Es soll Unternehmen geben, die behandeln ihre Mitarbeiter wie den letzten Dreck. Punkt. Und es soll Unternehmen geben, die genau das Gegenteil machen. Punkt. Ob es nun dem Zufall, dem Arbeitsmarkt, dem Abteilungsleiter, der Unternehmensleitung oder wem auch immer zu verdanken ist, Mitarbeiter sein ist mal ein Zuckerschlecken, mal keins. Beispiele gibt es unzählige.

Was tun Mitarbeiter, die systematisch mies behandelt werden? Sie jammern, zu Hause, wenn es einen gibt und sie sich trauen, jammern sie vor dem Betriebsrat, sie jammern vor Kollegen, sie jammern innerlich. Jammern ist etwas, das nur temporär hilft, faktisch jedoch nicht wirklich.

Eine der stärksten Waffen gegen miese Chefs und Unternehmen ist jedoch nicht das Jammern, sondern der Weg in die digitale Öffentlichkeit. Der beste Druck, den man erzeugen kann, um etwas am System zu ändern, ist die Suche nach der Öffentlichkeit. Es ist – entschuldigt die Parallele – der staatlichen Regime größter Albtraum, wenn deren Handlungen öffentlich werden. Zufall? Nein, Prinzip. Unternehmen fürchten nichst mehr, als dass Mitarbeiter plaudern. Statt Jammern, jammern ist ihnen willkommen, da es keinen Druck erzeugt. In der heutigen Zeit steht hierzu nicht nur die Presse zur Verfügung. Auch YouTube, Facebook, Twitter und Blogs bilden die neue Öffentlichkeit. Mir gefällt der Begriff Whistleblowing nicht, aber er beschreibt diesen Vorgang.

Anbei eine kurze Anleitung, wie man öffentlich Druck in der Digitale erzeugen kann:

1. Gehe auf WordPress.com und starte ein Blog. WordPress.com ist ein Service, mit dessen Hilfe man Inhalte ins Netz bringen kann, ohne technisches Know How. Bei der Wahl des Blognamens kannst Du Fantasie walten lassen. Benutze hierbei in der „URL“ = „Blognamen“ nicht die Unternehmensbezeichnung. Biete dem Unternehmen keinen Rechtshebel, Dein Blog über einen Verstoß des Markenrechts zu schließen.

Warum ein Blog? Ein Blog transportiert Deine Gedanken am besten. Bildet eine Einheit, die am stärksten mit der Zeit über die Ansammlung von Erfahrungsberichten zur Entfaltung kommt. Zudem bildet das Blog eine gute Basis als kommunikativer Netzknotenpunkt, um mit der Zeit als Anlaufstelle für Dritte zu dienen, die Dich über Twitter, Facebook, YouTube und andere Blogs verlinken können. Was auch gilt, und eine Tenor im Blog bleiben sollte: Der Mitarbeiter kann stets nur subjektiv aus seiner Sicht berichten. Er hat keinen Gottblick. Aber das macht auch nichts, solange Subjektivität mit Empfinden gepaart bleiben, wenn es um das Berichten von Missständen geht.

2. Bleibe anonym: Du kannst das Blog auf WordPress.com anonym betreiben, im Gegensatz zum Betrieb eines Blogs in Deutschland über einen Provider wie Strato oder 1&1. Der Domaininhaber = Du = musst Deinen Namen bei der Denic hinterlegen. Nicht gut! Bei WordPress.com ist das nicht notwendig. Wenn Du Dich bei WordPress.com anmeldest, benutze eine anonyme Mailadresse, die weder auf Deinen Arbeitgeber noch auf Deinen Namen hinweist. Ebenso hinterlegst Du bei WordPress.com nicht Deinen Namen, nutze einen anonymen Usernamen. Mit diesem Usernamen werden Deine Beiträge veröffentlicht. Achte bei der Benutzung des Blogs darauf, dass Du niemals während Deiner Arbeitszeit in den Räumlichkeiten der Firma, auch nicht über ein Firmen-Notebook noch über ein Firmen-Handy Dein Blog verwaltest. Lese es nicht, schreibe nichts, kommentiere nichts. Nutze das Blog ausschließlich über private Zugänge von zu Hause aus, über ein Internetcafe, bei Freunden. So kommt die Firma über legale Maßnahmen nicht an Deine Identität durch Zurückverfolgung digitaler Spuren. Kontaktiere über Deine Mailadresse die Firma niemals über elektronische Wege. Weder Mitarbeiter, noch Vorgesetzte. Schreibe auch niemals Beiträge im Rahmen Deiner Blogtätigkeit auf der Webseite Deiner Firma, ob es deren Homepage, Kontaktformular, gar ein Blog ist, sonst hinterlässt Du elektronische Fußspuren. Und eins noch: Spreche niemals mit jemanden – schon gar nicht mit Kollegen – über Dein Blog. Höchstens mit Deinem Mann/Deiner Frau, höchstens mit absolut vertrauenswürdigen Personen, aber niemals mit Kollegen.

