Im Juni berichtete ich von einem Deutschen, der in Bahrain festsitzt. Jürgen Ziebell (Blog) heißt das arme Schwein, der seit Mai 2012 aufgrund des sogenannten Travel Bans von den Behörden an einer Ausreise abgehalten wird. Gegen ihn liegt kein Verfahren an, es geht eigentlich nur um seinen Arbeitgeber, der dort Schulden gemacht hat und nicht zahlen will oder kann. Jürgen ist ein klassischer Faustpfand. Wie sein Alltag ausschaut, könnt Ihr gerne hier in einem Artikel nachlesen: Jahr 2 Tag 116: Lebensgefahr auf der Feuer Straße.

Er selbst versucht natürlich, den Travel Ban aufzulösen, aber sein Rechtsanwalt bekommt zu mickriges Geld vom Auswärtigen Amt, um sich damit ernsthaft zu befassen. Die deutschen Behörden schieben und halten nur hin, effektiv haben sie nichts getan, was Jürgens Problem löst. Also harrt er im Wüstenstaat aus, tagein, tagaus, ohne Aussicht auf irgendeine Lösung.

Als mir sein Fall erstmalig vor die Nase gekommen war, hatte ich diverse Firmen gefragt, ob sie ihm auf die eine oder andere Art wenigstens einen fahrbaren Mietwagenuntersatz sponsorn könnten, denn es ist kein Zuckerschlecken meilenweite Einkäufe bei 50 Grad zu Fuß zu erledigen (keine Kohle, kein Auto). Ich habe nicht etwa den kleinen Bäckersladen gefragt, sondern Großfirmen, die in Milliarden schwimmen und sich Soziales auf die Fahnen schreiben. Alle haben abgewunken, einige wenige lumpige Euros zusammenzukratzen. Es würde nicht den „Compliance-Richtlinien“ entsprechen. Die Medien habe ich darauf hingewiesen, die winken regelmäßig ab, weil es im Grunde keine Story ist, die sich medial ausschlachten ließe. Business. Ich hatte direkt vor Ort nachgefragt, aber es fand sich niemand, der sich um ein Häuflein Elend kümmern will. Wozu auch, es gibt nicht einmal einen Blumenstrauß zu gewinnen. Auf politischer Ebene kann ich nicht werkeln, da ich weder Erfahrungen habe noch Kontakte, um irgendwas anzubohren.

Als ich nach Deutschland kam und mir meistens Gutes wiederfahren war und ist, habe ich immer und stets eine Verpflichtung gesehen, das wo immer möglich dem Staat und den Bürgern dieses Landes zurückzugeben. Mein gutes Leben habe ich Deutschland zu verdanken. Das ist keine Selbstverständlichkeit, da viele vor mir um ein besseres Deutschland gekämpft haben. Vieles basierte auf Menschlichkeit.

Doch was ich hier erfahren muss, ist auch eine Realität: Stirb und verrecke, denn Geld und Einfluss regiert die Welt. Ich kann und will das so nicht stehenlassen. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo die Menschen, wenn es kompliziert wird, abwinken und sich um ihren eigenen Scheiß kümmern, ihren Vorteil abwägen. Angefangen bei den Firmen bis hin zu den Ämtern. Ein Staat basiert nicht darauf, dass jedermann und jederfau sich nur um eigene Belange kümmern. Und ich mag nicht hinnehmen, dass Mitleid und Mitgefühl nur noch zu einem regulierten Sozialwort verkommen.

Wenn es einen Jürgen Ziebell gibt, wird es viele andere geben. Das sind keine Statistiken und Zahlen, es sind Menschen. Und wenn sie Hilfe brauchen, frage ich nicht nach Schuld, Eigenverantwortung, meinen eigenen Vorteilen. Mit Menschlichkeit bin ich aufgewachsen und ich werde mit Menschlichkeit abtreten. Ungeachtet dessen, dass Menschlichkeit in Deutschland anscheinend mit der Lupe zu suchen ist.


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