich schon damals zum Einstieg, dass ich gerne fünf Jahre bleiben möchte. Es wurden nicht ganz fünf, sondern sieben Jahre. Meine Zeit war extrem genial, hatte erhebliche Freiheiten, mich auszutoben und das Glück, die richtigen Chefs zu erwischen. Aber alt wollte ich dort nicht werden. Wozu auch einem Laden wie der DtBk seine Treue schenken, die zu einem normalen Unternehmen verkommen war? Und der Drang, ohne Chefs, Zwänge und externen Pflichten auszukommen, war zu groß. Seitdem nenne ich mich einen freien Menschen, der sich mal besser mal schlechter durchboxt und diese Freiheit genießt, das tun zu können, worauf man Lust hat. Und in dem Bewußtsein, dass man an der Schwelle von Veränderungen im 21. Jahrhundert steht, die teils auch technisch getrieben sind, dessen eines Zentrum das Internet ist, lebt es sich prima. Die ollen Computerzeiten sind vorbei, als man sich mit absolut beschränkten Maschinen beschäftigen musste, die nicht einmal vernetzt waren. Die zwar bis heute nicht sonderlich schlauer sind, aber der Mensch hat daraus ein Stückchen mehr gemacht als gedacht. Die Erweiterung unserer physischen Fähigkeiten geilt mich persönlich auf und ich sehe dahingehend, wie schon öfters beschrieben, kaum Grenzen.

Was ich noch anstellen werde? Tja, wenn ich das wüßte. Mich reizt es, an Dingen zu arbeiten, die die Menschen besser zusammenbringen. Da sich die menschliche Kultur in einer Zwischenphase ökonomisch getriebener Handlungsweisen befindet, kollidiert man unweigerlich mit den daraus sich ergebenden Zwängen, grüne Scheine zu produzieren. Aber man hat das Gefühl, dass man etwas Atomistisches dazu beiträgt, zum Übergang zu einer anderen Phase beizutragen. Gesellschaftlich nicht messbar, historisch schon gar nicht. Aber man ist ein Teil dessen. Das Gefühl reicht mir schon:) Alles supi? Nope.

Klar ist, dass wir nur sehr krude Kommunikationsmechanismen nutzen, die mehr als unvollständig den Menschen und seine Gedanken wie auch Gefühle in seiner Ganzheit übertragen. Das hilft stets, Abstand zu dem ganzen „Internetkram“ zu bewahren. Nicht, dass wir uns den nachfolgenden Generationen gegenüber schämen müßten, wir waren eben nicht so weit. Das meine ich nicht.

Aber es ist wichtig, dass man in der Lage ist, das Objekt und sich selbst als ein Teil dessen von außen zu betrachten. So wird ein Teil meiner selbst während einem Chat immer schmunzeln müssen, wie die Finger auf der Tastatur tippend meine Gedanken versuchen wiederzugeben und der andere vor einem Riesenglaskasten sitzend die gesendeten Symbole liest und diese zu interpretieren versucht (wer kam eigentlich auf die komische Idee, Schallwellen in Licht umzuwandeln?). Viel archaischer gehts nicht. Aber wir haben nun einmal nichts Besseres bisher erfunden. Will damit nur sagen, dass ich einerseits die Technik und den Fortschritt begrüße, nicht aber vorbehaltlos den Konsequenzen daraus gegenüberstehe. So schaffen Maschinen im ökonomischen Umfeld den Menschen ab, im sozialen Bereich… könnte es sein, dass aufgrund der imperfekten Maschinenwerkzeuge der Mensch erkaltet? Flüchtiger wird, was die Tiefe an sozialer Nähe angeht? Wir sollten nie vergessen, dass wir von Grund auf nur deswegen als Ogranismus so erfolgreich waren, weil wir uns verdammt gut anpassen. Natürlich bedingt das auch hier, dass wir uns den Maschinen anpassen werden. Maschinen denken nicht. Fühlen nicht. Sind brutalst logisch. Kennen einen linearen Input und einen linearen Output für Probleme.

Was aber wäre ich dann noch liebe geworden? Schwer zu sagen. Denke ich an Musik, kenne ich bisher keine schönere Form, den Menschen in Einklang mit sich selbst und seiner Umgebung zu bringen, Brücken zu schlagen. Warum das ist, ist mir ein Rätsel. Harmonie? Ganz so, als bliebe uns dieses Mittel als bewusste Form, sich fast perfekt ausdrücken zu können. Neben den Möglichkeiten, zu erblickende Dinge zu erschaffen (Bewegtbild). Hm…

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