3. Wenn Du auf Deinem Blog etwas veröffentlichst, beschreibe niemals Situationen so, dass man auf Dich zurückschließen kann. Nenne weder Namen, noch exakte Arbeitssituationen, die so eindeutig sind, dass man firmenintern auf den Trichter kommt, wer Du bist. Benutze auch keine Zeitangaben. Es wird weder ein gestern, ein Datum, ein heute geben. Es wird weder Namen, Standortangaben, Kollegenbeschreibungen geben. Nenne die Firma. Ok. Nenne den groben Bereich, in dem Du tätig bist. Ist der Bereich zu speziell, bleibe allgemein. Konkretisiere niemals, verallgemeinere. Verzichte auf Details. Eine Kollegin wurde vom Chef mit den Worten „sie dumme Kuh“ zusammegepfiffen? Sie hat geweint, ihre Tastatur auf den Boden geschmissen, hat zurückgeschrien und ist aus dem Büro herausgestürzt? Beschreibe es anders. Zwei bis vier Wochen später, nicht gleich. Allgemein. Ein Vorgesetzter hat eine Kollegin mit den Worten „sie blöde Sau“ beleidigt. Die Kollegin war schockiert und sprachlos. Die anderen sind nicht eingeschritten. Drücke es blumig aus, aber verändere die Story leicht, behalte dabei den Kern.

Also nochmals zusammengefasst: Veröffentliche Geschehnisse mit erheblicher Verzögerung, verändere Situationen so, dass man sie nicht mehr im Detail nachvollziehen kann, verallgemeinere dabei. Verzichte auf Namen, Standorte, Tätigkeitsbeschreibungen. Kurz, schalte Dein Hirn ein.

Das sind die wesentlichen Grundlagen, damit Dir die Firma nicht auf die Spur kommt. Es ist wirklich nicht schwer, Fehler zu vermeiden. Anonym zu bleiben. Dumme Fehler vermeiden reicht in der Regel aus. Ich weiß es aus Erfahrung anhand von drei Beispielen. Einer wurde erwischt, weil er dummerweise den Bürorechner benutzt hat, um sein Blog zu pflegen. Ein etwas zu naiver Journalist, der sich eigentlich hätte auskennen sollen. Zwei weitere sind viel zu sehr ins Detail gegangen, statt die Stories zu verzögern, zu verallgemeinern, zu verändern, aber nicht den Sinn zu verkehren.

4. Wenn Du Dein Blog startest, veröffentliche erstens Dein Anliegen, wo Du arbeitest (nicht präzise wie gesagt) und zweitens bringe die ersten drei Stories, die Deine These belegt, dass Deine Firma systematisch Mitarbeiter wie der letzte Dreck behandelt. Beschreibe das Gefühl, denn Gefühle kann jeder nachvollziehen. Beschreibe die Gefühle Deiner Kollegen. Beschreibe, wie das Unternehmen vorgeht. Mobbing, Nazi-Chefs, Drucksituationen, Entlassungsarien, Überwachungsmaßnahmen, was auch immer Dir einfällt und beim Zuhörer sowohl Empörung als auch Wut erzeugt. Erzeuge ein „wir“-Gefühl. Nimm den Leser so mit, dass er Dich versteht und nachempfinden kann. Erzeuge Gefühle. Sonst wird Dein Blog niemand interessieren.

Eine wichtige Sache: Werde niemals beleidigend! Du bietest dem Unternehmen konkreten Anlass, Dein Blog vom Betreiber WordPress.com sperren zu lassen. Behaupte nicht felsenfest irgendwelche Tatsachen, sondern schildere es so, dass es Deinen Eindruck widerspiegelt, Deine Meinung. Denn gegen Tatsachenbehauptungen kann die Firma rechtlich vorgehen, um erneut Dein Blog sperren zu lassen. Du hast wiederholt über systematisches Mobbing erfahren, damit Mitarbeiter von sich aus kündigen? Dann sprich nicht von „Die Firma mobbt systematisch“. Das ist eine Tatsachenbehauptung. Sondern? Auf die Schnelle ein Entwurf: „Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Kollegen gemobbt wurden. Und zwar ….[Beispiele nennen, auf die Tränendrüse drücken, wahrheitsgemäß]… Sie waren so verzweifelt, dass sie gekündigt haben. Ist das Zufall? Wir müssen abbauen, über 5.000 Arbeitsstellen. Klar haben die Chefs Druck und werden diesen an ihre Mitarbeiter weiterleiten. Doch dass es so drastisch wird, hätte ich nie gedacht. Ich bin der Meinung, dass man mit Mitarbeitern stets fair umgehen sollte. Immerhin waren sie loyal zur Firma. Ein Chef meinte letztens, er habe eben die Vorgabe von oben bekommen, gezielt nach Verfehlungen zu suchen. Er mag das nicht, aber was solle er machen. Andere haben es auch so von oben aufgetragen bekommen. Ich weiß nicht, ob das so stimmt, aber …“. Drücke aus, was Du beobachtest, was Dir nicht gefällt und was das Unternehmen ändern müsste. So machst Du es der Firma schwerer, Dein Blog zu killen, umgekehrt erzeugst Du Sympathie und Rückhalt in der Öffentlichkeit. Weil Du eben nicht nur jammerst, sondern produktiv Zusammenhänge beschreibst.

