die Süddeutsche schreibt:

Noch etwas eint diese Länder [gemeint sind arabische Länder]: die modernen Kommunikationsmittel Internet, Twitter und Handy. Sie haben einer jungen, nicht traditionell in offiziellen Parteien organisierten Basisopposition zu mehr Freiräumen verholfen. Diese Freiräume aber kann der klassische Polizeistaat à la Tunis oder Kairo viel schlechter kontrollieren als ihm dies bei den klassischen Oppositionellen und Menschenrechtlern gewöhnlich gelingt.

Ungeachtet dessen, welche Rolle das Netz bei der tunesischen Revolution gespielt haben mag (der Aufstand wurde immer noch auf der Straße wirksam ausgeübt und nicht etwa im Netz), werden viele Staaten ein noch höheres Augenmerk auf die Kontrolle digitaler Medien werfen. So wurde in der Presse die Vermutung geäußert, dass die tunesischen Behörden Zugänge zu Plattformen wie Facebook über den staatlich kontrollierten ISP ausgelesen haben sollen. Wenn es stimmt, ok, denn verhindert hat es den Umsturz nicht. Auch hat der elektronisch Ausweis, den jeder Tunesier mit sich führen musste, nicht dazu beigetragen, den Umsturz zu verhindern. Auf dem Ausweis sollen für die Behörden wichtige Daten verknüpft gewesen sein, die wohl zielgerichtet zu einer besseren Kontrolle der Bevölkerung dienten.

Wir wissen nicht, wie groß der Anteil des digitalen Kontrollsystems war, den letztlich stattgefundenen Umsturz lange Zeit zu verhindern. Ebenso wissen wir nicht, wie groß der Anteil des Systems für den Umsturz war.

So oder so, ob nun digitale Kontrollmaßnahmen funktioniert haben oder nicht, Regimes werden mit Sicherheit von Tunesien lernen. Je mehr bekannt wird, dass digitale Kommunikation ein wichtiger Bestandteil gewesen sein soll, werden Gegenstrategien aufgestellt. Jede Organisation lernt aus den Fehlern von Dritten und justiert seine eigenen Maßnahmen.

Für Betroffene heißt das ebenso, in einer unendlichen Spirale, eigene Gegenmaßnahmen zu finden. In China soll angeblich die Nutzerschaft eine eigene Sprache zwischen den Zeilen gefunden haben. Nichts sagen, dennoch verstanden werden, ohne dass der Apparatschik etwas Konkretes in der Hand hat.

Hierzu eine kleine Geschichte aus meinem Land Kroatien:
Mit Einführung des Kommunismus wurde das Grußwort „Gott mit Dir“ verboten. Oder genauer gesagt, Religion und Parteigehorsam vertragen sich nicht. So wurde aus „za bogom“ einfach das Kürzel „bok“. „Bog“ heißt „Gott“, „za“ heißt „mit“. Und Bok? Tja :) Bis heute ist „bok“ ein populäres Grußwort geblieben, System hin, System her.

Was ich damit sagen will? Es besteht die Befürchtung, dass mit Zunahme der digitalen Technik der Mensch kontrollierbarer wird. Was sich aber wirklich zeigt, dass der Mensch flexibel genug ist, um am System vorbeizudenken. Solange wir keinen Chip haben werden, der unsere Emotionen und Gedanken ausliest, gar kontrolliert, müsste an sich jegliche Kontrollstrategie aufschiebende, aber nicht absolut verhindernde Wirkung haben.

Das Prinzip der Strategie und Gegenstrategie geht im digitalen Sinne nicht immer zu Gunsten Leidtragender aus, betrachtet man kurze Zeiträume. Das Beispiel Birma hat uns gezeigt, wie wirksam eine Unterbrechung sämtlicher Nachrichtenkanäle inkl. Handys und Internet ist, den Druck von außen zu senken bis hin verebben zu lassen. Heute ist der Aufstand im Grunde genommen vergessen, Birma ein vergessenes Land.

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