5. Trommle für Dein Anliegen! Oben habe ich beschrieben, wie wichtig es ist, dass Du emotional nachvollziehbar bist. Um auf diese Weise am besten für Dein Anliegen einzutreten. Zahlreiche Angestellte kennen solche Situationen, sie kennen den Druck, sie kennen ihre Chefs. Sie werden es gut nachvollziehen können. Das alleine reicht jedoch nicht. Du musst schon auf Dein Blog hinweisen. Wie? Kontaktiere bekannte Blogger, denen Du zutraust, auf Deine Sache hinzuweisen. Mache einen anonymen Account auf Twitter und Facebook auf (nenn Dich eben Helmut Müller, so what?), followe auf Twitter Journalisten und Bloggern, befreunde Dich auf Facebook entsprechend genauso. Sei ein Teil der digitalen Runde, ein sozialer Teil, der Kontakte pflegt. So machst Du es Dritten leichter, auf Dein Blog zu stoßen. Du kannst sogar einen „witzigen“ Effekt via YouTube ausnutzen. Starte dort einen anonymen Account, lasse einen Freund in einem dunklen Raum Deine Aussagen aufzeichnen (Stimme…), veröffentliche das auf YouTube, wo Du je nach Glück und Geschick sehr viel mehr Menschen erreichen kannst. Hinterlege im Video einen Link zu Deinem Blog. Es gibt natürlich keine Garantie, dass Dein Aufliegen Öffentlichkeit erfährt. Geschweige denn, ob sich etwas ändert. Es gibt gewisse Grundlagen, die Dir helfen, aber im Detail wird es darauf ankommen, dass Du lernst, auf Deine Dir gegebene Art ausdauernd zu trommeln.

6. Wenn Dein Blog gesperrt wird? Das ist erstens in Ordnung, da es Dir hilft, mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen. Zweitens kannst Du vorsichtshalber Deine Beiträge in ein nicht öffentliches Reserveblog auf WordPress.com laufend kopieren, für den Fall der Fälle. So kannst Du bei einer Sperre mit dem Reserveblog weitermachen. Oder alternativ? Nutze Blogger.com (das zu Google gehört), kopiere dort dir Beiträge in ein Reserveblog. Bei WordPress.com und Blogger.com muss die Firma nämlich in den USA richterlich für eine Sperre sorgen, was nicht so einfach ist.

7. Resümee Unternehmen, die Mitarbeiter systematisch ungerecht und unmenschlich behandeln, das notwendige, wirtschaftliche Maß bei Weitem überschreiten, scheuen die Öffentlichkeit wie die Pest. Mitarbeiter sind ihrer Achillesferse. Was nicht heißt, dass ein bloggender Mitarbeiter Erfolg haben wird. Wenn die Stories kein „wir“-Gefühl erzeugen, wenn das Schreibtalent nicht reicht, wenn die Fähigkeit zum Trommeln nicht ausgeprägt genug erscheint, wenn wenn wenn. Möglicherweise ist es der Firma auch letztlich egal, wenn ihre Methoden an die Öffentlichkeit kommen? Aber immer noch besser, es zu versuchen denn im Stillen zu Jammern. Die Zeit spielt insgesamt eine große Rolle. Vor 20 Jahren waren solche Möglichkeiten undenkbar, in einer zunehmend vernetzten, digitalen Welt hat das Individuum jedoch Werkzeuge in die Hand bekommen, sein Anliegen öffentlich zu machen. Eine Chance ist da, mehr zunächst nicht.

Und eines sollte auch klar sein: Wer sich nicht sicher ist, dass er mit seinem Whistleblower-Blog anonym bleiben kann, um einer Kündigung zu entgehen, der soll es lassen.

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